Weites Rund für Flüssigdünger

Biovergärungsanlage Neuschöntal wird um einen gewaltigen Speicher erweitert

Die Baustelle bei der Biovergärungsanlage Neuschöntal hat sich enorm verändert: War vor einem guten halben Jahr nur ein riesiges tiefes Loch in der Erde zu sehen, so ist daraus inzwischen ein gewaltiger kreisrunder Bau emporgewachsen. Der neue Flüssigdüngerspeicher erweitert die Lagerkapazitäten und macht ein innovatives Verfahren zur optimierten Gasgewinnung möglich.

Weites Rund für Flüssigdünger

Der Bau des neuen Tanks in Neuschöntal ist schon weit fortgeschritten (von links): Anlagenleiter Albrecht Schick, Projektleiter Daniel Arana und AWRM-Chef Gerald Balthasar. Foto: J. Fiedler

Von Armin Fechter

BACKNANG. In der Anlage in Neuschöntal verwertet die Abfallwirtschaft Rems-Murr (AWRM) den Biomüll aus dem gesamten Rems-Murr-Kreis – 36000 Tonnen organische Abfälle im Jahr. Im Verarbeitungsprozess entstehen daraus in zwei Vergärungsreaktoren Kompost, Gas und flüssige Gärreste. Letztere können in der Landwirtschaft als Dünger genutzt werden. Sie enthalten neben Wasser ein ganzes Bündel an Nährstoffen: Stickstoff, Phosphor, Kalzium, Magnesium, Kalium. Und sie sind auch als Gärprodukt nach den geltenden Regelwerken zertifiziert.

Aber, und das ist laut AWRM-Chef Gerald Balthasar der Anlass des laufenden Bauvorhabens auf der Vergärungsanlage: Nach dem neuen Düngemittelrecht darf organischer Dünger nur noch in einem begrenzten Zeitraum im Frühjahr auf die Felder ausgebracht werden. Das hat zur Konsequenz, dass die AWRM ihre Lagerkapazitäten erweitern muss.

Kapazität für drei Viertel des jährlichen Aufkommens

Die Speicher sollen künftig die gesamten flüssigen Gärreste fassen, die in den neun Monaten zusammenkommen, in denen die Ausbringung gesperrt ist. Die beiden vorhandenen Speicher bieten dafür mit 7000 Kubikmetern zu wenig Platz. Der neue ist auf 10500 Kubikmeter ausgelegt, sodass dann genug Stauraum für drei Viertel des gesamten Aufkommens von 22000 bis 23000 Kubikmetern zur Verfügung steht. Der dritte Speicher muss folglich ganz andere Abmessungen haben als die ersten zwei: Er wird zehn Meter hoch – wobei ein Teil davon unter dem Bodenniveau liegt – und hat einen Außendurchmesser von 42 Metern. Der eigentliche Speicher ist dabei noch von einer zweiten Hülle umgeben, einer Havariemauer, wie Balthasar erklärt: Die zusätzliche Außenwand soll Sicherheit geben für den Fall, dass einmal ein Leck entsteht. Mit diesem Schutz könne dann nach menschlichem Ermessen nichts in die Murr oder ins Grundwasser gelangen: „Wir haben doppelte Sicherheit. Mehr geht nicht.“

Zurzeit ist der neue Speicher noch nach oben offen – ein weites Rund, in dem es hallt wie in einer Kathedrale. Etwa einen Meter hoch steht darin Wasser; damit will man prüfen, ob der Bau dicht ist. Wenn der Tank einmal mit dem Flüssigdünger aus der Vergärungsanlage gefüllt ist, setzen sich Schwebstoffe und feste Bestandteile ab. Immerhin macht der Trockensubstanzanteil laut Projektleiter Daniel Arana zwölf Prozent aus. Diese Ablagerungen müssen regelmäßig entfernt werden – immer bevor der Speicher neu gefüllt wird. Über eine Rampe können die Arbeitsmaschinen dann in das Becken hineinfahren.

Über dem Flüssigdüngerspeicher soll aber noch ein weiterer Behälter errichtet werden: eine 13 Meter hohe Kuppel, ähnlich einer Traglufthalle, in der das aus dem Dünger austretende Gas aufgefangen und gespeichert werden soll. Dieser Biogasspeicher hat ein Volumen von etwa 4500 Kubikmetern; die Säule, die in der Mitte des Flüssigdüngerspeichers errichtet wurde, dient dabei als Träger für die benötigten Trennfolien, die es wiederum erlauben, den Gasspeicher separat zu betreiben, erläutert Balthasar.

An diesem Punkt betritt die AWRM absolutes Neuland: Erstmals in Baden-Württemberg werden damit die Gasreste, die aus dem Flüssigdünger austreten und einen Methangehalt von ein bis zwei Prozent aufweisen, erfasst und verwertet, indem sie als Zuluft in die Blockheizkraftwerke eingeleitet und verbrannt werden. Für das Pilotvorhaben, das Kosten in Höhe von 750000 Euro verursacht, erhält die AWRM vom Umweltministerium einen Zuschuss über 350000 Euro. Das Projekt dient letztendlich dem Klimaschutz. Denn Methan, das im Gasgemisch aus den Vergärungsreaktoren sogar einen Anteil von über 50 Prozent hat, ist um ein Vielfaches schädlicher als etwa CO2.

Zwei neue Blockheizkraftwerke sollen mehr Flexibilität bringen

Im Zusammenhang mit dem Speicherbau geht es auch an anderer Stelle zur Sache: Die beiden Blockheizkraftwerke sollen erneuert werden. Die bisher betriebenen Maschinen haben eine Leistung von je 0,8 Megawatt, sie werden ausgetauscht gegen eines mit 1,6 und eines mit 1,2 Megawatt. „Wir wollen flexibler werden“, erläutert Balthasar. Kann die AWRM auf den zu bestimmten Tageszeiten steigenden Strombedarf reagieren, erzielt sie für die Lieferung bessere Preise. Zudem kommt in der wärmeren Jahreszeit mehr Biomüll in Neuschöntal an als in der kälteren – was an den Gartenabfällen liegt, die in der braunen Tonne landen. Entsprechend wird dann das eine oder das andere BHKW betrieben, um so den höchsten Wirkungsgrad zu erzielen und zugleich auch die Abwärmelieferung an die benachbarte Klärschlammtrocknung auf stabilem Niveau zu halten. „Wir schlagen mehrere Fliegen mit einer Klappe“, freut sich Balthasar.

Der Austausch der imposanten Aggregate soll Ende August in zwei Etappen erfolgen: Voraussichtlich am Freitag, 23. August, werden die alten Maschinen heraus- und am Mittwoch, 28. August, die neuen, größeren BHKWs hineingehoben. Dabei kommt ein 300-Tonnen-Kran zum Einsatz. Für die Dauer der Arbeiten wird die von Oberschöntal her kommende Lindauer Straße gesperrt werden müssen, kündigt der AWRM-Chef an. Zudem müssen neue Trafos und eine neue Niederspannungseinheit her. Daher herrscht wegen des Austauschs für bis zu vier Wochen Stillstand bei der Stromerzeugung, das in den Reaktoren entstehende Gas muss in dieser Zeit abgefackelt werden. Darum kommt man nicht herum: „Das ist eine hochkomplexe Aufgabe, wir stellen hier keine Fertiggarage hin.“

Die Baumaßnahmen, die insgesamt rund 7,2 Millionen Euro kosten, sollen im Herbst abgeschlossen sein, möglichst bis Ende Oktober. Seit vergangenen November wird gebaut. Balthasar ist zuversichtlich: „Wir liegen relativ gut im Zeitplan.“

Info
AWRM setzt weiterhin auf die Klärschlammtrocknung

Der von der Stadt Backnang geplante Verkauf der Klärschlammtrocknungsanlage auf der benachbarten Kläranlage Neuschöntal hat auch aufseiten der AWRM Fragen aufgeworfen, so etwa jüngst im Verwaltungsrat. Landrat Richard Sigel hält dazu fest: „Der Landkreis und die AWRM haben sich im Interessensbekundungsverfahren nicht um den Kauf der Klärschlammtrocknungsanlage beworben.“

Der Landrat als Verwaltungsratsvorsitzender erklärt weiter: „Wir sind aber aus ökonomischen und vor allem ökologischen Gründen weiterhin daran interessiert, dass die Abwärme unserer Biovergärungsanlage zur Klärschlammtrocknung genutzt wird. Deshalb ist die AWRM ununterbrochen in guten und vertrauensvollen Gesprächen mit der Stadt Backnang.“

Das betont auch der Vorstandsvorsitzende Gerald Balthasar: „Wir stehen bereit.“ Die Nutzung der Abwärme aus den BHKWs in der Klärschlammtrocknung sei eine ideale Lösung, weil sie rund um die Uhr läuft und die Mengen passen. Im Gegensatz dazu lohne sich die Nutzung als Fernwärme nicht. Zum einen sorgen milde Winter und moderne Bauweisen dafür, dass Gebäude nur noch wenig oder gar keine Wärme brauchen. Zum anderen sei dies sowieso eine Sache der Stadtwerke und nicht der AWRM, die hier nicht tätig werden könne.