Filmmusik aus Stuttgart

Harry, leg die Platte auf!

Harry, fahr den Wagen vor! Es ist der berühmteste Satz der deutschen Fernsehgeschichte, der nie gesagt wurde. Doch der Stuttgarter Dietmar Bosch erweckt Horst Tappert und seinen ewigen Assistenten Fritz Wepper mit seiner Firma Allscore Media zu neuem Leben.

Hilde Weissner, Horst Tappert (Mitte) und Fritz Wepper in einer Szene der ersten Folge „Waldweg“ (1974) der Fernsehkrimiserie „Derrick“.

© dpa/Michael Marhoffer

Hilde Weissner, Horst Tappert (Mitte) und Fritz Wepper in einer Szene der ersten Folge „Waldweg“ (1974) der Fernsehkrimiserie „Derrick“.

Von Frank Rothfuß

Harry, fahr den Wagen vor! Es ist ungerecht, 281 Folgen auf einen Satz zu reduzieren. Und sogar auf einen, der nie gefallen ist. Doch wer immer auf „Derrick“ zu sprechen kommt, hat diesen Satz im Ohr. Gesagt hat Horst Tappert als TV-Kommissar Stephan Derrick ihn nie zu seinem Assistenten Harry Klein (Fritz Wepper). Und doch ist er Fernsehgeschichte geworden. Über so eine Art Stille Post hat sich das als eine Legende der alten Bundesrepublik verbreitet.

Was heute so verstaubt scheint, war mal ganz schön mutig. Nicht nur, dass Judy Winter, Karl-Heinz Schroth, Götz George, Klaus-Maria Brandauer und Horst Buchholz in der Serie auftraten, war Stephan Derrick zunächst eine Art früher Schimanski. Als er 1974 das erste Mal im ZDF ermittelte, schauten mehr als 30 Millionen Menschen zu. Derrick trug Rolex und Pilotenbrille, fluchte, fuchtelte mit der Waffe herum, prügelte Geständnisse aus Verdächtigen heraus. Später wurde er zum Beamten domestiziert, aber in den frühen Folgen war Derrick ein neues Seh- und Hörerlebnis. Die Titelmusik war von Les Humphries. Und Peter Thomas komponierte für die Serie.

Ein Archäologe in Sachen Filmmusik

Jener Peter Thomas, desen Musik wohl jeder Deutsche schon gehört hat. Er schrieb die Musik für die „Raumpatrouille“, für die Edgar-Wallace-Filme, für Bruce-Lee-Filme, für Karl-May-Verfilmungen. Dass er auch für „Derrick“ komponierte, war da eher nicht so bekannt. Außer natürlich bei Enthusiasten wie Dietmar Bosch. Man tritt dem Stuttgarter nicht zu nahe, wenn man ihn als Nerd in Sachen Filmmusik beschreibt. Oder als „Archäologen“, wie er es selbst nennt. Er gräbt tief, wenn ihn was begeistert.

Als jungen Kerl zog es ihn an den Rande des Schwarzwalds zu Joachim Schifer und dessen Label Crippled Dick Hot Wax. Der verlegte Punk von Kumpels und die Musik der Zeichentrickserie„Herr Rossi sucht das Glück“. Eine Mixtur, die Bosch zurück mit nach Stuttgart nahm. Vor mehr als 25 Jahren gründete er 1999 Allscore Media im Stuttgarter Süden, stilecht in einem Keller. Im Stuttgarter Westen residiert er heute, eingerahmt von Schallplatten und CDs.

Als habe die Zeit ein Loch, ganz ohne Fluxkompensator findet man sich wieder in einer Epoche, als man Musik noch anfassen konnte. Weil sich das sofort so altmodisch und fortschrittsverweigernd anhört, sei gesagt, selbstverständlich streamt Bosch die Sachen, die er verlegt. „Ohne geht es heute nicht mehr“, sagt er. Und bei manchem muss man einfach Geduld haben, dass es wieder modern wird. Er hat schon Hörspiele verlegt, als man noch gar nicht wusste, was Podcasts sind und der Boom von Hörbüchern kaum zu ahnen war. Mehreren alten Helden und Detektiven hat er neues Leben eingehaucht. Sherlock Holmes ermittelt bei Allscore, ebenso Charlie Chan, Inspektor Lestrade und Professor van Dusen. Insbesondere der Wissenschaftler van Dusen zeigt die Vorliebe von Bosch für Schräges und gegen den Strich Gebürstetes.

Untergegangen mit der Titanic

Die Figur ist 125 Jahre alt, erfunden von dem Amerikaner Jacques Futrelles. Der Autor ging mit der Titanic unter, mitsamt neu verfasster Van-Dusen-Geschichten. Der RIAS Berlin grub van Dusen wieder aus, schließlich landete der Ermittler in mysteriösen Kriminalfällen bei Dietmar Bosch in Stuttgart. Und da liegt es ja gar nicht so fern, die Filmmusik zu den Fällen des bekanntesten deutschen Polizisten zu verlegen.

Peter Thomas hatte er schon kennengelernt, als er noch bei Crippled Dick Hot Wax war und sie dort eine „Jerry Cotton“-Box herausbrachten mit Musik von Peter Thomas. Die Heftchenromane über den unermüdlichen FBI-Agenten haben mittlerweile eine Gesamtauflage von beinahe 930 Millionen Stück. Daraus wurden acht Kinofilme, die in Deutschland zu den Sechzigern gehören wie der Toast Hawaii.

Auch „der Alte“ kommt zu Ehren

Später mit dem eigenen Label nahm Bosch wieder Kontakt auf, verlegte immer wieder Filmmusik von Thomas. Nach seinem Tod 2020 wurde der Kontakt zu Sohn Philip Thomas enger, und jetzt hat er noch einiges Unveröffentlichtes ausgegraben, die Sachen neu gebündelt. Also gibt es nun ein Edgar-Wallace-Album mit allen Titelmelodien und eine LP und CD „Derrick wird 50!“, auf der auch noch Platz ist für Musik aus „Der Alte“.

Auch so ein Stück bundesdeutsche Kulturgeschichte. Siegfried Lowitz ging 1977 erstmals auf Sendung. Man kann verstehen, warum Philip Thomas seinen Geschäftspartner und Freund Dietmar Bosch mit dem Prädikat „das deutsche Filmusiklabel“ ehrt. Tatsächlich, sagt Bosch auch selbst, ist das Portfolio enger geworden, früher machte er nicht alles, aber doch vieles. Mittlerweile vorwiegend „Filmmusik“ und Musik, die Filmmusik sein könnte, wie die Stuttgarter Mondo Sangue. Und natürlich „Derrick“: Harry, leg die Platte auf!

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Erstellt:
26. Februar 2025, 12:42 Uhr
Aktualisiert:
26. Februar 2025, 14:35 Uhr

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