Ausstellungen in der Esslinger Villa Merkel
Wo noch niemand war: Zwei Künstler auf der Suche nach Heimat
Auf der Suche nach der Heimat: In der Esslinger Villa Merkel spüren Serena Ferrario und Ramazan Can dem eigenen Herkommen nach. Beide Künstler arbeiten mit unterschiedlichen Mitteln, haben aber eines gemeinsam: Die biografische Recherche geht in die gesellschaftliche über.
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© Städt. Galerie Esslingen
Ramazan Cans Selbstporträts ornamentieren ver- und entstellte Gesichter.
Von Martin Mezger
Ihr Material heißt: ich. Die Künstlerin Serena Ferrario hat sich selbst und ihre Biografie zum Kunstgegenstand erklärt. Nicht als eitle Selbststilisierung, denn kein schnöseliger Ästhetizismus kittet die Brüche, denen sie nachspürt. Die Gesichter und Figuren, die die Zeichnerin scheinbar reflexhaft hinkritzelt und ausschneidet, vereinzelt oder zu Gruppen choreografiert, sprechen einen Bann aus: Ich bin hier, ich bin da, ich bin überall. Eine Magie des Aneignens gegen das Fremde, Andere, Ungefüge. Doch das Ich, das sich überall einzeichnet, gesteht damit, dass es nicht es selbst ist. Sondern nur sein Zeichen, ohne das es möglicherweise gar nicht existieren würde. In solche Fremdheit des eigenen Ich strahlt grell der böse Satz Theodor W. Adornos hinein: Die meisten lügen, wenn sie Ich sagen. Warum? Weil sie fremd bestimmt sind durch fremde Stimmen, die sie für die eigenen halten. Dabei ist es die Polyfonie von Anweisungen, Regeln, Vorbehalten, Klischees, übernommenen Meinungen, das Stimmengewirr aus Familie, Herkommen, kultureller, gesellschaftlicher Prägung. „Hungry Ghosts“ nennt Ferrario diese Stimmen, hungrige Geister. Sie fressen sich satt am fremdbestimmten Ich.
„Hungry Ghosts“ heißt Ferrarios Ausstellung in der Esslinger Villa Merkel, wo sie zusammen mit der Schau „Where is my Place in this World?“ des türkischen Künstlers Ramazan Can gezeigt wird: beide kuratiert vom städtischen Galerieleiter Sebastian Schmitt, aber keine Doppel-, sondern zwei Einzelausstellungen von zwei Künstlern, die methodisch und technisch völlig unterschiedlich vorgehen. Und die doch einiges verbindet: Biografische Recherche geht in gesellschaftliche über. Und die Fährten des eigenen familiären und kulturellen Herkommens sind niemals linear, die Suche nach Identität findet keine Eindeutigkeit.
Ferrario – Tochter einer rumänischen Mutter und eines italienischen Vaters, in Italien geboren, dort und in Deutschland aufgewachsen, aber auch in Rumänien teilverwurzelt – fühlt sich sehr gegensätzlichen, in ihrer Lebensgeschichte hungernden (oder auch nur lungernden) Geistern ebenso ausgesetzt wie verbunden. Mit ihnen künstlerisch klarkommen: Das ist kein ästhetisierendes, sondern ein therapeutisches Kunstkonzept.
Tabernakel erinnerter Jugend
Ferrario stellt deshalb in der Villa nicht aus, sie richtet sich ein; wie in einem Spukschloss, wo das Ich selbst zum Geist wird. Eine sonst verschlossene Kammer unter der Treppe wird zum Tabernakel erinnerter Jugend mit Kuscheltier, Leuchtkette und Boygroup-Poster. Eine Teddybären-Crew dient als Projektionsfläche, über die kaum erkennbar die Bilder früherer Freunde flimmern. Ferrario hat Räume zugerümpelt, als wären sie ein nach außen verfrachteter Gedächtnisspeicher. Und wem das alles zu privatesoterisch ist, der schaue sich ihre Videos an: zu sehen in einer Art Marktstand mit Gesichterzeichnungen als Auslage vor dem Bildschirm oder im Strandambiente mit Liegestühlen und abgeknicktem Sonnenschirm.
Mutterland der Tristesse
Der Streifen „Ciao Bella“ blickt nämlich hinter die Kulissen eines Italien, das nur als touristische Inszenierung Bella Figura macht. Sonst aber ein Mutterland der Tristesse ist, mit in Konventionen versackten oder anders gescheiterten Lebensentwürfen und manchmal aufblitzender Vitalität: der Teil-Italienerin Ferrario so nahe wie befremdlich. So öffnet sich Ich-Fixierung ins Sozialdokumentarische, die Suche nach Identität findet Interaktion, Einfühlung, Solidarität: die Lösung von Ferrarios Kunst-Drama.
Beton im Teppich-Leibchen
Bei Ramazan Can geben zwei Pole dem Drama Spannung: seine Herkunft aus dem anatolischen Nomadenvolk der Yörük, im 19. Jahrhundert vom osmanischen Staat gezwungen, sesshaft zu werden. Und die Prägung durch moderne Kunst. Ein scheinbar traditioneller Yörük-Teppich mit Zitat von Matisse’ tanzenden Frauen hebt die Spannung artistisch auf, die Installation „Cupboard/Attic“ akzentuiert sie: Als wär’s klassische Minimal Art sind 96 kleine Betonquader strikt regelmäßig auf dem Boden gruppiert – aber jeder trägt wie ein Leibchen einen Teppich-Ausschnitt. Das Symbol der vernichteten Tradition vereint sich mit jenem der Zwangssesshaftigkeit, dem Beton.
Meisterliche Technik
Keine Versöhnung, die Spannung bleibt. Aber eine Realität, in welcher der Künstler seinen Ort sucht. Seine meisterliche Technik erlaubt es Can, als Summe vielfältiger Anspielungen seinen unverwechselbaren Stil zu wahren. In seinen Selbstporträts überschreitet der fast plastisch-fleischige Farbauftrag die bunte Rhythmik à la Basquiat. Augen-, Nasen- und Mundpartie sind unkenntlich verschmiert oder durch ein werwolfartiges Gebiss entstellt. Gesicht zeigt hier der Identitätsverlust, unabgeschlossen ist die Suche des Platzes, wo „Ich“ ist. So weist, nicht anders als bei Ferrario, die Kunst Cans auf jenen utopischen Ort, worin laut Ernst Bloch „noch niemand war: Heimat“.
Hungrige Geister
Künstler Ramazan Can, geboren 1988, lebt in Ankara. Serena Ferrario wurde 1986 in Crema bei Mailand geboren. Sie wuchs in Deutschland und Italien auf und verbrachte längere Zeit in Rumänien.
Ausstellung Eröffnung von „Hungry Ghosts“ und „Where is my Place in this World?“ ist an diesem Samstag, 1. März, 17 Uhr. Die Schau dauert bis 9. Juni. Öffnungszeiten sind dienstags, mittwochs, samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags und freitags von 12 bis 20 Uhr.
Programm Führungen: donnerstags, 18.30 Uhr, und sonntags, 15 Uhr. Führungen in anderen Sprachen, jeweils 16.30 Uhr: 9. März auf Türkisch (Can), 6. April auf Rumänisch und 4. Mai auf Italienisch (Ferrario), 27. April auf Englisch (beide Ausstellungen). Alle Infos zum Begleitprogramm unter www.villa-merkel.de.