An der Quelle

Sommerreportage: In Rietenau werden täglich 600000 Flaschen Mineralwasser abgefüllt – Nachschub fließt aus sieben Brunnen

Es klingt nach einer erfrischenden Arbeit, doch die Mitarbeiter der Rietenauer Mineralquellen kommen im Sommer ganz schön ins Schwitzen. Denn der Sprudelabsatz steigt in der heißen Jahreszeit um 20 Prozent. In der Produktion bleibt das erfrischende Nass fast unsichtbar. Der Weg von der Quelle bis zur Flasche ist ein geschlossenes System aus stählernen Tanks und Rohren.

Betriebsleiter Thomas Lacher inspiziert die Mehrwegflaschen, die aus der Waschanlage kommen. Jede wird im Durchschnitt 20-mal befüllt. Fotos: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Betriebsleiter Thomas Lacher inspiziert die Mehrwegflaschen, die aus der Waschanlage kommen. Jede wird im Durchschnitt 20-mal befüllt. Fotos: A. Becher

Von Kornelius Fritz

ASPACH. Spaziergängern wird die Betonplatte im Boden mit den zwei grünen Luken, oberhalb des kleinen Weihers bei Rietenau kaum auffallen. Nichts deutet darauf hin, dass genau dort das Mineralwasser aus dem Boden kommt, das viele täglich trinken. Thomas Lacher hat einen Schlüssel und einen großen Haken dabei, um den Lukendeckel zu öffnen. Über eine Leiter steigt der Betriebsleiter der Rietenauer Mineralquellen GmbH hinunter in einen kleinen Maschinenraum. Dessen Herzstück ist ein etwa 50 Zentimeter dickes Rohr, das aus der Erde kommt. Es führt direkt zur Klosterquelle in rund 50 Meter Tiefe.

Der Brunnen wurde in den 1990er-Jahren gebohrt. Seitdem werden hier pro Stunde rund 3,5 Kubikmeter Mineralwasser nach oben gepumpt, rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr. Die Edelstahlrohre, durch die das Wasser fließt, sind eiskalt: 11,9 Grad zeigt das Display an. Lacher öffnet einen kleinen Hahn, um eine Probe zu entnehmen. „Man kann das Wasser auch direkt hier trinken“, erklärt der Betriebsleiter. Im Werk wird das Getränk nur noch veredelt und in Flaschen abgefüllt, Mineralwasser ist es schon, wenn es aus der Erde kommt. Allzu oft ist Thomas Lacher nicht hier unten: „Ich kann alles am PC in meinem Büro überwachen“, erklärt er. Ist eine Quelle einmal angezapft, muss der Zugang in die Tiefe nur noch alle paar Jahre per Kamera kontrolliert werden. Die Klosterquelle wurde 2014 saniert und die Pumpen erneuert. Insgesamt betreibt Rietenauer sieben Quellen, die sich alle im Umkreis von etwa 800 Metern rund um das Werk befinden. Über ein unterirdisches Leitungsnetz fließt das Wasser auf das Betriebsgelände.

09.08.2019 Ein Glas Sprudel?
Ausreichend Wasser zu trinken ist wichtig, vor allem im Sommer. Medium, still oder mit viel Blubb? In Rietenau wird Mineralwasser abgefüllt und genau dort haben wir einmal hinter die Kulissen geblickt.

Abfüllanlagen schaffen 50000 Flaschen pro Stunde

Dort wird es zunächst in einen der großen Puffertanks gepumpt. Die 16 runden Speicher, die man schon von Weitem sieht, fassen jeweils 125 Kubikmeter Wasser. So können die Pumpen auch nachts und am Wochenende weiterlaufen, wenn die Abfüllanlage steht. Für die Quellen sei es wichtig, dass man ihnen immer eine konstante Wassermenge entnimmt, erklärt Lacher. „Der Pegel muss gehalten werden. Würden wir plötzlich mehr entnehmen, könnte die Quelle versiegen.“ Das Wasser aus den verschiedenen Brunnen landet in unterschiedlichen Tanks, denn trotz der räumlichen Nähe unterscheidet sich der Mineralgehalt, und das Wasser wird auch unter verschiedenen Markennamen verkauft.

Heute wird die Sorte „Frische Brise“ abgefüllt. Das Wasser stammt aus der Marius-Quelle und befindet sich in den Tanks mit den Nummern 3 und 11. Zwei elektrische Pumpen befördern es von dort in die Abfüllanlage. Vorher fließt es aber noch über einen Filter, der Schwebstoffe aussiebt. Was bei der Verarbeitung erlaubt ist, sei in der Mineral- und Tafelwasserverordnung genau geregelt, erklärt Denise Kaufmann, Geschäftsführerin Marketing und Vertrieb beim Mutterkonzern Winkels (siehe Infobox). Das Wasser dürfe enteisent und entschwefelt werden, was bei den Rietenauer Quellen aber nicht nötig ist. Ansonsten darf nur noch Kohlensäure zugesetzt werden.

Hier wird aus Wasser Sprudel: Mit großem Druck wird das Mineralwasser in den Stahltanks zerstäubt. So kann es das gasförmige Kohlendioxid aufnehmen.

© Pressefotografie Alexander Beche

Hier wird aus Wasser Sprudel: Mit großem Druck wird das Mineralwasser in den Stahltanks zerstäubt. So kann es das gasförmige Kohlendioxid aufnehmen.

Das passiert im sogenannten Mixer und der macht einen Höllenlärm. „Das ist die Vakuumpumpe“, brüllt Thomas Lacher gegen das Dröhnen der Maschine an. In einem Stahltank entzieht sie dem Wasser Sauerstoff. Dann kann sich das CO2 besser darin lösen. Das geschieht in einem zweiten Tank: Mit hohem Druck wird das Wasser darin verstäubt und kann so das gasförmige Kohlendioxid aufnehmen. Mit seiner Handytaschenlampe leuchtet Lacher durch ein Bullauge, hinter dem es wild sprudelt. „Je mehr Druck auf dem Tank ist, desto mehr Kohlensäure kann das Wasser aufnehmen“, erklärt er. So können die Mitarbeiter dosieren, ob das Wasser still, medium oder spritzig werden soll.

Die zehn Millionen teure Abfüllanlage ist ein technisches Wunderwerk. Rietenauer hat gleich zwei davon; eine für Glas- und eine für Kunststoffflaschen. Zusammen füllen sie rund 50000 Flaschen pro Stunde. „Wir sind ein reiner Mehrwegbetrieb“, erklärt Denise Kaufmann. Am einen Ende der Halle laufen leere Pfandkisten in die Anlage, eine Stunde später verlassen sie frisch gefüllt auf der anderen Seite die Produktion. Was dazwischen passiert, läuft fast komplett automatisch ab. Pro Anlage sind nur etwa fünf Mitarbeiter nötig. Eine ihrer Aufgaben: falsche Flaschen aus dem Leergut fischen, denn in den Sprudelkisten finden sich auch jede Menge Cola-, Limo- und Saftflaschen, die dort nichts zu suchen haben.

Der Sniffer erkennt mehr als 200 Gerüche

Die leeren Wasserflaschen werden dann von einem Greifer aus den Kisten gehoben. Der automatische „Abschrauber“ entfernt zunächst die Deckel von den Flaschen, die Etiketten werden weggeschnitten und abgesaugt. Dann geht es in den „Sniffer“, eine Art automatische Nase, die mehr als 200 Gerüche erkennen kann. Stellt der Sensor fest, dass eine Flasche einen anderen Inhalt hatte als Wasser – egal ob Apfelsaft oder Terpentin –, wird sie aussortiert. „Mineralwasser ist sensibel, einen fremden Geschmack bekommt man nicht zu 100 Prozent heraus“, weiß Thomas Lacher.

In der Abfüllanlage laufen Kisten und Flaschen über Förderbänder von Station zu Station. Bevor sie neu befüllt werden, werden die Mehrwegflaschen aufwendig gereinigt.

© Pressefotografie Alexander Beche

In der Abfüllanlage laufen Kisten und Flaschen über Förderbänder von Station zu Station. Bevor sie neu befüllt werden, werden die Mehrwegflaschen aufwendig gereinigt.

Der anschließende Reinigungsprozess ist aufwendig und besteht aus zehn verschiedenen Schritten: Die Flaschen werden abgespritzt, in Natronlauge gebadet, desinfiziert und mehrfach mit klarem Wasser gespült. Am Ende laufen sie noch durch den „Flascheninspektor“. Im Blitzlichtgewitter dieser Maschine scannen zwölf Kameras die Flaschen und sortieren beschädigte, zerkratzte oder mit Edding beschriftete Exemplare aus. Der Ausschuss liegt bei rund fünf Prozent, im Durchschnitt wird eine Mehrwegflasche also etwa 20-mal befüllt.

Endlich ist der Moment gekommen, an dem sich Wasser und Flasche treffen. Das passiert im sogenannten Ringkessel. Dort wird zunächst CO2 in die Flaschen gepumpt, durch den Druckausgleich fließt dann das Mineralwasser in die Flaschen, ohne überzuschäumen. Jetzt kommt noch der Deckel drauf, das Etikett wird von einem Endlosschlauch abgeschnitten und von oben über die PET-Flasche gestülpt: Aus dem namenlosen Wasser ist „Frische Brise classic“ geworden.

Jeweils zwölf Flaschen platziert ein Greifer in den frisch gewaschenen blauen Kisten. Ein Gabelstapler bringt diese schließlich palettenweise ins Lager, wo bereits die Laster warten, um das Rietenauer Wasser zu Getränkehändlern in ganz Süddeutschland zu bringen. Jeden Tag rund 600000 Flaschen, an heißen Sommertagen deutlich mehr.

Info
Rietenauer Mineralbrunnen GmbH

„Anno 1262“ steht auf den Rietenauer Mineralwasserflaschen, gemeint ist damit die erste urkundliche Erwähnung der dortigen Quellen. Gewerblich genutzt werden diese allerdings erst seit 1960.

Das Unternehmen hat in dieser Zeit mehrfach den Besitzer gewechselt, seit 2011 gehört es zur Winkels Getränke Holding in Sachsenheim. Das Familienunternehmen betreibt neben dem Standort in Rietenau auch die Mineralbrunnen Alwa, Fontanis und Griesbacher.

Die Rietenauer Mineralquellen GmbH produziert mit 70 Mitarbeitern rund 130 Millionen Flaschen pro Jahr. Das Mineralwasser aus Aspach wird unter den Markennamen Rietenauer, Klosterquelle, Frische Brise, Prinzenperle, Albperle und Markgrafen verkauft. Etwa fünf Prozent seines Umsatzes macht Rietenauer mit Limonadengetränken.

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Erstellt:
9. August 2019, 16:00 Uhr

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