Neu im Kino: „Eden“
Hauen und Stechen im Paradies
Vor gut hundert Jahren zogen deutsche Siedler auf eine abgelegene Insel, nur wenige überlebten das Sozialexperiment. Den damals öffentlich als „Galápagos-Affaire“ beleuchteten Fall zeichnet der Amerikaner Ron Howard im packenden Survival-Thriller „Eden“ nach.

© Leonine Studios/Jasin Boland
Jude Law als Dr. Friedrich Adolf Ritter mit Vanessa Kirby als Dore Strauch in „Eden“.
Von Kathrin Horster
Deutschland, 1929: Die Weimarer Republik steht in der Krise unter politischem Beschuss, soziale Not und Hass greifen um sich, die Nazis raunen schon vom „Übermenschen“ und „unwerten Leben“. Manche denken ans Auswandern: in die Schweiz, die USA, im übertragenen Sinne am liebsten auf den Mond. Den Berliner Dr. Friedrich Adolf Ritter (Jude Law) zieht es jedoch auf eine abgelegene Insel im Galápagos-Archipel namens Floreana. Die hatte zuvor schon der berühmte Forscher Charles Darwin besucht und in seinen Schriften erwähnt. Ritter ist Mediziner, Esoteriker und Rassist, also keiner, der aus Furcht vor den Nazis wegläuft, sondern jemand, der aufgrund eines arroganten Zivilisationsekels als vermeintlich edler Robinson Crusoe die Abgeschiedenheit eines Paradieses sucht.
Die Figur könnte einem Abenteuer-Roman entsprungen sein, doch Ritter ist eine historische Gestalt; Akteur und Opfer in einem bis heute mysteriösen Kriminalfall mit Toten und Verschollenen, den der US-Regisseur Ron Howard im spannenden Survival-Thriller „Eden“ auf Basis bekannter Fakten und teils widerstreitender Darstellungen von Überlebenden nachstellt.
Floreana zieht noch mehr Aussiedler an
Ritter bringt seine an Multipler Sklerose erkrankte Geliebte Dore Strauch (Vanessa Kirby) mit auf die Insel und feilt in seiner Hütte an einem esoterisch-philosophischen Traktat. Regelmäßig sendet er Briefe in die Heimat, in denen er Zeitungsreportern sein Leben auf der einsamen Insel schildert. Die Post wird von vorbeifahrenden Schiffen aus einer Tonne am Strand aufgelesen. Ritter ist nicht der Erste, der auf Floreana siedelt, die Abgeschiedenheit ist relativ. Und doch stört 1932 das Eintreffen der Kölner Kleinfamilie Wittmer den Frieden Ritters. Zu Margret (Sydney Sweeney), Heinz (Daniel Brühl) und deren kränklichem Sohn Harry (Jonathan Tittel) stößt noch die falsche Baronin Eloise Bosquet de Wagner Wehrhorn (Ana de Armas) mit zwei Bettgenossen, die auf Floreana das Luxushotel „Hacienda Paradiso“ errichten wollen. Hatten sich die Wittmers und Ritter noch halbwegs arrangiert, bricht mit Ankunft der Baronin ein Konkurrenzkampf um Ressourcen und Land aus, und bald geht es um Machtansprüche, Kopf und Kragen.
Ron Howard hat sich schon früher für Menschen in Extremsituationen begeistert. Mit seinen Filmen reiste er in den historischen Wilden Westen („In einem fernen Land“, 1992), ins Weltall („Apollo 13“, 1995) und in die Gedankenwelt eines schizophrenen Genies („A Beautiful Mind“, 2001). Mit „Eden“ blickt er symbolisch in die frühen 1930er Jahre, erzählt aber anhand des Falles von der menschlichen Natur an sich.
Fiese Kämpfe und harte Frauen
Das zufällige Aufeinandertreffen der von sozialem Stand und Charakter unterschiedlichen Siedler bildet fast einen typischen Bevölkerungs-Querschnitt ab: Die Baronin als angeblich vermögende Kapitalistin, der Mediziner Ritter als Vertreter der Intellektuellen mit seiner Geliebten Dora als devote Anhängerin. Familie Wittmer repräsentiert den arbeitstüchtigen Mittelstand, die Geliebten der Baronin die niedere, abhängige Dienerschaft. Ritter erhebt sich zunächst über die Wittmers und erklärt sie intellektuell ihm unterlegenen Spießern. Dabei gelingt es der Familie durch Zähigkeit, den widerspenstigen Boden der Insel urbar zu machen. Die Baronin baut mit ihren hochtrabenden Worten bloß Luftschlösser und liefert sich bald einen Kampf um die Vormachtstellung mit Ritter. Die Manipulationsspiele der beiden arbeitet Howard anhand des psychologisch klug durchdachten Drehbuchs von Noah Pink überzeugend heraus. Die bösen Ränke bereiten lange diebischen Spaß.
Aus dem fiesen Geplänkel entwickelt sich jedoch ein ernsthafter, erbitterter Krieg, in dem besonders die von allen unterschätzten Frauen Dora und Margret ungeahnte Härte entwickeln.
Charles Darwin besuchte das Galápagos-Archipel, um dort zu seiner Theorie über die Entstehung der Arten und natürlichen Ausleseprozesse in Flora und Fauna zu forschen. Den in den Massenmedien der Weimarer Republik als „Galápagos-Affaire“ ausgeschlachteten Kriminalfall verbindet Howard im Film mit Darwins wissenschaftlich umstrittenen und im soziopolitischen Sinn gefährlich missbräuchlichen Begriff vom „Survival of the Fittest“. Die Charakterisierung der Figuren mit ihren unterschiedlichen Motivationen gelingt dem brillanten Schauspielensemble eindrucksvoll. Über die Psychologie hinaus zeigt Howard, wie Menschen selbst in der Fremde und aufs Nötigste zurückgeworfen ein Hauen und Stechen beginnen, anstatt sich solidarisch zusammenzuraufen. Das ist entlarvend – und schrecklich unterhaltsam.
Eden. USA 2024. Regie: Ron Howard. Mit Daniel Brühl, Ana de Armas, Jude Law, Sydney Sweeney. 129 Minuten. Ab 16 Jahren.
Verschiedene Versionen der Begebenheiten

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Szenen aus „Eden“ mit Ana de Armas als Baronin.

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Daniel Brühl als Familienvater aus Köln.

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Sydney Sweeney als Margret Wittmer.

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Wittmer (Brühl, li. ) und Ritter (Law) im Streit.

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Vanessa Kirby als Dore Strauch.

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Weitere Filmszene aus „Eden“

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Weitere Filmszene aus „Eden“