Glücksgefühle auf dem kältesten Berg der Erde

Der frühere Chirurgie-Chefarzt des Backnanger Kreiskrankenhauses Wolfram Gruner hat im zweiten Anlauf den Denali in Alaska bestiegen

Im zweiten Anlauf hat’s geklappt. Nachdem der frühere Backnanger Chefarzt Wolfram Gruner 2017 die Besteigung des Denali wegen einer Schlechtwetterfront abbrechen musste, stand der fitte Rentner jetzt 15 Tage vor seinem 70.Geburtstag glücklich auf dem Gipfel des höchsten nordamerikanischen Berges. Dieser gilt aufgrund seiner Lage in Alaska und der Höhe von 6190 Metern als der kälteste Berg der Welt.

Glücksgefühle auf dem kältesten Berg der Erde

Wolfram Gruner (Mitte) mit seinen beiden Begleitern Günther Hadlik und Josef Mayer auf dem Gipfel des 6190 Meter hohen Denali. Foto: privat

Von Matthias Nothstein

BACKNANG/AUENWALD. Die Reise nach Alaska ist lange geplant. Zusammen mit zwei Freunden aus der DAV-Sektion Schwaben, Günther Hadlik und Josef Mayer aus Aalen, fliegt Gruner nach Anchorage und fährt weiter mit dem Alaska-Express nach Talkeetna, dem Tor zum Denali-Nationalpark. Aber trotz aller akribischer Planung – das Gepäck fehlt nach der Landung. Fünf lange Tage dauert die Zitterpartie, bis die Ausrüstung endlich eintrifft. Als wäre der Zeitplan nicht schon genug durcheinandergewürfelt, muss das Trio dann noch den gesamten sechsten Tag auf dem Flugplatz ausharren, weil das Kleinflugzeug wegen schlechter Wetterbedingungen erst am Abend zum Basecamp auf 2000 Meter Höhe fliegen kann.

Dort angekommen komplettieren die drei Schwaben ihre Ausrüstung noch mit Benzin für ihre Kocher und packen alles in ihre Rücksäcke und auf drei Schlitten, die sie selber ziehen müssen. Das Gepäck wiegt pro Nase 60 Kilogramm. Aufgrund des großen Gewichts sind Gruner und seine Freunde immer nur mit der Hälfte der Ausrüstung unterwegs. Mit der Konsequenz, dass sie die Strecken zwischen jedem Lager immer zweimal zurücklegen müssen. Nach einer Nacht im Basecamp erreichen sie Lager 2 in 2600 Meter Höhe. Dass sie die Schlitten bis dorthin über zwölf Kilometer auf einem Gletscher ziehen müssen, strengt zwar alle an, dient aber der Akklimatisierung. Kaum ist das Lager angelegt und der Proviant im Depot verstaut, geht es auf Skiern wieder zurück zum Basecamp, um den zweiten Teil der Ausrüstung zu holen.

Ein Schneesturm fesselt das Team einen Tag lang ins Zelt

Dieses Spiel wiederholt sich beim Lager 3 auf 3400 Metern Höhe. Wieder heißt es, Material deponieren und zurück, den Rest nachholen. Dass der Denali, der früher Mount McKinley genannt wurde, zu den klimatisch extremsten Bergen der Erde gehört, wird der Gruppe schon in dieser Höhe durch die heftigen Winde deutlich. Schon beim Lager 3 reicht es deshalb nicht mehr aus, einfach nur ein Zelt aufzustellen. Vielmehr müssen Gruner und Co. es noch extra mit einer Mauer aus Schnee sichern. Dazu hat das Team eigens eine Schneesäge dabei. Es passt ins Bild, dass ein Schneesturm danach alle drei einen ganzen Tag lang ins Zelt fesselt. Auf der anderen Seite „ist ein Tag in dreieinhalbtausend Metern Höhe perfekt für die Anpassung“, so die Auffassung des durchtrainierten Sportlers aus Auenwald, der sich das Jahr über mit täglichem Krafttraining und mit Jogging- und Golfrunden fit hält.

Vom Transport her die „brutalste aller Etappen“ soll aber erst noch kommen. Der lange Weg mit den schweren Schlitten zum Lager 4 in 4350 Meter Höhe über die Hochfläche Windy Corner fordert den Männern einiges ab. Im Lager 4 betreiben Ranger das Medical Camp. Im Notfall können hier auch Helikopter landen. Während Gruner nach der Schinderei für einen Ruhetag plädiert, sprechen sich seine Gefährten dafür aus, diesen Tag erst im folgenden Hochlager zu machen. Auf dem Weg dorthin kippt das Wetter unerwartet und entgegen der Prognosen der Ranger zum zweiten Mal. Die Gruppe ist zu diesem Zeitpunkt gerade auf der West-Buttress-Flanke in 5000 Metern Höhe auf einem Grat unterwegs. Viele andere Bergsteiger drehen angesichts der Wetterunbilden um. Nicht so die Schwabengruppe. Die Temperatur fällt auf minus 35 Grad Celsius, selbst im Zelt sind es nur minus 20 Grad. Und die gefühlte Temperatur ist aufgrund des Windchill-Faktors noch tiefer.

Doch so schnell wie das schlechte Wetter kommt, so schnell ist es wieder vorbei. Am Gipfeltag herrschen traumhafte Bedingungen. Aber zuerst sind 1000 Höhenmeter zu bewältigen. Während in vielen Gegenden Hochtouren vorsichtshalber schon vor Morgengrauen in Angriff genommen werden, brechen Gruner und seine Begleiter erst um 11 Uhr auf. Das ist kein Leichtsinn, denn in diesen Breitengraden wird es zu dieser Jahreszeit nie Nacht. So warten sie, bis die wärmende Sonne hinter dem Berg hervorkommt. Sieben Stunden später steht das Trio überglücklich auf dem Gipfel und erfreut sich an der gigantischen Sicht. Während inzwischen auf vielen berühmten Gipfeln Gedränge herrscht, muss sich das deutsche Trio den Moment nur mit wenigen Bergkameraden teilen, „an diesem Tag waren nur ganz wenige oben“. Da es allen dreien blendend geht, nehmen sie sich Zeit für das Gipfelgefühl. „Wir hatten Riesenglück mit dem Wetter und der Gesundheit und sind über eine Stunde oben geblieben“, so Gruner.

Zumindest früher zählte der Denali zu den gefährlichsten Bergen der Welt. Erst seit viele Sicherheitsmaßnahmen greifen, sinken die Todeszahlen. So muss zum Beispiel jeder Bergsteiger ein Gespräch mit den Rangern führen, es dient den Verantwortlichen zur Einschätzung der Touristen. So wird unter anderem die Ausrüstung geprüft. Ohne die Bescheinigung der Ranger fliegt kein Pilot einen Kletterer zum Basecamp. Gruner nimmt die Hürde problemlos. Zumal der frühere Chefarzt der Unfall- und Gefäßchirurgie am Backnanger Kreiskrankenhaus eine Ausbildung auf dem Gebiet Höhen- und Expeditionsmedizin hat und geprüfter Hochtourenführer ist. Täglich kontrolliert er Puls und Sauerstoffsättigung im Blut der Bergsportler. Er gibt zu bedenken: „Die Belastung durch den geringen Luftdruck entspricht beim Denali etwa einem 7000er im Himalaja, da der Berg viel weiter nördlich liegt.“

Die Abenteuerlust des 70-Jährigen ist nach diesem Gipfelerlebnis aber noch nicht gestillt. Dieser Tage ist er in Uganda unterwegs, wo er den 5100 Meter hohen Ruwenzori bezwingen möchte. „Dieser vergletscherte Berg mitten im Dschungel hat mich schon immer fasziniert.“ Fest geplant ist auch die Besteigung des Pik Lenin in Kirgisien. Dann geht es im Dezember nach Sibirien, anschließend mit seiner Frau nach Mexiko zum Tauchen und im Mai nach Spitzbergen. Außerdem pflegt er seine Hobbys und spielt bei den Murr-Jazzern Bass und Geige, fährt auf seiner Harley über die Landstraßen und sitzt seit Neuestem im Gemeinderat.

Mount Everest und Mount Vinson fehlen noch für die Seven Summits

Von seiner ursprünglichen Idee, einmal die höchsten Berge aller Kontinente zu erklimmen, hat der Oberbrüdener mittlerweile Abstand genommen. Zwar war er bereits auf allen außer zweien, aber auf eben diese fehlenden hat er inzwischen keine Lust mehr. „Der Everest ist mittlerweile so überlaufen, der interessiert mich gar nicht mehr. Und die Kosten von 40000 Euro für den Trip zum Mount Vinson in der Antarktis sind mir zu viel.“ Wobei Gruner im Falle des Mount Vinson die Tür noch einen Spalt offen lässt, „der juckt mich schon noch“. Auch was die Besteigung eines 8000er angeht, hat der Kletterer offensichtlich noch nicht das letzte Wort gesprochen. Vielmehr erklärt er, „mal sehen, was sich noch ergibt“. Selbst die Mount-Everest-Pläne hat der ehemalige Chefarzt noch nicht endgültig beerdigt. Sollte der Auenwalder die Besteigung des höchsten Berges der Erde doch noch in Angriff nehmen, dann steht eines für ihn jedoch fest: „Dann aber auf jeden Fall über die wenig begangene Nordflanke.“

Info
Der Denali und die Seven Summits

Der Denali liegt in Alaska und ist mit 6190 Metern Höhe der höchste Berg Nordamerikas. Von 1917 bis 2015 hieß der Berg offiziell Mount McKinley. Er gehört damit zu den Seven Summits, den jeweils höchsten Bergen der sieben Kontinente.

Der Denali bildet den höchsten Gipfel der Alaskakette. Aufgrund seiner isolierten Lage ist er der Berg mit dem höchsten Relief der Erde, kein anderer Gipfel ragt so weit über sein Umfeld hinaus.

Der Berg gilt als einer der klimatisch extremsten der Erde und wird durch schlechtes Wetter und orkanartige Winde charakterisiert. In den Wintermonaten senkt sich der etwa 160 Stundenkilometer schnelle Jetstream über dem Berg ab. In Kombination mit der Höhe des Berges entsteht ein Venturi-Effekt, der die Windgeschwindigkeiten verdoppeln kann. Gerade bei wolken- und niederschlagsfreiem Wetter ist es am Denali besonders kalt. Die Temperatur auf dem Gipfel steigt selten über minus 15 Grad. Aber auch Temperaturen von minus 30 Grad sind in den Höhenlagen keine Seltenheit. Wegen des Windchill ist die ge- fühlte Temperatur noch deutlich niedriger. Die Klettersaison ist von April bis Juli.

Die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente werden inoffiziell als die Seven Summits (englisch für sieben Gipfel) bezeichnet. Für fünf Kontinente sind die Gipfel unstrittig. Afrika: Kibo im Kilimandscharo-Massiv (5895 Meter); Antarktis: Mount Vinson (4892); Asien: Mount Everest (8848); Nordamerika: Denali (6190); Südamerika: Aconcagua (6961). Umstritten ist, welches der höchste Berg Europas ist. Für die einen ist es der Mont Blanc in Frankreich mit 4810 Metern Höhe, andere zählen den Elbrus im Kaukasus mit 5642 Metern noch zu Europa. Ähnlich verhält es sich mit Australien/Ozeanien. Der höchste Berg Australiens ist der Mount Kosciuszko mit 2228 Metern. Andere listen die Carstensz-Pyramide in Indonesien auf. Sie ist 4884 Meter hoch und liegt in Indonesien auf der Insel Neuguinea. Politisch gesehen gehört der Berg zu Indonesien und damit zu Asien. Andererseits liegt die Carstensz-Pyramide auf der australischen Platte und gehört damit geologisch nicht zu Eurasien.