Die legendären Hunsrücker Räuber „Schinderhannes“ und „Schwarzer Jonas“ wurden 1803 in Mainz durch das Fallbeil hingerichtet. 1805 brachte der Heidelberger Anatom Jacob Fidelis Ackermann die beiden Skelette in sein Institut, wo sie in der Folge verwechselt wurden. Eine wissenschaftliche Spurensuche.
Das Porträt zeigt den „Schinderhannes. Gemalt wurde es 1803 vom kurpfälzischen Maler und Grafiker Karl Matthias Ernst. Genetische Analysen ermöglichten nun auch die Bestimmung seiner tatsächlichen Augen-, Haar- und Hautfarbe. Die Daten deuten darauf hin, dass er braune Augen, dunkle Haare und einen eher blassen Hautton hatte.
Von Markus Brauer
Er war ein Dieb und Mörder und doch ranken sich um das Leben des "Schinderhannes" noch heute wilde Legenden. Am 21. November wurde dem Räuberhauptmann ein jähes Ende gesetzt: In Mainz wurde er gemeinsam mit 19 seiner Missetäter durch das Fallbeil enthauptet.
„Schinderhannes" - Deutschlands bekanntester Räuber
Mit seinem Tod erlangte der "Schinderhannes", der mit bürgerlichem Namen Johannes Bückler hieß, den Status einer Räuberlegende. Die Stadt Simmern etwa bezeichnet ihn als einen „der bekanntesten Räuber Deutschlands“.
„Der Name Schinderhannes verweist auf die Tätigkeit des jungen Bückler, der bei zwei Abdeckern, die mancherorts auch Schinder genannt werden, als Lehrjunge gearbeitet und dort den Rufnamen erhalten hatte“, schreibt seine Geburtsstadt Miehlen auf ihrer Webseite. Demnach beging er mindestens 211 Straftaten etwa Diebstähle, Erpressungen und Raubüberfälle, aber auch Raubmord und Mord.
„Schwarzer Jonas“ gehörte zu einer Räuber-Dynastie
Der „Schwarze Jonas“ war bei seinen Zeitgenossen nicht minder gefürchtet als sein Kumpan „Schinderhannes“. Mit bürgerlichem Namen hieß der Räubergeselle Christian Reinhard (1774-1803) und stammte aus einer regelrechten Räuber-Dynastie.
Er entstammte der Bevölkerungsgruppe der Jenischen, die im 18. Jahrhundert als fahrende Krämer unterwegs waren. Sehr wahrscheinlich ist er eng verwandt mit dem Räuberhauptmann Hannikel, mit bürgerlichem Namen Jakob Reinhard, der 1787 in Sulz am Neckar hingerichtet worden war. Sein Stiefbruder war der Räuber Heinrich Blum.
Verwechslung der Skelette zu Beginn des 19. Jahrhunderts
Im Jahr 1805 brachte der erste Lehrstuhlinhaber der Anatomie der Universität Heidelberg, Jacob Fidelis Ackermann, die Skelette von Bückler und Reinhard in sein Institut. Offenbar kam es danach unter Ackermanns Nachfolger Friedrich Tiedemann zu einer Verwechslung der Sammlungsnummern. Damit begann die falsche Zuordnung der beiden Skelette.
Diesen Irrtum hat nun ein internationales Forscherteam mit modernsten Analyseverfahren aufklären und das Skelett des „Schinderhannes“ eindeutig zuordnen können. Die Wissenschaftler haben ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Forensic Science International: Genetics“ veröffentlicht.
Vermeintliches Skelett des „Schwarzen Jonas“ gehörte „Schinderhannes“
Die Forscher unter Federführung von Sara Doll vom Institut für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg sowie Walther Parson, Leiter des Forschungsbereichs „Forensische Molekularbiologie“ am Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität Innsbruck kombinierten im Rahmen der Studie verschiedene Analysemethoden und konnten damit zeigen: Das vermeintliche Skelett des „Schwarzen Jonas“ gehörte eindeutig dem „Schinderhannes“. Das angebliche Skelett des „Schinderhannes“ ist dagegen nicht das des „Schwarzen Jonas“.
Da die Nummern der Knochenmontagen zu Beginn des 19. Jahrhunderts offensichtlich falsch vergeben wurden, ging das tatsächliche Skelett des „Schwarzen Jonas“ im Laufe der Zeit verloren. „Möglicherweise wurde es im Glauben, es handle sich um das Skelett des ‚Schinderhannes‘, entwendet oder ausgeborgt und nie zurückgegeben? Ironischerweise könnte diese Verwechslung letztendlich dazu geführt haben, dass wir heute noch im Besitz des echten Skeletts von ‚Schinderhannes‘ sind“, sagt Sara Doll.
Genetische Rekonstruktion der Augen-, Haar- und Hautfarbe
Es gibt nur wenige, teilweise widersprüchliche zeitgenössische Beschreibungen von „Schinderhannes’“ Aussehen. Die wenigen erhaltenen Darstellungen – etwa Stiche oder Gemälde – entstanden meist nach seinem Tod und beruhen eher auf künstlerischer Freiheit als auf authentischen Vorlagen.
Neben der zweifelsfreien Zuordnung seines Skeletts erlaubten die genetischen Analysen nun auch die Bestimmung seiner Augen-, Haar- und Hautfarbe, wodurch auch die widersprüchliche Literatur-Lage für zukünftige wissenschaftliche und kulturelle Projekte geklärt wurde. „Die Daten deuten darauf hin, dass ‚Schinderhannes‘ braune Augen, dunkle Haare und einen eher blassen Hautton hatte“, erklärt Walther Parson, der diese Daten analysiert hat.
Schritt für Schritt zur Lösung des Rätsels
Mit Hilfe der so genannten Isotopenanalyse, bei der Experten verschiedene Atomarten desselben chemischen Elements – etwa im Knochen – untersuchen, stellten sie unter anderem fest, wo die beiden Personen mutmaßlich ihre Kindheit und späteren Lebensjahre verbracht haben. Im Fall des „Schinderhannes“ wäre der Bereich des Hunsrücks möglich.
Weitere anthropologische Untersuchungen wie zum Beispiel chemische Analysen der Knochen sowie radiologische Bildgebungsverfahren lieferten zusätzliche Informationen zum vermuteten Alter, Geschlecht und möglichen Erkrankungen der Individuen. „All diese Ergebnisse gekoppelt mit einer sorgfältigen Analyse historischer Dokumente deuteten auf eine mögliche Verwechslung der beiden Skelette hin“, erklärt Sara Doll.
Abgleich mit einem noch lebenden Nachkommen des „Schinderhannes“
Die Analyse der so mitochondrialen DNA bestätigte diese Vermutung. Diese Erbinformation wird nur über die mütterliche Linie an Nachkommen weitergegeben und eignet sich zur Bestimmung von Abstammungsverhältnissen. Der Abgleich mit einem noch lebenden Nachkommen des „Schinderhannes“ in fünfter Generation wies darauf hin, dass das Skelett, welches dem „Schwarzen Jonas“ zugeordnet war, von „Schinderhannes“ stammen könnte.
Nun folgte der letzte Schritt hin zur Lösung des Rätsels: Die Forscher analysierten auch die DNA aus Zellkernen der Skelett-Knochen. Eine neue molekulargenetische Methode ermöglicht dabei die Untersuchung von nahezu 5000 so genannten Markern. Sie bestätigten eindeutig das sich über fünf Generationen erstreckende Verwandtschaftsverhältnis.
Wo der „Schwarze Jonas“ abgeblieben ist und wer hinter dem jetzt „verwaisten Skelett“ steckt, haben die Forscher noch nicht aufgedeckt. „Es bleibt spannend“, resümiert Sara Doll. Das echte Skelett des „Schinderhannes“ wurde aus konservatorischen Gründen aus der Ausstellung entfernt. Besucher können eine künstlerisch gestaltete Replik des Skeletts und der Person des Räubers in der Anatomischen Sammlung sehen.