Abteibesitz war Hallern ein Dorn im Auge
Jahrbuch 2018 Württembergisch Franken: Gerhard Fritz spricht über Situation des Klosters Murrhardt während Reformationszeit
Das Benediktinerkloster der Walterichstadt und die Reichsstadt Schwäbisch Hall verbanden enge Beziehungen. Zu dessen wichtigsten Besitztümern gehörte die Pfarrei St. Katharina und die Hälfte der Stadt auf der linken, westlichen Seite des Kochers, eine Filiale der Pflege Westheim.
Von Elisabeth Klaper
MURRHARDT. Dies zeigte der Historiker Professor Gerhard Fritz in seinem Kurzvortrag vor einer kleinen Zuhörergruppe im Carl-Schweizer-Museum auf. Dank zahlreicher Schenkungen hatte das Kloster Murrhardt etliche, teils weit entfernte Außenbesitzungen. So auch die Pflege Westheim, die Kaiser Heinrich III. 1054 der Abtei geschenkt hatte. Sie war „eine Urpfarrei, von der die Christianisierung der Region ausging, mit einem riesigen Sprengel, der das Gebiet westlich des Kochers umfasste.“ Im Lauf der Jahrhunderte seien davon nach und nach immer mehr Filialpfarreien abgetrennt worden, erläuterte Fritz.
Der Murrhardter Abt und Konvent hatten dort das Patronatsrecht: Sie setzten die Pfarrer in Westheim und dessen Filialpfarreien wie St. Katharina ein. Die Mitglieder der Pfarrgemeinden mussten Abgaben verschiedener Art ans Kloster leisten. „Regelmäßig besuchte der Abt den Klosterbesitz in Hall, wobei der Rat der Stadt ihn und seine Begleitung standesgemäß empfing und mit einigen Kannen Wein bewirtete“, erzählte der Historiker. Doch: „Die Haller blickten verächtlich auf die Gemeinde St. Katharina und die Einwohner der Stadthälfte auf der linken Kocherseite herab“, was im Spruch „Jenhalb Kochens wohnt nichts Rechtes“ zum Ausdruck komme.
Während der Reformationszeit regierte das erzkatholische Haus Habsburg, aus dem die Kaiser des Heiligen Römischen Reichs kamen, von 1520 bis 1534 das Herzogtum Württemberg und das Murrhardter Kloster. Zunächst war Oswald Binder, dann Martin Mörlin Abt, dessen Siegel den Heiligen Martin zeigt, wie er seinen Mantel mit einem Armen teilt. Er war laut Fritz „der Einzige, der im Bereich Verwaltung durchblickte“. Aber „die Lehren Martin Luthers kursierten auch in Murrhardt und Hall“, und die Reichsstadt war eines der ersten Gebiete, die die Reformation einführten.
Noch um 1520 gab es wohl ein kleines Kloster bei der stattlichen Pfarrkirche St. Katharina. Ebenso eine Gebetsgemeinschaft ähnlich der Murrhardter Sebastiansbruderschaft. Diese sorgte mithilfe einer Begräbniskasse dafür, dass die Mitglieder ordentlich bestattet wurden, und betete für deren Seelenheil. Dagegen war Michael Gräter, Pfarrer von St. Katharina, ein überzeugter Anhänger Luthers. Er gehörte zu den Haller Reformatoren und war mit der Familie des Haller Theologen und württembergischen Reformators Johannes Brenz verschwägert.
Wohl motiviert durch Luthers Kritik an den Missständen in der katholischen Kirche, sandte die Gemeinde St. Katharina 1521 einen Brief an den Haller Rat, den vermutlich Pfarrer Michael Gräter selbst verfasste, so der Historiker. Darin beklagte die Gemeinde einen „klassischen Fall“ des Missbrauchs der zur Pfarrei gehörenden Pfründen, sprich Planstellen und Einkünfte für Geistliche. Diese waren verbunden mit drei Altären in der Pfarrkirche St. Katharina, die unter der Lehnsherrschaft des Murrhardter Abts und Konvents standen.
„Die Inhaber der Pfründen kassierten nur die Einkünfte, kümmerten sich aber nicht um die damit verbundenen Aufgaben, sondern setzten dafür schlecht bezahlte Vertreter ein“. Zwei Inhaber der Pfründen waren in Rom und Würzburg, die dritte ans Bankhaus Fugger verpfändet. Leider sei kein Antwortbrief des Haller Rats erhalten. Doch diesem „war es schon lange ein Dorn im Auge, dass der Murrhardter Abt in der Hälfte der Stadt Politik machte.“ Darum versuchte das Leitungsgremium der Reichsstadt, in deren Besitz zu kommen, erklärte Fritz.
Eine günstige Gelegenheit ergab sich, als das Murrhardter Kloster im Bauernkrieg 1525 schwere Einbußen erlitt. So wurde das ins Kloster Lorch ausgelagerte Murrhardter Klosterarchiv vernichtet, darunter leider auch die unschätzbar wertvolle Chronik des Haller Priesters und Notars Georg Widman. Danach hatte die Abtei hohe Schulden, was die Haller Räte ausnutzten: 1526 boten sie dem Kloster 410 Gulden an für den Verkauf von Kirche und Pfarrei St. Katharina mit allen Rechten. „Das war kein guter Preis fürs Kloster, aber ein Schnäppchen für Hall“, so Fritz. Der Rest der Pflege Westheim verblieb vorerst bei Murrhardt, bis Hall 1617 auch diese kaufte. Trotz allem besuchte der Murrhardter Abt jedoch auch weiterhin Schwäbisch Hall: So war Martin Mörlin 1533 zu Gast bei einer großen Fastnachtsfeier. „Damals gab es noch keine Konfessions- und Kirchentrennung, auch erwartete man einen Kompromiss zwischen der katholischen Kirche und den Protestanten“, erläuterte der Historiker. Im Vortrag fasste Gerhard Fritz seinen Beitrag für das Jahrbuch 2018 (Band 102) des Historischen Vereins für Württembergisch Franken zusammen, an dessen Ende der Brief der Gemeinde St. Katharina an den Haller Rat abgedruckt ist. Kurz stellte Fritz das Jahrbuch vor, das die Referate der großen Reformationstagung in Schwäbisch Hall 2017 enthält. Themen sind unter anderem der aus Hall stammende Johannes Brenz, Reformator Württembergs, und Primus Truber, Reformator Sloweniens und Schöpfer der slowenischen Schriftsprache, der eng mit Württemberg und mit Schwäbisch Hall verbunden war. Ende des Jahres soll Band 103 für 2019 erscheinen, der unter anderem die Edition der Bauern-Autobiografie von Gottfried Klenk aus Steinberg enthält, kündigte Gerhard Fritz an. Außerdem gab der Historiker bekannt, dass er zurzeit an einer Studie über das Kloster Murrhardt in der Zeit von 1550 bis 1620 arbeitet, die er voraussichtlich 2020 veröffentlichen wird.

„1526 boten sie dem Kloster 410 Gulden an für den Verkauf von Kirche und Pfarrei St. Katharina mit allen Rechten.“
Historiker Gerhard Fritz