„Visionärer Städtebau geht überall“

Das Interview: Backnangs Stadtplaner Tobias Großmann setzt große Hoffnungen in die IBA 2027 – Weniger Autoverkehr durch neue Mobilitätskonzepte

Nachdem Stefan Setzer zum Baudezernenten aufgestiegen ist, hat Tobias Großmann die Leitung im Backnanger Stadtplanungsamt übernommen. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt spricht der 39-Jährige im Interview über Backnangs Bewerbung für die Internationale Bauausstellung 2027 und über seine Rezepte gegen den täglichen Stau.

„Visionärer Städtebau geht überall“

Als Stadtplaner steht Tobias Großmann vor großen Herausforderungen: Die Industriebrachen in der Stadt sollen mit neuem Leben erfüllt werden. Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

Bevor Sie vor einem Jahr nach Backnang kamen, haben Sie bei der Stadt Ludwigsburg gearbeitet. Wenn Sie beide Städte vergleichen: Welche Themen und Probleme kommen Ihnen in Backnang bekannt vor, welche waren neu für Sie?

Ludwigsburg hat bereits in vielen Bereichen alte Industrieflächen transformiert, Backnang hat diese Aufgabe noch vor sich. Aber Backnang hat eine ähnlich hohe Entwicklungsdynamik. Das ist durchaus vergleichbar. Was für mich neu war, ist die Verknüpfung mit dem Landschaftsraum durch die Nähe zum Schwäbisch-Fränkischen Wald und die Natur- und Umweltschutzthemen, die sich daraus ergeben.

Die Stadt hat sich für eine Teilnahme an der Internationalen Bauausstellung 2027 beworben. Was versprechen Sie sich davon, wenn Backnang tatsächlich als eines der zentralen IBA-Quartiere ausgewählt wird?

Die Perspektive, dass wir 15 Hektar in Backnang-West in dieser Art und Weise entwickeln können, ist für die gesamte Stadt eine riesige Chance. Der Prozess zur Erarbeitung eines Masterplans kann dazu beitragen, den Standort Backnang insgesamt noch stärker zu profilieren und dieses große Stück Stadt viel visionärer zu entwickeln.

Ist eine kleine Stadt wie Backnang für solche visionären Projekte überhaupt geeignet?

Visionärer Städtebau geht überall, und so klein ist Backnang gar nicht. Wenn man sich die Herausforderungen anschaut – Industriebrachen, Flächengröße, Eigentümerkonstellation und Entwicklungsdynamik –, ist das eine große Aufgabe, die eine Stadt am besten in einer Konstellation wie bei einer Internationalen Bauausstellung abarbeiten kann. Ja, Backnang ist groß genug, um auch bei der Internationalen Bauausstellung innerhalb der Region einen wichtigen Beitrag zu liefern.

Für das Kaelble-Areal gibt es bereits einen Masterplan von Helmut Jahn, der ja auch ein sehr renommierter Architekt ist. Bedeutet die IBA-Bewerbung, dass diese Pläne im Papierkorb landen?

In dem Plan stecken Ansätze, die in ähnlicher oder gleicher Art und Weise wieder aufgegriffen werden können. Zum Beispiel die Frage, wie integrieren wir den Fluss stärker in den Städtebau? Was sicherlich nicht weitergeführt wird, weil es einfach nicht maßstäblich für Backnang war, ist die Dichte und Höhe der Gebäude. Und was aus unserer Sicht auch besser gemacht werden kann, ist der Umgang mit der bestehenden Bebauungsstruktur. Das heißt aber nicht, dass Helmut Jahns Arbeit umsonst war: Es hat einen Diskussionsprozess in Gang gesetzt und interessante Ansätze aufgezeigt, und natürlich hat er auch die Möglichkeit, sich in den Masterplanprozess im Rahmen der IBA einzubringen.

Die Stadt kann diesen Prozess nur begleiten, denn die Bauflächen sind nahezu komplett in Privatbesitz. Ein Großteil des Geländes gehört Riva-Chef Hermann Püttmer, der in der Vergangenheit wenig Kooperationsbereitschaft gezeigt hat. Ist es unter solchen Vorzeichen realistisch, ein IBA-Quartier innerhalb von nur acht Jahren zu verwirklichen?

Sicherlich werden wir nicht die kompletten 15 Hektar bis 2027 baulich entwickeln können. Aber wir halten es schon für möglich, dass es mit dem vereinbarten Verfahren gelingen kann, einige Baufelder bis 2027 zu bebauen.

Geht das im Zweifel auch ohne Hermann Püttmer? In dem Quartier gibt es ja auch noch andere Grundstückseigentümer.

Eine Entwicklung geht nur gemeinsam mit den Eigentümern auf Basis eines gemeinsamen Plans. Stand heute gehen wir davon aus, dass auch Herr Püttmer mit an Bord ist. Es gibt das klare Bekenntnis der Eigentümer, dass wir den Vorschlag, der gemeinsam mit dem IBA-Intendanten Andreas Hofer erarbeitet wurde, umsetzen wollen.

Eine weitere große Brache befindet sich am anderen Ende der Stadt auf der Oberen Walke. Viele Backnanger haben das Gefühl, dass dort seit Jahren überhaupt nichts passiert. Stimmt dieser Eindruck?

Man kann zumindest nicht sagen, dass dort etwas gebaut worden wäre. Das liegt aber daran, dass diese Fläche extrem komplizierte und schwierige Rahmenbedingungen hat. Der Grundstückseigentümer hat sein Konzept zuletzt noch einmal verändert, was in einen Rahmenplan gemündet hat, der im Frühjahr im Gemeinderat beschlossen wurde. Das bedeutet aber auch, dass wir jetzt vor dem Hintergrund der geänderten Planung alle Themenstellungen sauber abarbeiten müssen, bis wir an den Punkt kommen, an dem wir dort Baurecht schaffen können.

Wann wird es so weit sein?

Da will ich mich nicht auf einen Zeitplan festnageln lassen. Ich meine aber, dass wir auf einem guten Weg sind. Das Thema hat eine hohe Priorität, sowohl beim Eigentümer als auch bei der Stadtverwaltung. Sobald der Eigentümer die weiterentwickelten Konzeptionen zu übergreifenden Fragestellungen im Herbst vorgelegt hat, können konkrete Zeitziele genannt werden.

Das städtebauliche Konzept für die Obere Walke sieht eine hohe Verdichtung mit bis zu achtstöckigen Gebäuden vor, auch auf dem IBA-Gelände soll sehr dicht gebaut werden. Besteht nicht die Gefahr, dass Backnang durch solche eng bebauten Quartiere seinen Charme verliert?

80 Prozent dessen, was der Rahmenplan auf der Oberen Walke vorsieht, sind drei Geschosse plus Dachgeschoss. Das ist ein Haustyp, den Sie an vielen Stellen in der Innenstadt finden. Nur als Akzente an den beiden Eingängen des Quartiers können wir uns höhere Gebäude vorstellen. Der Vorteil bei einer verdichteten Bebauung ist, dass dadurch auch mehr Grün- und Freiflächen entstehen. Wenn es uns gelingt, Dichte mit Qualität zu verknüpfen, kann verdichtetes Bauen auch in einem Mittelzentrum funktionieren. Wir sparen dadurch die Inanspruchnahme von wertvollem Boden.

Die hohe Nachfrage in der Katharinenplaisir hat zuletzt aber auch gezeigt, dass der Wunsch nach einem klassischen Einfamilienhaus nach wie vor groß ist. Kann man das als Stadt einfach ignorieren?

Nein, das ist der Traum von vielen Menschen. Wenn es die Möglichkeiten gibt, Einfamilien-, Doppel- und Reihenhausgebiete zu entwickeln, will ich das auch nicht ausschließen. In der Dimension, wie es in den 60er-, 70er- oder 80er-Jahren der Fall war, gibt es diese Flächen in der Region Stuttgart aber nicht mehr. Dafür stellen wir fest, dass inzwischen viele ältere Bewohner, die alleine in einem Haus leben, nach attraktiven und barrierefreien Alternativen suchen. Dadurch werden wieder Einfamilien- und Reihenhäuser für junge Familien frei.

Ein großes Thema ist auch der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Die SPD-Fraktion und auch andere Stadträte fordern eine feste Sozialquote bei allen größeren Bauprojekten. Was halten Sie von dieser Idee?

Der Baudezernent wird das Thema im Herbst in den neuen Gemeinderat einbringen. Wir sind grundsätzlich der Meinung, dass wir gemischte Quartiere brauchen. Deshalb sollte in alle größeren Gebietsentwicklungen auch das Thema Sozialwohnungen und bezahlbares Wohnen integriert werden. Am besten natürlich über einen Grundsatzbeschluss des Gemeinderates.

Zur Stadtplanung gehört auch das Thema Mobilität. Schon heute gehören Staus in und um Backnang zum Alltag. Wie soll das weitergehen, wenn in den kommenden Jahren bis zu 900 neue Wohnungen entstehen und sich die Einwohnerzahl den 40000 annähert?

Bei allen Quartiersentwicklungen, die wir zukünftig angehen, muss es von Anfang an ein Mobilitätskonzept geben, das die Bewohner dabei unterstützt, nicht alle Wege mit dem eigenen Fahrzeug zurückzulegen. Sei es über Carsharing, sei es über bessere Busanbindungen zur S-Bahn, sei es über Angebote im Bereich Radverkehr oder auch Themen wie E-Roller und Ähnliches. Das ist im Übrigen auch im Hinblick auf bezahlbaren Wohnraum wichtig, denn Tiefgaragen gehören zu den größten Kostentreibern beim Bauen.

Trotzdem werden viele Bewohner auch künftig ein eigenes Auto haben.

Deshalb machen wir uns auch Gedanken darüber, wie wir mit einer digitalen Verkehrsleittechnik die Kapazitäten des bestehenden Straßennetzes noch besser ausnutzen können. Für unseren Masterplan Green City haben wir ein Konzept erarbeitet, wie es über die Vernetzung der Lichtsignalanlagen und die Steuerung über einen Verkehrsrechner gelingen kann, dass wir Verkehre tagesaktuell steuern können und damit auch das Gefühl, dass überall Stausituationen entstehen, abmildern.

Im Gemeinderat wurde im vergangenen Jahr ein Radinfrastrukturkonzept mit

145 Verbesserungsvorschlägen vorgestellt. Was ist seitdem konkret passiert?

Wir haben Sofortmaßnahmen umgesetzt und Planungen angestoßen. Das sind unter anderem Markierungsarbeiten, ein Radschutzstreifen entlang der Annonaystraße und der Eugen-Adolff-Straße sowie Verbesserungen im Bereich des Adenauerplatzes. Mit dem Radinfrastrukturkonzept haben wir jetzt die Grundlage, dass wir dem Gemeinderat jährlich in den Haushaltsberatungen vorschlagen können, nach welchen Prioritäten wir Verbesserungen im Radwegenetz erreichen können.

Zur Person
Tobias Großmann

Tobias Großmann ist im Nordschwarzwald aufgewachsen und hat an der Hochschule Nürtingen-Geislingen Stadtplanung studiert.

Nach dem Studium arbeitete er zunächst bei einer Firma für Altlastensanierung und danach als Projektleiter bei der Ludwigsburger Wüstenrot Haus- und Städtebau. Von 2011 bis 2018 war er bei der Stadt Ludwigsburg tätig im Referat für nachhaltige Stadtentwicklung, einer Stabsstelle des Oberbürgermeisters.

Der 39-Jährige lebt in Marbach am Neckar, ist verheiratet und hat eine Tochter. In seiner Freizeit reist er gerne, vor allem in Städte. Dort holt er sich auch wieder Anregungen für seine Arbeit.