Singen, spielen, basteln – so sah früher der Alltag im Kindergarten aus. Heute verstehen sich Kitas als erste Bildungseinrichtungen und wollen spielerisch Wissen vermitteln und Talente fördern. Viele Einrichtungen haben sich deshalb ein eigenes Profil gegeben und setzen unterschiedliche Schwerpunkte.
Wo passt mehr Wasser rein: In die schmale Flasche oder in das bauchige Marmeladenglas? Spielerisch lernen der sechsjährige Finjas und die dreijährige Lia im Kindergarten Am Sommerrain naturwissenschaftliche Zusammenhänge kennen. Foto: A. Becher
Von Kornelius Fritz
BACKNANG. Donnerstags ist Forschertag im Kindergarten Am Sommerrain in Backnang. Weil draußen die Sonne scheint, haben die Erzieherinnen verschiedene Stationen im Garten aufgebaut. Auf einem Tisch stehen Gefäße in allen Größen, die die Kinder mit gefärbtem Wasser befüllen. Der sechsjährige Finjas hat sich eine Flasche und ein Marmeladenglas geschnappt und testet mit einem Messbecher, wie viel Wasser hineinpasst. Die dünne Flasche läuft schon nach zwei Füllungen über, im Marmeladenglas ist dagegen noch reichlich Platz, obwohl es doch viel niedriger ist. „Wie kommt das?“, fragt Betreuerin Jasmin Bruckmann. Finjas überlegt. „Weil das da dicker ist“, stellt er schließlich fest und zeigt auf das Glas. Beim Spielen hat er ganz nebenbei ein naturwissenschaftliches Phänomen begriffen.
Der Kindergarten Am Sommerrain ist eine von mehreren Backnanger Einrichtungen, die als „Haus der kleinen Forscher“ zertifiziert sind. Das bundesweite Programm wurde von einer Stiftung ins Leben gerufen und wird im Rems-Murr-Kreis von der Industrie- und Handelskammer und dem Arbeitgeberverband Südwestmetall unterstützt. Die Projektpartner organisieren Fortbildungen für die Erzieherinnen, stellen den Kindergärten ganze Ordner voller Ideen und auch Material zum Experimentieren zur Verfügung. So wie die Reagenzgläser und die Pipetten, mit denen Emily und Amir am Nebentisch unterschiedlich gefärbtes Wasser vermischen und beobachten, wie sich die Farbe verändert. Amir schaut fasziniert auf ein Röhrchen mit tiefrotem Inhalt: „Ich habe Blut erschaffen“, jubelt der Fünfjährige.
Erzieherinnen bringen ihre persönlichen Neigungen ein
Der Kindergarten Am Sommerrain ist mit seinem naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht die einzige Tagesstätte in Backnang mit einem besonderen Profil. In der Kita Waldrems etwa spielt Musik eine große Rolle: Die Einrichtung kooperiert seit zehn Jahren mit der Jugendmusikschule und wurde vom Chorverband Schiller mit dem Label „Wir singen gern“ ausgezeichnet. Bewegung wird in der Sportkita Plaisir großgeschrieben, die vor einem Jahr ihren Betrieb aufgenommen hat – vorerst noch in provisorischen Containerräumen, bis der geplante Neubau fertig ist. Und manchmal ist das Profil durch die Klientel auch quasi vorgegeben: So wie im Kindergarten Im Biegel, der wegen seines hohen Migrantenanteils den Schwerpunkt auf die Sprachförderung legt.
Neben unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten setzen die Kindergärten auch auf verschiedene pädagogische Konzepte. So arbeiten einige Tagesstätten mit sogenannten offenen Angeboten, also ohne feste Gruppen. Andere wiederum verfolgen spezielle pädagogische Richtungen. So beruft sich etwa die Maubacher Kita in der Imster Straße auf Maria Montessori, in der Lindenstraße orientiert sich die Konzeption an den Grundelementen der Waldorfpädagogik.
„Wir als Träger ermutigen unsere Einrichtungsleiter schon seit vielen Jahren, ein eigenes Profil zu entwickeln“, sagt Regine Wüllenweber, die Leiterin des Amts für Familie, Jugend und Bildung. Damit will die Stadt zum einen den Eltern ein möglichst breit gefächertes Angebot bei der Kinderbetreuung bieten, Wüllenweber denkt aber auch an die Erzieherinnen: „Wenn unsere Mitarbeiterinnen ihre eigenen Stärken und Fähigkeiten in ihre Arbeit einbringen können, führt das zu einer hohen Zufriedenheit.“ Die Profilbildung soll also auch dabei helfen, trotz des Fachkräftemangels engagierte Erzieherinnen zu gewinnen und auf Dauer zu halten. Allerdings soll die Schwerpunktbildung nicht dazu führen, dass andere Bereiche vernachlässigt werden. Auch in einem „Haus der kleinen Forscher“ wird deshalb natürlich gesungen, gemalt und geturnt.
Erst recht gehe es nicht darum, dass etwa die Sportkita eine Kaderschmiede für künftige Olympiasieger sein soll, betont Regine Wüllenweber. „Wir wollen nur Interesse wecken“, erklärt die Amtsleiterin, die davon überzeugt ist, „dass auch ein unsportliches Kind Spaß an Bewegung haben kann“. Sollten die Erzieherinnen allerdings ein besonderes Talent entdecken, sind sie durchaus dazu angehalten, auf die Eltern zuzugehen, um mit ihnen über eine mögliche Förderung ihres Kindes zu sprechen.
Stefanie Wahl ist immer wieder erstaunt über den Wissensdurst ihrer Schützlinge: „Wenn sie im Garten ein Insekt entdecken, holen sie sofort ihre Lupen“, erzählt die Leiterin des Kindergartens Am Sommerrain. Selbst bei den Allerjüngsten nimmt sie diese Neugier schon wahr, auch wenn ein Zweijähriges natürlich noch nicht in der Lage ist, naturwissenschaftliche Zusammenhänge zu begreifen. Und auch das Geschlecht spiele keine Rolle: Die Mädchen experimentieren und tüfteln mit demselben Eifer wie ihre männlichen Altersgenossen. Für Regine Wüllenweber ist die Arbeit im „Haus der kleinen Forscher“ damit eine ideale Vorbereitung für den weiteren Lebensweg der Kinder: „Wir erreichen so, dass viele interessierte Forscherkinder an den Schulen ankommen.“
In der neuen Sportkita Plaisir steht Bewegung an erster Stelle, so wie hier beim großen Sportfest auf dem Hagenbach. Foto: J. Fiedler