Eine Analyse der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland belegt den Trend zur säkularen Gesellschaft. Erstmals gibt es mehr Konfessionsfreie als Katholiken und Protestanten.
Insgesamt verloren die beiden großen christlichen Kirchen 2024 durch Austritte und Todesfälle zusammen mehr als eine Million Mitglieder. Dies brachte sozusagen die Wende im Verhältnis zu den Konfessionslosen.
Von Markus Brauer/dpa
Historischer Wendepunkt nach Jahrhunderten: Erstmals in der Geschichte Deutschlands bilden Konfessionslose einen größeren Anteil an der Bevölkerung als Katholiken und Protestanten. Dies geht aus Daten hervor, die die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland zusammengetragen hat.
Deutschland – Land des (Un-)glaubens
Eine Million Kirchenmitglieder weniger 2024
Zahlen spiegeln „belastbare Trends“ wieder
Die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) betont, sie wolle keine Exaktheit suggerieren, „die unter der gegebenen, lückenhaften Datenlage“ unmöglich sei. Es handle sich aber „um belastbare Trends“.
Die zusammengetragenen Zahlen seien „eine Mischung plausibler Daten und Schätzungen“. Es gebe eine unzureichende statistische Datenerhebung durch öffentliche Stellen, etwa bei der Erhebung muslimischer Bevölkerungsanteile, betont die Forschungsgruppe. Sie erhebt nach eigenen Angaben seit 2005 Daten und Fakten zu relevanten Aspekten von Weltanschauungen.
Info: Abkehr von Glauben und Kirchen
Prozess Der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster ist der Meinung, dass die Abkehr von Glauben und Kirchen nicht unbedingt bewusst geschieht. Vielmehr handle es sich um einen langsamen, schleichenden Prozess der Entfremdung, in dem die Religiosität eine immer geringere Rolle spielt.
Wohlstand Pollack verweist auf den Zusammenhang zwischen wachsendem Wohlstand und abflauender Religiosität. Je vielfältiger und pluraler eine Gesellschaft sei, desto mehr Alternativen gebe es zu dem, was die Kirchen an Glaubens- und Handlungsoptionen anbieten. „Für die Mehrheit der Menschen sind religiöse Fragen oft nachrangig. Viele meinen, es gebe in ihrem Leben Wichtigeres.“
Sinnfindung Der Reiz nach immer Neuem, nach dem Kick und Nervenkitzel ist für viele wie eine pseudo-spirituelle Droge. Ohne ekstatische Überschreitung des Selbst und Sinnfindung in Extremerfahrungen fühlen sie sich leer und unausgefüllt. Freizeit und Sport werden zur neuen Religion einer säkularisierten und religiösen Erfahrungen gegenüber offenen Gesellschaft.
Säkulare Spiritualität Hat eine geistige Haltung, die auf ein rein innerweltliches Gut und Glück ausgerichtet ist, überhaupt noch etwas mit Spiritualität zu tun? Ja, aber nicht im klassischen auf eine transzendente Wirklichkeit bezogenen Sinn. Wenn man Spiritualität allerdings weiter fasst und als bewusste Hinwendung und aktive Praxis einer als richtig erkannten Weltanschauung definiert, dann sind auch Extremsportarten und Konsumtrends wie Wellness, Veganismus, Simplifying, Ganzheitlichkeits-, Achtsamkeits- oder Fitness-KultAusdruck einer immanenten Geistigkeit.
Konsumtrends als Religionsersatz Konsumtrends können zum Religionsersatz werden. Die zukünftige Sinn- und Seligkeitserfahrung im „Himmel“ wird komplett auf die Erde transferiert. Das Jenseits wird im Diesseits – und nur hier – erlebbar. Nach dem Motto: Man lebt nur einmal müssen die Jünger der säkularen Selbsterfahrungstrends mächtig Gas geben, um auch ja nichts an Moden und Trends in ihrem Leben zu verpassen.