Nach Jahren der Diskussion und Vorarbeit hat der Glasfaserausbau in der Region jetzt begonnen: Allmersbach im Tal ist eine der sechs Pilotkommunen, die von der Telekom als Erste mit schnellem Internet und Glasfaser bis ins Haus versorgt werden. Inzwischen laufen bereits die Planungen, welche Orte als Nächstes an der Reihe sind. Erklärtes Ziel ist es, bis 2030 alle Gewerbegebiete und 90 Prozent der Privathaushalte abzudecken.
In der Pilotgemeinde Allmersbach im Tal läuft der Glasfaserausbau bereits. Foto: A. Becher
Von Armin Fechter
BACKNANG. Das Wort klingt nicht nur nach ziemlich viel, es steckt auch viel dahinter: Gigabit Region Stuttgart – eine GmbH dieses Namens befindet sich in Gründung. Beteiligt sind, wie Helmuth Haag, Projektleiter und Leiter Kommunikation, erläutert, sieben öffentliche Träger: fünf Zweckverbände, die auf Landkreisebene gebildet wurden und in denen wiederum die einzelnen Städte und Gemeinden zusammengefasst sind, ferner die Stadt Stuttgart und schließlich die Region mittels der regionalen Wirtschaftsförderungsgesellschaft.
Die Gigabit-Region hat zwei Aufgaben: Zum einen soll sie den Glasfaserausbau in der Region Stuttgart koordinieren und zum anderen die Kooperation mit der Telekom organisieren. Mit der Telekom deshalb, weil mit ihr eine Rahmenvereinbarung geschlossen wurde. Diese gibt eine ganze Reihe von Zielmarken vor. So sollen, wie der regionale Breitbandbeauftragte Hans-Jürgen Bahde erläutert, bis 2022 alle Schulen und bis 2025 alle Gewerbegebiete sowie mindestens 50 Prozent der Privathaushalte einen Zugang zu einem Glasfaseranschluss haben, bis 2030 sollen es dann 90 Prozent sein. Denn der gegenwärtige Zustand stellt, so Bahde, „eine völlige Katastrophe“ dar.
Dass sich etwas tun muss, war schon länger klar. Weil es aber beträchtliche Zweifel gab, ob eine flächendeckende Versorgung mit schnellem Internet auf privatwirtschaftlicher Basis zu erreichen wäre, begannen Planungen für ein Backbone-Netz in öffentlicher Hand. Für jeden Landkreis in der Region sollte ein Rückgrat an Datenautobahnen entstehen, an das die örtlichen Netze andocken.
Dieses Konzept ist mittlerweile Historie, es wurde durch die Vereinbarung mit der Telekom ersetzt. Ihr steht als zentraler Ansprechpartner die Gigabit-Region gegenüber. Sie vertritt die Städte und Gemeinden, wobei von den 179 Kommunen in der Region nur 174 dabei sind. Die anderen, darunter die Stadt Schorndorf, verfolgen eigene Lösungen. „Das schadet dem Projekt nicht“, versichert Dezernent Gerd Holzwarth vom Landratsamt, wo das Thema Breitbandausbau im Vermessungsamt angesiedelt ist, auch wenn seiner Meinung nach Geschlossenheit schön wäre. Bahde signalisiert aber: „Wir freuen uns über jeden, der noch dazukommt.“ Allerdings: Kommunen aus angrenzenden Landkreisen können sich dem Projekt Stern, wie das europaweit größte Vorhaben in öffentlich-privater Partnerschaft (public-private partnership – PPP) bei der Telekom heißt, nicht anschließen.
Nachdem die Telekom den Glasfaserausbau an sechs Orten in der Region aufgenommen hat, warten schon die nächsten darauf, zum Zug zu kommen. Eine rollierende Ausbauplanung soll sicherstellen, dass die Kapazitäten möglichst effizient eingesetzt werden. Für jeweils 10000 Anschlüsse wird laut Bahde mit einer Bauzeit von etwa anderthalb bis zwei Jahren gerechnet. Für Backnang bedeutet dies, dass der Ausbau, so Holzwarth, wohl in zwei Wellen erfolgen wird. Allerdings wird dann nicht die ganze respektive halbe Stadt auf einmal aufgegraben. „Die Baustellen wandern“, versichert Michael Murer, der Breitbandkoordinator des Landkreises. Unterschiedliche Verfahren kommen zum Einsatz: Wo bereits Leerrohre zur Verfügung stehen, werden die Glasfaserkabel einfach hineingeblasen, wie die Macher sagen. Oder es wird, um keine großen Gräben ausheben zu müssen, nur ein schmaler Schlitz in den Gehweg gefräst, das Kabel eingelegt und die Oberfläche wieder verschlossen. Das geht schneller und reduziert sowohl Kosten als auch Beeinträchtigungen.
Warum aber sollte jemand, der bereits einen recht komfortablen 50-Mbit-Anschluss über Kupferkabel hat, auf Glasfaser umsteigen wollen? Zum einen, so Haag, sei das die Lösung für die Zukunft, wenn immer größere Datenmengen fließen. Zum anderen kostet der Anschluss im Zuge einer Ausbauwelle keine extra Gebühr. Später seien das dann aber stolze 700 bis 800 Euro, gibt Bahde zu bedenken. Der Teilnehmer müsse sich zwar zwei Jahre an die Telekom binden, könne danach aber den Anbieter wechseln. Und: Die Immobilie erfahre einen Wertzuwachs um vier bis acht Prozent.
Die Telekom investiert in der Region insgesamt 1,1 Milliarden Euro
Drei Ausbauaktivitäten laufen derzeit parallel. Erstens: In unterversorgten und damit förderfähigen Gebieten können die Kommunen beim Ausbau mit Zuwendungen von 90 Prozent der Kosten rechnen – unabhängig von der regionalen Kooperation mit der Telekom. Zweitens: Die Telekom treibt den Ausbau dort, wo sie eigenwirtschaftliches Interesse hat, voran und wendet dafür 600 Millionen Euro auf. Drittens: Im kooperativen Ausbau werden unattraktive Gebiete mit geringem Anschlusspotenzial mit kommunaler Beteiligung erschlossen, wobei beide Seiten je 500 Millionen Euro aufwenden. Der kommunale Anteil kann beispielsweise im vorbereitenden Einlegen von Leerrohren oder im Wiederherstellen von Oberflächen bestehen. Die Details werden dabei in einem eigenen Vertrag zwischen der jeweiligen Kommune und der Telekom geregelt, erläutert Murer.
„Jede Kommune weiß, wie hoch ihr Anteil wäre“, erläutert Bahde – die Summen sind jedoch wegen der Wettbewerbssituation vertraulich. Es gebe aber keine Kommune ohne einen Anteil im eigenwirtschaftlichen Ausbau. Und wie entscheidet sich, wann die Bagger wo rollen? Gibt es da nicht ein Hauen und Stechen zwischen den interessierten Kommunen, hakt Redaktionsleiter Kornelius Fritz nach. Da werde es keine großen Streitigkeiten geben, glaubt Murer: „Wir haben klare Kriterien.“ Ins Ranking fließen viele Faktoren ein, von der Topografie über die Siedlungsstruktur bis zu den Daten der Telekom zum Istzustand. Die Kommunen könnten aber laut Bahde ihren Platz durch eigene Aktivitäten beeinflussen. „Es gibt in der Summe nur Gewinner, keine Verlierer“, ist Holzwarth überzeugt.
Informierten in der Redaktion über den Stand der Breitband-Dinge (von links): Hans-Jürgen Bahde (Breitbandbeauftragter der Region Stuttgart), Helmuth Haag (Projektleiter der Gigabit Region Stuttgart GmbH i.G.), Gerd Holzwarth (Dezernent im Landratsamt) und Michael Murer (Breitbandkoordinator des Landkreises). Das Thema schnelles Internet ist bei der Kreisverwaltung im Vermessungsamt angesiedelt. Foto: A. Becher
Deutschland ist beim Glasfaserausbau Entwicklungsland: Der Anteil liegt bei dürftigen 2,6 Prozent. In Südkorea sind es 78,5 Prozent, in Schweden 64,3 und in Spanien 51,8. Glasfaser erlaubt Geschwindigkeiten bis 1000 Mbit/s.
Im Ländervergleich innerhalb Deutschlands hinkt Baden-Württemberg weit hinterher: Mit 2,0 Prozent liegt der Südwesten auf dem viertletzten Platz.
In der Region Stuttgart hat sich die Versorgung mit Zugängen über 50 Mbit/s in den letzten anderthalb Jahren deutlich verbessert. Sie liegt mit 88 Prozent (Rems-Murr-Kreis: 87 Prozent) klar über dem Bundes- und Landesdurchschnitt.
Dennoch liegt die Region Stuttgart hinter anderen Regionen in Deutschland. Die Region Köln hat bereits 93 Prozent erreicht, die Stadt Köln sogar 99 Prozent.