Bei der Patientenaufnahme fängt es an – und mit internetfähigen Ultraschallgeräten und Stethoskopen geht es weiter: Digitale Lösungen im Medizin- und Pflegesektor könnten den oft überlasteten Beschäftigten die Arbeit wesentlich erleichtern.
Videosprechstunden sind nur eine von vielen Anwendungsmöglichkeiten für digitale Anwendungen im Medizinsektor.
Von Werner Ludwig
Der Bildschirm zeigt ein grünes Rechteck. Das bedeutet, dass Herr Maier ruhig in seinem Bett liegt. Doch plötzlich springt die Anzeige auf Rot – der ältere Herr ist gestürzt und liegt am Boden. Sogleich macht sich eine Pflegekraft auf den Weg zu ihm. Das System überwacht die Bewegungen von Patienten oder Pflegebedürftigen über einen Radarsensor an der Decke. Die Messwerte werden mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI) interpretiert. So erkennt das Programm, ob jemand nur auf die Toilette geht oder aus dem Bett gefallen ist. Vorteil gegenüber einer Kamera: die Privatsphäre bleibt gewahrt.
Digitale Lösungen wie die automatische Sturzerkennung könnten den Beschäftigten im Medizin- und Pflegesektor die Arbeit deutlich erleichtern. Davon ist Oliver Opitz überzeugt. Der Leiter des Bosch Digital Innovation Hub und sein Team haben deshalb am Robert Bosch Krankenhaus in der Stuttgart City einen „Showroom“ eingerichtet, in dem Beschäftigte aus Gesundheitsberufen und andere Interessierte ausprobieren können, wie moderne Technik die medizinische Versorgung verbessern könnte.
Das fängt bei der Patientenaufnahme an. Wer einen Termin hat, erfährt via Smartphone bereits daheim, wann er voraussichtlich drankommt. Falls Patienten kurzfristig absagen, rücken andere in der Warteschlange vor und werden sofort informiert. So können sie sich gegebenenfalls früher auf den Weg machen. Im Wartezimmer füllen die Showroom-Besucher auf einem Tablet einen Anamnesebogen aus, die Daten fließen direkt in das Computersystem der Praxis. Patienten und Ärzte könnten so Zeit sparen, meint Opitz.
Der Arzt gibt aus der Ferne Tipps
Der Mediziner ist überzeugt, dass das Gesundheitssystem an vielen Stellen entlastet werden könnte, wenn digitale Technologien konsequent genutzt würden. Dann könnte medizinisches oder pflegerisches Fachpersonal einen größeren Teil der Tätigkeiten übernehmen würde. Ärzte würden nur bei Bedarf telemedizinisch zugeschaltet.
Ein Beispiel ist das mobile Ultraschallgerät, mit dem eine medizinische Fachkraft etwa beim Hausbesuch oder in einer Pflegeeinrichtung die Halsschlagadern oder andere Organe eines Patienten untersuchen kann. Das Gerät ist per Internet mit der Arztpraxis verbunden. So kann das Personal vor Ort im Zweifel den Doktor zurate ziehen, der dieselben Bilder sieht und die Assistentin oder den Assistenten zum Beispiel auch darum bitten kann, den Ultraschallkopf an eine bestimmte Stelle zu bewegen.
Nach dem gleichen Prinzip funktioniert das digitale Stethoskop zum Abhören von Herz oder Lunge – auch hier kann ein Arzt mithören. Verdächtige Hautveränderungen oder schlecht heilende Wunden können ebenfalls per Ferndiagnose ärztlich beurteilt werden. Dazu trägt die Fachkraft vor Ort eine spezielle Kamerabrille. „Viele Ärzte machen ja leider keine Hausbesuche mehr“, sagt Opitz. Besonders kritisch sei die Situationen in Pflegeeinrichtungen für Senioren, wo häufig gar kein Arzt vor Ort sei. „Hier lässt sich mit Digitalisierung die Versorgungsqualität deutlich verbessern“, sagt der Experte. Dazu könnten auch Videosprechstunden beitragen. Neben dem Pflegebett im Showroom steht deshalb ein Rollwagen mit Monitor, über den Patienten mit ihrem Arzt sprechen können.
Sensoren am Körper
Neben den digitalen Helfern für das Fachpersonal gibt es auch solche, die von den Patienten selbst genutzt werden können – etwa Smartwaches, die ein einfaches EKG erstellen und an den Kardiologen schicken können. Den gleichen Zweck erfüllen kreditkartengroße Messgeräte, die zusätzlich die Sauerstoffsättigung des Bluts erfassen. Solche Lösungen förderten die Gesundheitskompetenz jedes Einzelnen meint Opitz. Sensoren, die ständig getragen werden, ermöglichen zudem die kontinuierliche Überwachung von Patienten im häuslichen Umfeld – beispielsweise von Herzkranken.
Ein Gerät, das von Größe und Form an ein Mobiltelefon für das C-Netz erinnert, könnte wiederum helfen, in der Erkältungssaison überfüllte Kinderarztpraxen zu entlasten. Eltern können damit etwa Herz und Lunge ihrer Kinder abhören. Mit einem anderen Aufsatz können sie den Kleinen in den entzündeten Rachen oder in die Ohren schauen. Die Daten und Bilder, die das Gerät erfasst, gehen per Internet an den Arzt. Der kann dann entscheiden, ob ein paar Tage Bettruhe reichen oder ob es ein Antibiotikum braucht.
In vielen Bereichen des deutschen Gesundheitswesens spielen solche digitalen Helfer bislang noch keine allzu große Rolle. Auch die Einführung der elektronischen Patientenakte verzögert sich weiter. „Bei der Digitalisierung des Medizinsektors liegt Deutschland im Vergleich zu vielen andern Industrieländern um Jahre zurück“, sagt Opitz. Eine positive Ausnahme seien digitale Gesundheitsanwendungen. Solche Apps auf Rezept werden etwa bei psychischen Erkrankungen oder zur Bewegungsunterstützung von Reha-Patienten eingesetzt – teilweise in Verbindung mit virtueller Realität.
Vergütungssystem bremst den Fortschritt
Das digitale Innovationen hierzulande teilweise nur zögerlich den Weg in Praxen und Kliniken finden, hänge unter anderem mit dem Vergütungssystem zusammen, sagt der Experte. So bekämen Ärzte für eine Videosprechstunde zwanzig Prozent weniger Honorar als für eine Sprechstunde in Präsenz. Hemmend wirke auch der Perfektionismus – verbunden mit der Erwartung, erst mit einer in jeder Hinsicht optimalen Lösung in die praktische Anwendung zu gehen.
„Wir brauchen mehr Mut, neue Dinge auszuprobieren“, sagt Opitz. Diese Möglichkeit bietet nicht nur der Showroom, sondern auch der Digital Health Truck, der durch die Lande tourt. Hinzu kommen Rucksäcke mit digitalen Gesundheitsgeräten, die sich Interessierte beim Bosch Health Campus ausleihen können.
Digitale Gesundheit im Fokus
Organisation Der Bosch Digital Innovation Hub (BDIH) ist Teil des Bosch Health Campus unter dem Dach der Robert Bosch Stiftung. Der BDIH ist aus der Koordinierungsstelle Telemedizin Baden-Württemberg (KTBW) hervorgegangen, die vor gut zehn Jahren an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg gegründet wurde – gefördert durch das Land Baden-Württemberg.
Ziel Der BDIH will die Nutzung digitaler Technologien wie Telemedizin oder Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen vorantreiben. Knappes Personal und begrenzte Ressourcen sollen so effizienter genutzt werden – bei hoher Versorgungsqualität. Die Tourdaten des Digital Health Truck findet man unter bosch-health-campus.de/de/projekt/digital-health-truck/tourdaten. Besichtigungstermine für den Showroom können unter https://www.bosch-health-campus.de/de/showroom angefragt werden.