Eiszeit-Europäer mussten tiefgreifende Konsequenzen aus dem damaligen Klimawandel ertragen. Erst waren sie gut vernetzt, dann getrennt. Infolge der klimatischen Veränderungen ließen viele ihr Leben.
Diese Darstellung zeigt Menschen in Europa während der Eiszeit. Anhand menschlicher Zähne aus dem eiszeitlichen Europa hat ein Wissenschaftsteam herausgefunden, wie prähistorische Jäger und Sammler mit Klimaveränderungen umgingen. Foto:
Von Markus Brauer
Europas Bevölkerung nahm während der letzten Eiszeit nicht überall gleichmäßig ab. Die regional sehr unterschiedliche Besiedlung deutet auf unterschiedliche Reaktionen auf die Klimaveränderungen hin und führten zu einer allgemeinen Verlagerung der besiedelten Gebiete nach Osten.
Eine neue Studie gibt Aufschluss darüber, wie prähistorische Jäger und Sammler in Europa mit den Klimaveränderungen vor mehr als 12.000 Jahren zurechtkamen.
Unter Leitung von Wissenschaftlern der Universität zu Köln hat ein internationales Archäologen-Team signifikante Verschiebungen in der Bevölkerungsgröße und -dichte während wichtiger Perioden am Ende der letzten Eiszeit festgestellt, insbesondere während des Jungpaläolithikums vor circa 14.000 bis 11.600 Jahren.
Die Studie ist im Fachjournal „PLOS One“ veröffentlicht worden.
Climate change and prehistoric human populations: Study finds eastward shift of settlement areas at end of last Ice Age https://t.co/C0XA3H3QK8 — Angelos Papadopoulos (@angelohrg) April 3, 2025
Gesamtbevölkerung Europas halbiert
Die Ergebnisse zeigen, dass auf die erste Ansiedlung einer größeren menschlichen Population im nordöstlichen Mitteleuropa während des Jungpaläolithikums ein dramatischer Bevölkerungsrückgang während der letzten Kälteperiode (Grönland-Stadial 1) der Eiszeit folgte und sich die Gesamtbevölkerung Europas halbierte.
Die Studie ergab jedoch, dass einige Gebiete in Mitteleuropa entgegen dem allgemeinen Trend eine stabile oder sogar leicht steigende Bevölkerungszahl aufwiesen. Das Team interpretiert diesen Befund als Beweis dafür, dass die Menschen als Reaktion auf die sich verschlechternden klimatischen Bedingungen nach Osten gewandert sind.
Zur Info: Kölner Protokoll
Anhand einer umfassenden Datenbank mit archäologischen Fundstellen aus dieser Zeit und einer in Fachkreisen etablierten geostatistischen Methode, dem Kölner Protokoll, schätzten die Wissenschaftler die Populationsgrößen und -dichten der prähistorischen Menschen in verschiedenen Regionen Europas.
Das Kölner Protokoll ist ein standardisiertes Verfahren zur Schätzung prähistorischer demografischer Daten und ermöglicht dadurch einen diachronen Vergleich.
Die beobachteten Verschiebungen in den regionalen Populationsgrößen liefern neue Erkenntnisse darüber, wie die frühen Menschen auf die klimatischen und ökologischen Herausforderungen ihrer Zeit reagierten.
Wie sich Europas Bevölkerung regional verteilte
In der Studie werden zwei wichtige Zeiträume untersucht:
Grönland-Interstadial 1d-a (GI-1d-a)
Grönland-Stadial 1 (GS-1)
Während GI-1d-a, einer wärmeren Periode des Spätpaläolithikums, setzte der Mensch die Wiederbesiedlung des nördlichen und nordöstlichen Mitteleuropas fort. Zum ersten Mal seit dem Auftreten des anatomisch modernen Menschen in Europa wird diese Region zentral für die demografische Entwicklung.
Die Bevölkerung in Südwesteuropa, insbesondere in Spanien und Frankreich, nahm im Vergleich zu den Bevölkerungsschätzungen für die vorangegangenen Perioden des Jungpaläolithikums ab.
Als das Klima in der darauffolgenden GS-1-Periode, auch als „Jüngere Dryas“ bekannt, deutlich kälter wurde, ging die Gesamtbevölkerung Europas laut der Studie um die Hälfte zurück.
„Sehr abrupte und ausgeprägte Veränderungen des Klimas“
Die Ergebnisse zeigen, dass die regionale Entwicklung sehr unterschiedlich ist: Die Schätzungen deuten auf eine Zunahme der Bevölkerungsdichte in einigen Gebieten Europas (Norditalien, Polen und Nordostdeutschland) sowie auf eine allgemeine Verlagerung der besiedelten Gebiete von Westen nach Osten hin.
„Diese Verlagerung ist als Reaktion auf die sehr abrupten und ausgeprägten Veränderungen des Klimas während der Jüngeren Dryas zu bewerten“, erklärt Isabell Schmidt vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität zu Köln. „Die Studie zeigt, dass die Menschen im Spätpaläolithikum offenbar mit der Abwanderung in günstigere Gebiete reagierten.“
Reaktion früher Menschen auf den Klimawandel
Die Kölner Wissenschaftler sind mit extremen Bevölkerungsrückgängen in der Urgeschichte vertraut, wie etwa im späten Gravettien (vor 29.000 bis 25.000 Jahren), als kühlere Temperaturen dazu führten, dass sich die Bevölkerung in West- und Mitteleuropa um bis zu zwei Drittel reduzierte. Dort legen die Daten das Aussterben regionaler Gruppen nahe.
Auch wenn es noch große Lücken im Verständnis der demografischen Entwicklung gibt, insbesondere in diesen frühen Phasen der menschlichen Vorgeschichte, ergänzt die neue Studie das wachsende Wissen darüber, wie Menschen auf den Klimawandel in der Vergangenheit reagierten.