Auf zum Zentralabitur? Eisenmanns Vorstoß stößt auf Skepsis

dpa/lsw Stuttgart. Die verschiedenen Schulsysteme können Kinder, die innerhalb von Deutschland umziehen, vor große Probleme stellen. Kultusministerin Eisenmann will Vereinheitlichungen - vor allem beim Abitur.

Auf zum Zentralabitur? Eisenmanns Vorstoß stößt auf Skepsis

Susanne Eisenmann (CDU), Baden-Württembergs Kultusministerin. Foto: Fabian Sommer/Archivbild

Mit unterschiedlichen Standards beim Abitur soll nach Meinung von Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann langfristig Schluss sein. Die CDU-Politikerin sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Dienstag): „Wir brauchen in Deutschland innerhalb von fünf bis zehn Jahren ein zentrales Abitur und auch für andere Schulabschlüsse zentrale Prüfungen.“ Dies heiße für das Abitur: „Am Ende muss es nicht nur deutschlandweit dieselben Prüfungsaufgaben geben, sondern auch einheitliche Regeln dafür, welche Fächer ins Abitur eingebracht werden.“

Damit befeuerte die designierte CDU-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl 2021 ein Thema, an dem sich schon seit Jahren die Geister scheiden. Einerseits klagen Eltern und Schüler bei Umzügen innerhalb Deutschlands über die unterschiedliche Bildungslandschaft. Und bei der Vergabe von Studienplätzen kann die Abiturnote ein zentrales Kriterium sein, obwohl das Abitur unterschiedlichen Standards unterliegt. Anderseits liegt die Bildungshoheit bei den Bundesländern - und die sahen ein Zentralabitur in der Vergangenheit als Einfallstor zu einer zentralen Bildungspolitik, deren Kritiker eine Nivellierung des Leistungsniveaus nach unten befürchten.

So meinte jetzt auch der Landesvorsitzende des Philologenverbandes, Ralf Scholl: „Ein bundesweites Abitur ist ein gutes Ziel - aber nur auf bayerischem Niveau oder dem Niveau von Baden-Württemberg vor dem Jahr 2011.“ Bislang habe jeder Versuch der Vereinheitlichung dazu geführt, dass das Niveau gesunken sei. Der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Carsten Rees, sagte: „Ich sehe ein Zentralabitur in Deutschland in den nächsten zehn Jahren nicht einmal ansatzweise.“ Zu groß seien die Unterschiede. Schon heute sei es schwierig, überhaupt die Termine für gemeinsame Prüfungen in Deutsch, Mathe und den Fremdsprachen länderübergreifend koordiniert zu bekommen.

Seit 2017 können die Bundesländer die Abituraufgaben für die Fächer Mathe, Deutsch und die Fremdsprachen aus einem gemeinsamen Aufgabenpool der Kultusministerkonferenz entnehmen. Vor zwei Jahren hatte sich Eisenmann noch gegen ein Zentralabitur ausgesprochen. Eine Sprecherin erklärte, die Erfahrungen mit dem Aufgabenpool zeigten, dass das gemeinsame Vorgehen nicht die gewünschten Effekte zeige und es immer noch keine vergleichbaren Bedingungen für das Abitur gebe.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sieht Vor- und Nachteile eines Zentralabiturs. Einerseits dürften die Standards nicht zu sehr voneinander abweichen. „Man braucht eine bessere Vergleichbarkeit.“ Ein Zentralabitur sei aber allenfalls etwas für einen Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren. Zudem nähmen zentrale Prüfungen den Ländern die Freiheit, eigene Schwerpunkte zu setzen.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz und hessische Kultusminister, Alexander Lorz (CDU), erklärte: „Unser Ziel ist es natürlich, die Vergleichbarkeit des Abiturs, soweit wie es in einem föderalen Staat möglich ist, noch weiter zu erhöhen.“ Mit dem gemeinsamen Aufgabenpool für das Abitur sei man auf dem Weg dorthin schon ziemlich weit. Er bat aber um Geduld: „Es liegen auch noch einige Schritte vor uns, und vor allem braucht es Zeit, bis der Aufgabenpool seine Wirkung in vollem Umfang entfalten kann.“

Die Landeschefin der Bildungsgewerkschaft GEW, Doro Moritz, hielt Eisenmann hingegen schlichtweg Populismus vor. „Ein zentrales Abitur und zentrale Prüfungen für andere Schularten sind weder sinnvoll noch in fünf bis zehn Jahren realisierbar.“ Eisenmann solle sich lieber darum kümmern, den Unterrichtsausfall an den Gymnasien in Baden-Württemberg zu senken. Auch Grünen-Bildungsexpertin Sandra Boser sprach von „großspurigen Ankündigungen“ der Kultusministerin, die erstmal dafür sorgen solle, dass die Kultusministerkonferenz den „holprigen Start“ des gemeinsamen Aufgabenpools in den Griff bekomme.

Der SPD-Bildungsexperte im Landtag, Stefan Fulst-Blei, meinte: „Die föderale Struktur, insbesondere mit Blick auf die inhaltliche Ausgestaltung der Lehrpläne, hat ihre Gründe und sollte nicht leichtfertig über Bord geworfen werden.“ Die Vergleichbarkeit der Abschlüsse sei wichtig, ein Zentralabitur aber nicht der einzige Weg.

Eisenmann reagierte mit ihrer Forderung auf die Ankündigung des Bundes, einen Nationalen Bildungsrat einzurichten, um für mehr Vergleichbarkeit im Bildungswesen zu sorgen. Das Vorgehen sei falsch. „Wir brauchen kein zusätzlich beratendes Gremium, das bedrucktes Papier ohne verbindliche Wirkung produziert“, erklärte sie. „Wir brauchen selbstständige Länder, die aus eigener Kraft gemeinsam Dinge voranbringen.“ Eisenmann plädierte für einen gemeinsamen Staatsvertrag, in dessen Rahmen sich die Länder auf ein deutschlandweites Zentralabitur verständigen sollten.