Gemeinsam mit „Fridays for Future“ und den „Parents for Future“ haben zahlreiche Gruppierungen im Rahmen der Veranstaltungsinitiative „Klimaschutz – unser Thema Nummer 1“ zur Klimademo in Backnang aufgerufen. „Kohle stopp!“ war eine der Botschaften, die von dem Protestzug ausging.
Demonstranten unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters beteiligten sich an der Klimademo. Foto: J. Fiedler
Von Renate Schweizer
BACKNANG. Armin Holp von der Veranstaltungsinitiative „Klimaschutz – unser Thema Nummer 1“ ist in seinem Element: Hier einen Infostand aufbauen, da noch schnell mit den Ordnungshütern den geplanten Demoverlauf absprechen, Helfer koordinieren, angemeldete Gruppierungen begrüßen, Mikro ausprobieren, zwischendurch kurz ein paar Sätze für die Backnanger Kreiszeitung – gleich geht’s los mit der dritten Veranstaltung des noch jungen Bündnisses, einer Demonstration für Klimaschutz.
Auf den „Bürgerbänken“ um den alten Marktplatz herum lauter Mitveranstalter: Dieter Schäfer von der Energiegenossenschaft Murrhardt eG zum Beispiel, Hanne Barth vom Solarverein Rems-Murr, Marco Schlich, der zur Satirepartei „Die Partei“ gehört, dem Bündnis aber als Privatmann beigetreten ist, und so weiter und so weiter. Es sind derzeit 18 lokale Initiativen und etliche Privatpersonen, die sich zusammengetan haben, um den Klimaschutz voranzubringen – viele davon sind schon seit Jahrzehnten aktiv. Holp erzählt: „Die Schülerstreiks ‚Fridays for Future‘ haben uns inspiriert, und wir haben diskutiert mit den Friday-Leuten und uns gefragt, wie wir sie unterstützen können.“
„Ohne das Engagement der Bürger wird sich nichts ändern“
Es geht um Vernetzung, um gegenseitige Ergänzung und darum, sichtbar zu machen, dass Klimaschutz ein gemeinsames Anliegen aller Generationen ist. „Ohne das Engagement der Bürger wird sich nichts ändern“, so Manfred Stütz vom Solarverein Rems-Murr und der Energiegemeinschaft Aspach GbR (Mitglied im Nabu ist er außerdem auch noch) – man kann das Thema nicht allein der Politik überlassen und hoffen, dass die es schon richten wird. Rainer Wieland von der Tierschutzpartei stimmt ihm zu. Befragt, was denn Tierschutz und Klima miteinander zu tun haben, antwortet er: „Es hängt doch alles mit allem zusammen.“ Klar: Massentierhaltung ist nicht nur ein Unrecht an Tieren, sondern auch ein Riesenklimakiller.
Folgerichtig wurde breit zur Demo eingeladen – gerade auch politische Parteien und ihre Jugendorganisationen – , und viele sind dem Aufruf gefolgt: Gernot Gruber von und für die SPD ist natürlich da, und auch dass die ÖDP sich mit einer ganzen Handvoll Leute und einem Infostand blicken lässt, überrascht nicht. Karl-Heinz Bok, der seit 30 Jahren für den Klimaschutz unterwegs ist, marschiert unter der Fahne der ÖDP mit, obwohl er im Grunde glaubt, dass es zu spät ist, das Klima-Ruder noch rumzureißen: „Jetzt, wo der Laden lichterloh brennt, jetzt wachen die Leute auf. Aber eigentlich ist der Käse gegessen.“ Trotzdem marschiert er mit: Aufgeben ist keine Option. Es sind aber auch Gruppierungen junger Menschen da, die man noch nicht oder kaum auf dem Schirm hatte: Die Linksjugend Rems-Murr-Kreis (seit August 2018) zum Beispiel und ein ganzer Trupp Leute vom „Offenen antifaschistischen Treffen“ und die schon erwähnte „Partei“, deren Ortsverband Backnanger Bucht erst am 7. Juli Gründungsversammlung hatte.
Die „Parents for Future“ sind da in Person von Bertram Ribbeck und wer weiß wer noch alles. Und natürlich Privatleute, die irgendwo Mitglied sind oder auch nicht, stellvertretend möge hier Petra im bunten Blumenkleid für sie sprechen: „Vor 40 Jahren sind mein Mann und ich gegen AKW marschiert“ – stolz deutet sie auf die Originalfahne – „und jetzt befürchten wir eine gewisse Offenheit der Friday-Bewegung für Nuklear. Das kann aber nicht die Lösung sein.“
Nicht sichtbar dabei, aber deutlich präsent und mit einer Schweigeminute gewürdigt, ist Bernd Hecktor, der im letzten September verstorbene Weissacher Kommunalpolitiker, Autor, Lehrer und Menschenfreund, der an diesem Tag Geburtstag gehabt hätte und ganz sicher begeistert vorne mitmarschiert wäre.
Zufrieden schaut Armin Holp, der offizielle Versammlungsleiter, sich um: Es ist keine Riesendemonstration geworden, aber sie ist definitiv präsentabel, und sie ist wahrhaft breit aufgestellt: Alte und Junge, Bürgerliche und Bunte, graues und grünes Haar – Erdenbürger aller Sorten, die sich um ihren Planeten sorgen. Nachdem er fast ironiefrei („das ganze rechtliche Zeug“) vorschriftsmäßig die Anstandsregeln fürs Demonstrieren verlesen hat, setzt sich der Zug in Bewegung. „Wir sind viele, wir sind laut, weil Ihr uns die Zukunft klaut!“ ruft er optimistisch in die Flüstertüte und ja, öhm, besonders laut ist das nicht, was ihm da entgegenschallt – Parolenrufen ist möglicherweise Übungssache.
Später, als die Jungen das Megafon in die Hand nehmen, klappt’s ein bisschen besser. Und noch ein bisschen später, unten in der Grabenstraße, gelingt sogar eine echte kleine Demonstration zum Thema Klimaschutz: Der Bus – der ÖPNV – wird unter Applaus durchgelassen, aber gleich hinter ihm schließt sich das Menschenknäuel wieder, und der ganze Rattenschwanz von Autos hinter dem Bus muss auch weiterhin hinter dem Demonstrationszug dreinschleichen.
Die Abschlusskundgebung mit den Reden, Aufrufen und flammenden Appellen, die zu jeder anständigen Demonstration dazugehören, findet dann wieder am alten Marktbrunnen statt,
Ganz am Ende, als alle Infostände abgebaut, alle Flyer verpackt und alle Demonstrierenden wieder von dannen gezogen sind, stellt sich heraus, dass die Demo Spuren hinterlassen hat: „Brecht die Macht der Energiekonzerne“ steht da in weißer Schrift auf dem Boden, „Kohle stopp!“ und „Fridays for Future“. Und Blumen und Sterne hat jemand dazugemalt. Mit wasserlöslicher Kreide natürlich – womit denn sonst?