Das Förderprogramm ELR kann viel bewegen. Spiegelberg erfährt dadurch seit etlichen Jahren positive Entwicklungen. Kontinuierlich gibt oder gab es in allen Ortsteilen öffentliche oder private, geförderte Bauprojekte – aktuell unter anderem in Jux, wo das alte Lamm zur Tagungsstätte mit Ferienwohnungen umgebaut wird. Nach drei Nullrunden ist dagegen im Backnanger Teilort Schöntal der ELR-Startschuss eben erst gefallen. Hier hofft man auf Anstöße zur Ortsentwicklung für die kommenden Jahre.
Hat sich des alten Lamms angenommen und es in eine Tagungsstätte mit Ferienwohnungen verwandelt: Katja Löffelhardt. Fotos: A. Becher
Von Nicola Scharpf
SPIEGELBERG. Als vor zwei Jahren der Verkauf des alten Lamms, prägnant im Ortskern von Jux gelegen, spruchreif wird, will Katja Löffelhardt das ehemalige Gaststättengebäude gar nicht besichtigen. Ihr Mann Frank überredet sie. Dann erblickt sie den lauschigen Garten, in dessen hinterem Eck sich die frühere Schnapsbrennerei ins dichte Grün einkuschelt. „Da war es mit mir vorbei“, gesteht Katja Löffelhardt. „In den Garten geht man rein und ist weg.“ Beim Haupthaus von 1925 mit Anbau aus den 1950er-Jahren ergeht es ihr ähnlich. „Das Haus hat was.“ Von da an ist es umgekehrt: Katja Löffelhardt möchte Eigentümerin des Gebäudeensembles werden, ihr Mann nicht. Die Betreiber des Sommerberghofs, auf dem ökologischer Landbau praktiziert wird, sind seit gut einem Jahr Besitzer des alten Lamms und haben mit dem Umbau begonnen.
„Wir wollen es wieder zum Leben erwecken“, sagt Katja Löffelhardt. Ein Tagungsraum mit angrenzender Küche und Buffetraum sowie vier Ferienwohnungen entstehen in dem ehemaligen Gasthaus, das aber seit mehr als 30 Jahren nicht mehr als solches genutzt wurde. Vielmehr haben mehrere Vorbesitzer an dem Gebäude „herumgewerkelt“. Eine Kernsanierung steht also an. Und damit kennen sich Katja und Frank Löffelhardt aus, haben sie doch ihr eigenes Wohnhaus aus dem Jahr 1860 komplett renoviert. „Man weiß, was auf einen zukommt.“ Das Ehepaar, dem Nachhaltigkeit und Ökologie am Herzen liegt, setzt beim alten Lamm auf Natürlichkeit: Es wird Lehmputz verwendet, das Dach wird mit Holz gedämmt. Der alte Tresen in der ehemaligen Gaststube, der wohl noch aus den Anfangsjahren stammt, soll bleiben. Auch die alten Türen wollen die Bauherren wiederverwenden. „Es soll ein Raum für Kreativität und Erholung werden“, sagt die gelernte Steuerfachangestellte, Bilanzbuchhalterin und Bauernhofpädagogin von der Idee, die hinter dem Umbauprojekt steht. Es gebe jetzt schon Anfragen für den Seminarraum für Yogakurse, Geburtstagsfeiern und Mitarbeiterschulungen. Dabei steht noch gar nicht fest, wann der Umbau abgeschlossen sein wird.
„Die Leute im Ort freuen sich für uns“, haben Katja und Frank Löffelhardt erfahren. Mit der Renovierung des alten Lamms tragen die beiden zur Verschönerung des Ortsbilds bei. Ein positiv beschiedener Förderantrag über das Entwicklungsprogramm ländlicher Raum (ELR) hat die Investition mit ermöglicht. Bürgermeister Uwe Bossert spricht von einer „schönen Entwicklung für Jux“. Das alte Lamm ist eines von mehreren privaten Bauvorhaben in Spiegelberg, die 2019 über das seit bald 25 Jahren existierende ELR gefördert werden. Unter anderem sollen auch in Großhöchberg vier Ferienwohnungen entstehen – durch den Umbau eines landwirtschaftlichen Gebäudes. Spiegelberg ist in Sachen ELR eine der engagiertesten Gemeinden, die die Möglichkeiten des Programms für ihre Bürger früh erkannt hat. Das erste kommunale Projekt in der Gemeinde, das 2002 bewilligt wurde, war die Sanierung des alten Schulhauses in Großhöchberg. Es folgten einige weitere kommunale Vorhaben – zum Beispiel die Sanierung der Gemeindehalle in Jux oder des Feuerwehrgerätehauses in Nassach – und eine Vielzahl privater Projekte, die der Kultur- oder Wirtschaftsförderung sowie dem privaten Wohnungsbau dienen. „Wir haben das über Jahre hinweg und über alle Ortsteile hinweg offensiv gefahren“, sagt der Bürgermeister. „Das ELR ist ein tolles Instrument, um in ländlich geprägten Gemeinden eine gute Entwicklung zu ermöglichen – damit die Orte nicht aussterben.“ So wurden im Rahmen des ELR in der Gesamtgemeinde seither über 8,3 Millionen Euro – von privater und kommunaler Hand – investiert. Es gab Zuwendungen von über 1,2 Millionen Euro. Tatkräftig unterstützt Bossert Bauherren beim Ausarbeiten ihrer Förderanträge. Beispielsweise fügt er jedem Neuantrag eine Seite mit einem Kartenausschnitt des jeweiligen Ortsteils bei, in dem die ELR-geförderten Projekte der Vorjahre markiert sind. So lässt sich die Kontinuität gut darstellen. Denn für eine Bewilligung komme es nicht nur auf das Vorhaben an sich an, sondern auch auf die Qualität des Antrags, sagt Bossert.
Diese Erfahrung hat auch Familie Löffelhardt in Jux gemacht. Zunächst brauche es eine Idee. Und dann: „Man muss sich schon vorher hinsetzen und die Kosten genau ermitteln“, rät Katja Löffelhardt. Auch eine Kostenschätzung, die ein Fachmann erstellen muss, gehört dazu. Ihre Unterlagen für den ELR-Antrag hätten Baugesuch-Qualität gehabt.
Grundsätzlich rät sie allen, die es sich zeitlich und finanziell erlauben können, von schnellen Entscheidungen ab. „Ich finde, ein Umbau ist etwas, das Zeit braucht. Bei uns hat es zwei Jahre gedauert, bis wir angefangen haben. Aber irgendwann muss auch der Punkt kommen, dass man sagt, es ist jetzt gut.“
Das ELR ist das wichtigste Strukturprogramm des Landes Baden-Württemberg.
Strukturförderung heißt Lebensqualität erhalten und verbessern. Gefördert werden Projekte, die lebendige Ortskerne erhalten, zeitgemäßes Leben und Wohnen ermöglichen, eine wohnortnahe Versorgung sichern sowie zukunftsfähige Arbeitsplätze schaffen. Dabei sind die aktive Beteiligung von Bürgern und die interkommunale Zusammenarbeit von besonderer Bedeutung. Projektträger und Zuwendungsempfänger können neben Kommunen auch Vereine, Unternehmen und Privatpersonen sein.
Im Programmjahr 2020 soll die Innenentwicklung noch deutlicher vorangebracht werden. Für den Förderschwerpunkt „Innenentwicklung/Wohnen“ wird die Hälfte der zur Verfügung stehenden Fördermittel eingesetzt. Der Fokus liegt also auf der Aktivierung von leer stehenden, ungenutzten Gebäuden zu zeitgemäßen Wohn-, Büro- und Gewerbeflächen. Fördervorrang erhalten auch Projektanträge zur Stärkung der Grundversorgung. Bei Betrieben der lokalen Grundversorgung wird die Förderung erhöht.
Die Antragsstellung für das Programmjahr 2020 muss bis 30. September 2019 erfolgen. Die Bekanntgabe der Entscheidung erfolgt im März 2020.