Der herausragend gute, raffiniert konzipierte und ausgezeichnet gespielte sechsteilige ARD-Polit-Thriller „Das zweite Attentat“ erzählt vor dem Hintergrund des Irak-Kriegs eine aufwendig umgesetzte Geschichte wie aus Hollywood.
Haben deutsche Geheimdienstler einen ihrer Agenten getötet? Und befindet sich dessen Sohn, der der Wahrheit auf der Spur ist, in Gefahr? Protagonist Alex Jaromin (gespielt von Noah Saavedra, r.) und Ivo Rebic (gespielt von Luc Schiltz, l.) in Folge eins der packenden Serie.
Von Tilmann P. Gangloff
Ein Stoff wie aus Hollywood: Nach dem Tod seines Vaters vor zwanzig Jahren sind Alex Jaromin und seine Mutter im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms in Athen untergetaucht. Als die Mutter an Krebs stirbt, hinterlässt sie dem jungen Mann eine DVD mit mysteriösem Inhalt. Er findet schließlich heraus, dass der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) maßgeblich in den völkerrechtswidrigen US-Angriff auf den Irak verstrickt war. Es dauert allerdings eine ganze Weile, bis die sechsteilige Serie diesen Hintergrund preisgibt.
Zunächst lässt Chefautor Oliver Bottini Held und Publikum komplett im Dunkeln tappen. Fotograf Alex hat keine Ahnung, mit welch’ mächtigen Gegenspielern er sich anlegt, als er in seine einstige Heimat zurückkehrt, um zu recherchieren, was es mit der DVD auf sich hat: Jaromin senior war als Scharfschütze regelmäßig für den BND in heikler Mission unterwegs. Seine Ermordung im Jahr 2003 war angeblich ein serbischer Racheakt, nachdem er in Bosnien einen hochrangigen Kriegsverbrecher liquidiert hatte. Die wahren Hintergründe des Anschlags auf die Familie, bei dem auch Alex’ kleine Schwester starb, sind allerdings ungleich komplexer.
Raffinierte Erzählung samt unerwartetem Knüller
Die Handlung der durchgehend fesselnden, raffiniert konzipierten und ausgezeichnet gespielten Serie basiert letztlich auf einer Farce, die Johannes Naber bereits in seiner Kinosatire „Curveball – Wir machen die Wahrheit“ (2020) erzählt hat: Ein irakischer Ingenieur, der den Decknamen Curveball bekam, hat den BND 1999 im Rahmen eines Asylantrag über die irakische Produktion von chemischen Kampfstoffen informiert. Seine Aussage hat letztlich zum Irak-Krieg geführt.
Bottini, sein vierköpfiges Drehbuch-Team sowie die für Regie Verantwortlichen Philipp Osthus und Barbara Eder haben aus diesem Stoff einen Polit-Thriller gemacht, der den Vergleich mit aufwendigen Netflix-Produktionen nicht zu scheuen braucht. Reizvoll ist „Das zweite Attentat“ schon allein wegen der raffinierten Erzählweise: Immer längere Rückblenden fördern nach und nach zu Tage, was sich vor zwanzig Jahren tatsächlich ereignet hat und wie die deutschen Behörden gegeneinander intrigiert haben. Alex’ Vater Frank (Daniel Lommatzsch) geriet damals zwischen die Fronten und wurde zum Bauernopfer.
Die Geschichte verblüfft exakt zur Hälfte durch einen völlig unerwarteten Knüller, wird zunächst jedoch immer undurchschaubarer, je mehr Puzzlestücke Alex zusammenträgt. Sehenswert ist auch die Umsetzung. Schon allein die von Eder und Stephan Burchardt konzipierte Bildgestaltung ist preiswürdig, zumal die Kamera mit mutwilligen Unschärfen und gekippten Achsen verdeutlicht, wie sehr Alex’ Leben aus der Spur geraten ist. Die albtraumhaften Rückblenden in Alex’ Kindheit sind grobkörnig, die oftmals diffusen Gegenwartsaufnahmen entsprechen seiner Verwirrung. Viele Einstellungen sind zudem kühl und geizen mit Farbe. Das passt zu der Kälte, mit der skrupellose Karrieristen in den verschiedenen Ämtern ihre früheren Fehler vertuschen wollen.
Herausragender Hauptdarsteller als emotionaler Anker
Jenseits des Kamerahandwerks, an dem auch Birgit Dierken und Frank Küpper beteiligt waren, lebt die Serie dennoch vor allem von Noah Saavedra, der die Hauptfigur in allen psychischen und physischen Höhen und Tiefen herausragend verkörpert. Selbst wenn Alex zwischenzeitlich in den Hintergrund tritt, weil Bottini von einer über zwei Jahrzehnte alten Verschwörung innerhalb der verschiedenen Geheimdienste erzählt, so bleibt er doch der emotionale Anker des Films. Wie immer in solchen Geschichten hat der Held keine Ahnung, wem er überhaupt trauen darf. Am ehesten käme noch eine Vernehmungsspezialistin vom BKA infrage, aber Hanne Lay (Désirée Nosbusch) hat sich in dieser Hinsicht vor zwanzig Jahren disqualifiziert, als sie Jaromin senior des Hochverrats beschuldigte; diesen Fehler will sie nun wiedergutmachen.
Zur widerspenstigen einzigen Vertrauten des Fotografen wird daher eine aus dem Iran stammende junge deutsche Dolmetscherin (Deleila Piasko), die sich für den Widerstand der Frauen in ihrem Geburtsland engagiert. Auf diese Weise bringt Bottini ein weiteres schwieriges Thema ins Spiel. Dass die Geschichte trotzdem nicht hoffnungslos überfrachtet wirkt, ist ein echtes Kunststück, zumal die Erzählstruktur dauernd zwischen den verschiedenen Zeitebenen hin und her hüpft. Außerdem tauchen ständig neue Figuren auf, deren Verwicklung ins Geschehen jedoch erst mal nicht näher erläutert wird. Keinerlei Fragen offen lässt allein ein Killerpärchen (Torben Liebrecht, Alessija Lause), das sich die DVD schnappt und Alex für immer zum Schweigen bringen will. Die Bedeutung des Titels offenbart sich erst in der dramatischen letzten Episode.
„Das zweite Attentat“, ARD, 9. April, 20.15 Uhr und 11. April, 22.20 Uhr, vorab bereits in der ARD-Mediathek.
Zum Hintergrund
Idee und PlotOliver Bottini, Autor der zum Teil mit Melika Foroutan für die ARD verfilmten Kriminalromanreihe „Louise Boni“, hatte die Idee zu einer Miniserie über die realen und fiktiven Aktivitäten des BND in Bagdad unmittelbar vor dem Irakkrieg bereits 2016. Produzent Mario Krebs gab grünes Licht, also legte er los, beschloss aber knapp zwei Jahre später, den Stoff auch in einem Roman aufzuarbeiten, was zu unerwarteten Schwierigkeiten geführt habe: „Meistens wollte der Romanautor anders als der Drehbuchautor.“ Die WDR-Fernsehfilmredaktion hatte dann die Idee, der Geschichte eine Gegenwartshandlung hinzuzufügen. Die ominöse Geheimdienstgruppe, die dem jungen Helden nach dem Leben trachtet, sei jedoch eine Erfindung, versichert Bottini.