1700 Kilometer allein auf Achse

Anne Claußnitzer war zwei Monate lang mit dem Fahrrad auf dem Balkan unterwegs – Hunde sorgen für mulmige Gefühle

Zwei Monate lang radelte die Backnangerin Anne Claußnitzer durch Albanien, Nordmazedonien, den Kosovo und Montenegro. Rund 1700 Kilometer legte sie mit dem Trekkingrad zurück. Durch einsame Bergregionen führte der oft strapaziöse Weg. Viel Hilfsbereitschaft und Gastlichkeit hat die Alleinreisende aus dem Murrtal erfahren.

1700 Kilometer allein auf Achse

Zwei Monate mit dem Fahrrad unterwegs: Anne Claußnitzer in Albanien. Foto: privat

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Auch in Deutschland ist Anne Claußnitzer viel mit dem Fahrrad unterwegs. Sie unternimmt mehrtägige Fahrradtouren nach München oder Ravensburg, radelt mal eben nach Stuttgart, um etwas zu erledigen, oder an den Ebnisee zum Baden. Ihren Urlaub wollte sie aktiv und weitab vom Touristenrummel verleben. Albanien sei so, wie Griechenland früher einmal war, hatte sie gehört. Mit dem Reisebus und ihrem Trekkingrad machte sich die 58-Jährige dorthin auf den Weg. Zwar werden auch organisierte Fahrradtouren in dem Land angeboten, die Rundreisen zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten auf dem Programm haben, aber hierbei sind die Strecke und die Dauer der Aufenthalte vorgegeben. Anne Claußnitzer sagte sich: „Das kann ich auch allein.“

In zwei Satteltaschen hatte sie ihr Gepäck verstaut und vorne am Rad einen kleinen Werkzeugkoffer befestigt, was sich noch als hilfreich erweisen sollte. An einem Tag in den Bergen traf es sie besonders hart. Nicht nur, dass es in Strömen regnete und sie einen platten Reifen reparieren musste. Dann ist auch noch der Schlauch geplatzt, und der Mantel hatte einen Riss, erzählt sie. Etwa zehn Kilometer weit hat sie ihr Rad geschoben, bis sie in ein Dorf kam, von dem aus ein Minibus startete. In den völlig überfüllten Kleinbus habe man kurzerhand nicht nur sie, sondern auch ihr Fahrrad gequetscht. Von der Hilfsbereitschaft der Menschen ist Anne Claußnitzer begeistert. In der nächsten kleinen Stadt klapperte der Busfahrer mit ihr sämtliche Werkstätten ab, bis endlich die passenden Ersatzteile gefunden waren. Dann wurde sie auch noch eingeladen, bei der Familie zu übernachten. „Die Gastfreundschaft ist unglaublich“, betont die Individualurlauberin. Die Frage, ob sie als allein reisende Frau belästigt worden sei, beantwortet Claußnitzer mit „Definitiv nein“. Von den Einheimischen habe sie sich eher beschützt gefühlt. „Touristen haben dort Welpenschutz“, schmunzelt sie. Das sei auch im Kosovo spürbar, wo sich der Tourismus noch im Aufbau befindet. Von den Folgen des Kriegs sei hier nichts mehr spürbar.

Vor den Menschen brauche man keine Angst zu haben. Ein mulmiges Gefühl überkam die Radlerin allerdings manchmal wegen der Hunde. „Natürlich passen die Hirtenhunde auf ihre Herde gut auf, in einem Land, in dem es Wölfe und Bären gibt“, hat sie einerseits Verständnis. Wenn im Bergland so ein Hirtenhund kläffend auf sie zukam, dann stellte sie ihr Rad wie ein Schutzschild vor sich und brüllte den Vierbeiner an, so laut sie konnte. „Die verstehen alle Schwäbisch“, kann sie heute darüber scherzen. Entweder die Hunde gaben klein bei oder der Hirte wurde zumindest aufmerksam und rief sein Tier zurück. Bei zwei Wachhunden auf einem kleinen Gehöft funktionierte das leider nicht und sie wurde in den Fuß gebissen. Zum Glück habe ihr festes Schuhwerk das Schlimmste verhindert. „Die Hunde waren mein einziges Problem in diesem Land“, blickt sie zurück. Ein Bergführer habe ihr sogar geraten, für den Notfall Silvesterknaller mit sich zu führen, die sich für die Hunde wie ein Schuss anhören.

Die Jacke aus Deutschland hielt den Strapazen nicht stand

An einem Tag legte die Radfahrerin oft 80 bis 100 Kilometer zurück. Wo es ihr gefiel, da blieb sie eine Weile. Sehenswürdigkeiten wie die albanische Stadt Gjirokastra, die seit 2005 zum Unesco-Welterbe zählt, waren ebenso ihr Ziel wie entlegene Bergregionen. „Man verliert jegliches Zeitgefühl.“ Von Schneeregen im Hochland bis zu frühsommerlichen Temperaturen an der Mittelmeerküste war alles dabei. Im Kosovo kaufte sie sich eine Bauarbeiter-Regenjacke. Die in Deutschland gekaufte hielt den Strapazen nicht stand.

In der Bergregion setzte sie kürzere Etappenziele an. „Da muss man schon mal ruckzuck 1000 Höhenmeter überwinden.“ Das kann natürlich auch einer geübten Radfahrerin an die Substanz gehen. Aber die nächste Ortschaft muss nun mal vor Einbruch der Dunkelheit erreicht werden. Bei einem Sturz verletzte sie sich und schob ihr Fahrrad noch rund 40 Kilometer bis zum nächsten Etappenziel. Wenn sie merkte, dass sie mit ihren Kräften ans Limit kam, begann sie, Kinderreime aufzusagen oder sich Rechenaufgaben auszudenken. Das sei wie eine Art Meditation gewesen. „Wenn’s klemmt, dann kann ich beißen“, sagt Anne Claußnitzer und überlegt schon, wo es nächstes Jahr mit dem Fahrrad hingehen soll.