Ohrwürmer bekommen neues Gewand
Das Annette-Hölzl-Duo geht bekannten Titeln auf den Grund und fördert dabei Wissenswertes und Unterhaltsames zutage
Mozart wäre heute ein Popstar und Bach rockt. Pythagoras hat den Blues entdeckt und im gregorianischen Choral stecken dieselben Bassläufe wie im flippigen „Ketchup Song“. Die Kirchberger Pianistin Annette Hölzl und Marius Hamann am Schlagzeug geben interessante Einblicke in die Musikgeschichte. Das Duo spielt am Samstag in Welzheim.

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Marius Hamann und Annette Hölzl sind als Annette-Hölzl-Duo unterwegs. Am Samstag spielen sie in Welzheim.Foto: M. Hedrich
Von Heidrun Gehrke
KIRCHBERG AN DER MURR/WELZHEIM. Wer sich mit dem Annette-Hölzl-Duo auf die musikalische Reise begibt, hat viel zu hören: Angekündigt sind „Hörenswürdigkeiten von 600 vor Christus bis 2019“. Auf ihren Streifzügen erinnern die Musiker nicht nur an Musiker vergangener Tage, sie führen sie neu interpretiert vor, denken die Ausgangsmusikstile neu, betreiben eine Art des „Musik-Pairings“. Einmal begeben sie sich auf die romantische Tonspur von Maurice Ravel und zeigen, wie viel Boogie-Woogie in „Bolero“ steckt. Nächster Halt, „Beethoven“: Elise wird mit der Frühform des Jazz gekreuzt.
In Love Stories heften sie sich einem romantischen Klavierwerk an die tangotanzenden Fersen. Mal sind sie ein Gangsterpaar, mal geraten sie auf den Pfaden Wilhelm Tells auf den Highway to hell. Und das in Minimalbesetzung, die viele Male wie ein Orchester klingen soll. In einer weiteren Etappe wird Pythagoras als Erfinder des Blues vorgestellt. „Was Kolumbus für Amerika war, war Pythagoras für die Töne, denen wir unsere Harmonien in der Musik zu verdanken haben“, sagt Annette Hölzl. Die Darstellung der Intervalle und wie unterschiedlich Töne miteinander erklingen können, sei die Wiege des Blues. „Er schuf Oktave, Quarte und Quinte – das sind die Bausteine des Blues, also hat er ihn erfunden“, steht für die Musikerin aus Kirchberg fest. Sie liebt das Kramen in Komponisten-Biografien und wälzt für ihr Leben gern Musiklexika. Besucher dürfen sich auf Begegnungen mit Musikstilen quer durch die Jahrhunderte einstellen.
An jeder Station lassen die „Reisebegleiter“ die Musikhistorie in neuem Klanggewand aufleben. „Frei von Schubladen“, wie Hölzl betont. „Gut klingt ein Stück, wenn wir Spaß haben und uns selbst darauf freuen, es zu spielen“, sagt sie. „Wichtig ist, dass ein Gefühl freigesetzt wird, egal bei welcher Musik“, sagt Marius. Als er geboren wurde, hat sie schon Konzerte gegeben: Der 28-jährige Marius Hamann ist im Musikort Trossingen aufgewachsen. „Die ganze Familie macht Musik“, sagt er. Die Mutter Dozentin an der Musikhochschule, der Vater Professor, der Halbbruder Konzertmeister an der Frankfurter Oper, der zweite Bruder studiert Geige. Von 5 bis 17 hatte Marius Schlagzeugunterricht, auch Grundlagen der Marimba eignete er sich an. „Mit der Mutter habe ich immer Beatles gespielt“, erinnert er sich an seine Kindheit, in der Musik und Kultur „immer und überall“ waren.
„Mir war klar, dass ich den musikalischen Weg einschlage“
Seine Tante ist die Schauspielerin Evelyn Hamann – vor allem bekannt durch ihre Zusammenarbeit mit Loriot. „Sie war immer gut vorbereitet auf Lesungen und Theaterstücke, das habe ich mir zum Leitsatz genommen“, erinnert sich der Neffe an seine prominente Verwandte, der er nur wenige Male begegnet sei. Marius studierte am SAE Institut in Stuttgart Audio Engineering, hat aber nur kurz als Tontechniker gearbeitet. „Mir war klar, dass ich den musikalischen Weg einschlage“, sagt er. Über die Schiene trafen er und Annette Hölzl zusammen – eine „glückliche Fügung“: Sie war auf der Suche nach einem neuen Schlagzeuger, nachdem die musikalischen Wege von ihr und dem Schlagzeuger Philip Flottau auseinandergegangen waren. „Marius bringt die Affinität zur Klassik mit, da passt alles“, sagt Annette Hölzl. Beim Proben zeigte sich, dass es auch zwischenmenschlich stimmt. Ihr erstes gemeinsames Musikreiseprojekt „Mixed Classics“ hat sie seit einem Jahr selbst zu Vielreisenden werden lassen: Konzertanfragen kommen von überall, inzwischen haben die beiden eine Booking-Agentur an ihrer Seite.
In ihrer Pressemitteilung heißt es: „Scheinbar schwere klassische Kost wird in heiteres Konzerterlebnis verwandelt.“ Raum und Zeit, Stil und Tempo der Ausgangsmelodien werden auf den Kopf gestellt und amüsant kommentiert. Das deutet schon die Frage an: Wie viel Rock steckt in Barock? Schlagzeuger Marius nimmt dazu am Schlagzeug Stellung, das er mit Latin und rockigen Anklängen in die Neuzeit trägt. Derweil Hölzl das auf Bach zurückgehende „wohltemperierte Klavier“ auslotet. Feinsinnig wird es mit dem Gitarrenstück „Asturias“ von Isaac Albéniz. Der spanische Komponist und Pianist gehört zu den Klassikern für Gitarristen, obgleich er Klaviermusik komponiert hat. Hölzl und Hamann bringen das für klassische Gitarre transkribierte Stück als Ragtime zurück auf die Klaviertastatur. Ziel ihrer klingenden Odyssee ist eine frei improvisierte Entthronung: „Wir nehmen die Klassiker vom Sockel und spielen mit ihnen“, sagt Annette Hölzl.
Annette Hölzl (56) hat sich durch ein klassisches Studium gespielt und befreit heute die E-Musik lustvoll aus den Stilschubladen. Kreuz und quer spielend lebt sie als Pianistin und Autorin in Kirchberg an der Murr.
Marius Hamann (28) unterrichtet Soundtechnik an der Popmusic School und gibt Schlagzeugunterricht am Popcollege in Fellbach, an der Music Academy in Stuttgart-Vaihingen und am freien Musikzentrum in Stuttgart.
Konzertbeginn in der Eugen-Hohly-Halle ist um 20 Uhr. Karten gibt es an der Abendkasse für 21,ermäßigt 18 Euro. Veranstalter ist die Kultursäule.