Arno Schmidts Briefe an Max Bense

Loblieder und Bonbonkocherei

Der Briefwechsel zwischen dem Schriftsteller Arno Schmidt und dem Stuttgarter Philosophen Max Bense zeigt, wie heftig in der Nachkriegszeit um ein freies geistiges Klima in der BRD gerungen wurde – und dass dicke Männerfreundschaften manchmal auf Missverständnissen beruhen.

Der Stuttgarter Professor Max Bense in einer Vorlesung

© Verlag Walther König/Jonnie Doebele

Der Stuttgarter Professor Max Bense in einer Vorlesung

Von Julia Schröder

Im Frühjahr 1955 ereigneten sich in Stuttgart Dinge, die heute unvorstellbar sind. Gleich zwei neue Literaturzeitschriften gingen an den Start: im Januar Alfred Anderschs „Texte und Zeichen“, im März Max Benses „Augenblick“. Und in beiden wurden große Prosatexte des Schriftstellers Arno Schmidt abgedruckt. Wie der Schriftsteller und Radioredakteur Andersch war der Philosoph Bense, der an der Stuttgarter Technischen Hochschule Wissenschaftstheorie lehrte, eng verbandelt mit der Literatur- und Hörspielredaktion des damaligen Süddeutschen Rundfunks. Dort wirkte die sogenannte „Genietruppe“, darunter der junge Martin Walser, der spätere Fernsehpionier und Bavaria-Chef Helmut Jedele sowie die Dokumentarfilmlegende Peter Adler. Wie es seinerzeit zuging, das wird anschaulich in Arno Schmidts Briefwechsel mit Max Bense. Neben deren Briefen enthält die Sammlung zahlreiches weiteres Material, darunter Briefe von Benses enger Mitarbeiterin und späterer dritter Ehefrau Elisabeth Walther sowie Tagebuchnotizen von Schmidts Frau Alice.

Wer hat die größten literarischen Kenntnisse?

Die persönliche Bekanntschaft zwischen dem widerständigen Sprach-Seismografen Schmidt und dem technikaffinen Theoretiker Bense datierte aus dem Sommer 1952, als man sich, wenige Monate nach Veröffentlichung einer Lobeshymne auf Schmidt in Max Benses Essayband „Plakatwelt“, erstmals im Kasino des Stuttgarter Funkhauses getroffen hatte, zusammen mit den drei Jung-Genies. Alice Schmidt notierte, wie die versammelten Herren, Elisabeth Walther – ein „rundl. blondes Frl. etwa meine Größe um die sich Bense recht sorgte“ – und sie selbst im Funkhaus-Kasino Fahrt aufnahmen: „Und nun literarisierten wir. Hatte Walser erst das Plus daß er Wieland besaß, schätzte und ehrte, so nahm jetzt Bense durch seine weiteren lit. Kenntnisse für sich ein, obwohl sie natürlich längst nicht an Arnos reichten.“

Die Tagebuchauszüge von Alice Schmidt mit ihren lebendigen Beobachtungen, ihrem zuweilen sarkastischen Witz nimmt man mit Dankbarkeit zur Kenntnis, umso mehr, als in den Briefen selbst Editions- und Honorarfragen oft vorherrschen. Quasi live erlebt man lesend dieses wichtige Jahrzehnt in Arno Schmidts Leben mit, die Zeit, in der die Schmidts von Kastel an der Saar nach Darmstadt und schließlich nach Bargfeld in Niedersachsen umzogen, zudem eine Zeit, da der lebenslange Hungerkünstler Schmidt unausgesetzt um Sofortersatz von Portokosten wie um Anerkennung buhlte. So schrieb er im Januar 1955 dem „lieben Herrn Professor Bense“: „Im ,Hamburger Anzeiger‘ veröffentliche ich manchmal kleine neckische Sachen; wenn Sie einmal herkommen, können Sie sie lesen, und wir wollen 3 Sekunden zusammen darüber lachen. – Und heulen: dass man solche Bonbonkocherei treiben muss.“

In Ulm sitzt auch ein Dickkopf

Deutlich wird hier nicht zuletzt das Einkommensgefälle zwischen denen, die sich wirklich „frei“ durchschlugen, und den Glücklichen, die auf einträglichen Positionen untergekommen waren, sei es beim Hörfunk, der damals ohne die Nähe zur Literatur gar nicht denkbar war, sei es an einer Hochschule.

Bense setzte sich durchaus für Schmidt ein, versuchte etwa, die Stuttgarter Germanistenkoryphäe Fritz Martini bei der Suche nach einem Verlag für Schmidts Fouquet-Biografie einzuspannen, und war einmal kurz davor, ihm eine Dozentur an der HfG Ulm zu verschaffen – ein schöner Plan, der aber gründlich schiefging, weil Schmidt und der HfG-Mitgründer Max Bill, dickköpfig alle beide, sich schon bei ihrer ersten Begegnung in die Haare gerieten.

Technik – unser Feind oder unser Freund?

Nicht nur ökonomisch, auch in ihren Mentalitäten kamen der grätige Norddeutsche Schmidt und der lebensfrohe Rheinländer Bense von sehr verschiedenen Orten. Immerhin, beide waren sich einig in der Ablehnung von katholischer Kirche und Adenauerstaat. Benses Begeisterung für Schmidts Erzählkunst jedoch könnte sich aus einem Missverständnis gespeist haben. Der Spiritus rector der „Stuttgarter Schule“ der Konkreten Poesie sah in Schmidt einen Bruder im Geiste, bei dem das künstlerische Experiment in einer Ästhetik von Technik und Methode gründet. Alice Schmidt notierte kurz nach dem ersten Treffen 1952, was ihr Arno dazu sagte: Es sei „der große Witz: Bense propagiere ihn, als ein Geschöpf seiner technisierten Welt. In Wirklichkeit aber wäre er ja (Arno) der größte Feind der Technik. (...) Welch ein Irrtum also. – Aber natürlich hüte er sich, dies ihm zu sagen.“

Mit Illusionen über freundschaftsähnliche Zweckgemeinschaften unter Dichtern und Denkern räumt dieser Briefwechsel gründlich auf. Doch die Lektüre lohnt als Erinnerung an eine politisch vielleicht bleierne, in Kunst, Literatur und Rundfunk aber überaus fruchtbare Epoche.

Arno Schmidt: Der Briefwechsel mit Max Bense. Bargfelder Ausgabe, Arno-Schmidt-Brief-Edition Band 6. Suhrkamp Verlag, Berlin. 232 Seiten, 48 Euro

Gelehrter Max Bense (1910–1990), in Straßburg geboren und in Köln aufgewachsen, hatte 1931 über Quantenmechanik promoviert und widmete sich nach Kriegsende der Verbindung von Naturwissenschaften, Semiotik und Ästhetik. Von 1949 bis 1978 lehrte er als Professor in Stuttgart. Zusammen mit seiner engen Mitarbeiterin und späteren Ehefrau Elisabeth Walther (1922–2018) gab er die Zeitschrift „Augenblick“ heraus.

Einfluss An der Technischen Hochschule Stuttgart übten seine lebhaft vorgetragenen Vorlesungen große Anziehungskraft auf Studierende unterschiedlichster Disziplinen aus. Sein Denken, das frühe Interesse an Computerlinguistik, inspirierte jüngere Autoren wie Reinhard Döhl, Helmut Heißenbüttel und andere Vertreter der Konkreten Poesie.

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Erstellt:
10. März 2025, 16:22 Uhr

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