Chemikalien für Klärwerke werden wegen Lieferengpässen knapper

Etwa jeder zweite Kläranlagenbetreiber hat mit Lieferschwierigkeiten und reduzierten Mengen an Fällmitteln zu kämpfen. Zum Teil müssen Kläranlagen in den Streckbetrieb gehen, wodurch mehr Phosphate im Wasser bleiben. Kurzfristig hat das aber keine negativen Auswirkungen.

Der Backnanger Kläranlage wird Fällmittel zwar auch nur noch in reduzierten Mengen geliefert, das ist aber kein Problem. Unter anderem deshalb, weil Phosphate nicht nur chemisch, sondern auch biologisch gefällt werden. Archivfoto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Der Backnanger Kläranlage wird Fällmittel zwar auch nur noch in reduzierten Mengen geliefert, das ist aber kein Problem. Unter anderem deshalb, weil Phosphate nicht nur chemisch, sondern auch biologisch gefällt werden. Archivfoto: Alexander Becher

Von Kristin Doberer

Rems-Murr. Lieferschwierigkeiten gibt es gerade an allen Ecken und Enden, seit dem Sommer haben auch die Kläranlagen immer wieder mit fehlenden Chemikalien, langen Lieferzeiten und Planungsunsicherheit zu kämpfen. Zunächst sorgte das Niedrigwasser auf dem Rhein dafür, dass die Salzsäureproduktion stockte, da zwei große Lieferanten dadurch nur geringe Mengen liefern konnten. Die Witterungsbedingungen wären nun wieder besser, dafür stehen jetzt in vielen Chemieunternehmen die Hochöfen still, aus deren Produktion unter anderem das benötigte Eisen-III-Chlorid kommt. Grund dafür sind meist die extrem hohen Energiekosten, die dabei anfallen. Die Folge: Unter anderem in Klärwerken benötigte Fällmittel fehlen, Kläranlagen müssen zum Teil in den sogenannten Streckbetrieb gehen. Das betrifft Anlagen deutschlandweit, auch in der Region.

„Das Thema Fällmittelknappheit beschäftigt auch uns in Murrhardt. Auch wir gehen mit der Sammelkläranlage (SKA) Murrhardt in den Streckbetrieb“, erzählt Murrhardts Bürgermeister Armin Mößner. Das bedeutet, dass auf eine gewisse Zeit die zugesetzten Mengen an Fällmitteln reduziert werden. Besonders betroffen ist ein Fällmittel auf Eisenchloridbasis, das aktuell kaum lieferbar sei. „Sonst hatten wir Lieferzeiten von zwei Wochen, jetzt bekommt man vom Lieferanten gar kein Datum mehr genannt“, bestätigt Philipp Nentwich, Betriebsleiter der Murrhardter SKA. Seit Wochen sei es schwierig Lieferanten zu finden, welche die benötigten Fällmittel noch anbieten, der Preis für die überall gesuchten Salze sei mittlerweile enorm angestiegen.

Damit ist die Murrhardter Anlage nicht allein. Laut einer Umfrage der deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) habe schon jeder zweite Kläranlagenbetreiber mit Lieferausfällen zu kämpfen.

Viele Kläranlagen müssen in den sogenannten Streckbetrieb gehen

Aufgrund des Mangels haben Klärwerke deutschlandweit Probleme, die Grenzwerte für Phosphor einzuhalten. In Absprache mit der Wasserbehörde der Landratsämter hat das Regierungspräsidium deshalb ermöglicht, vom ursprünglich Zielwert von 0,3 Milligramm pro Liter abzuweichen – bis zu 0,8 Milligramm sind nun möglich. Der Streckbetrieb, der die kurzfristige Überschreitung der Werte möglicht macht, gelte zunächst bis Mitte November und sei eine große und unkomplizierte Hilfe, meint Nentwich. Er hofft, dass sich bis dahin die Lage am Weltmarkt wieder etwas verbessert.

Etwas besser steht die Backnanger Stadtentwässerung da. „Wir bekommen reduzierte Mengen“, sagt Tiefbauamtsleiter Lars Kaltenleitner. „Wir sind dadurch auch ein bisschen im Streckbetrieb, aber wir sind immer noch innerhalb der Grenzwerte.“ Die Stadtentwässerung Backnang habe nämlich feste Verträge mit den entsprechenden Lieferanten und könne sich deshalb auf zugesagte Liefertermine verlassen. „Außerdem ist unsere Anlage so konzipiert, dass wir eine zusätzliche biologische Phosphatfällung haben“, sagt Kaltenleitner. Dadurch seien von der Backnanger Anlage keine Überschreitungen der Grenzwerte zu befürchten.

Solange der Streckbetrieb nur auf wenige Monate begrenzt sei und in den Winter falle, seien auch von der Murrhardter Anlage keinerlei negative Auswirkungen für die Murr zu erwarten, ist sich Nentwich sicher. Denn Phosphate sind nicht giftig, sie sorgen in Gewässern aber bei warmen Temperaturen für starkes Algenwachstum. Im Winter sei die kurzzeitige Überschreitung der Grenzwerte also unproblematisch. Das bestätigt auch die DWA, demnach sei das Risiko einer Eutrophierung durch geänderte Grenzwerte gering. Auf lange Sicht wären höhere Phosphoreinleitungen jedoch bei empfindlichen Gewässern problematisch.

Denkbar schlechtes Szenario für viele Kläranlagenbetreiber

Aber die steigenden Phosphatwerte sind nicht die einzige Folge der Engpässe. Mittlere und größere Kläranlagen, die meist Faultürme haben, sind schlicht auf das Eisen-III-Chlorid angewiesen. Denn durch die Zuführung der Fällmittel wird das darin entstandene Gas so gereinigt, dass es energetisch in einem Blockheizkraftwerk genutzt werden kann. Gibt es zu wenig von dem dafür benötigten Fällmittel (Eisen-III-Chlorid), ist der sichere Betrieb des Blockheizkraftwerks nicht mehr möglich. Für viele Kläranlagenbetreiber ist das ein denkbar schlechtes Szenario, da damit meist auch die Kläranlage versorgt wird. Ohne den Betrieb des eigenen Blockheizkraftwerks schnellen die Kosten in die Höhe.

„Bei uns sieht es bisher noch nicht so aus, dass wir das Blockheizkraftwerk abstellen müssen“, zeigt sich Nentwich zuversichtlich. „Der Schwefelwasserstoff im Faulturm wird aber aktuell deutlich öfter kontrolliert, sodass wir ihn besser regulieren können.“ Man habe so auch im Streckbetrieb noch genügend Zeit, um ausreichend nachzuregulieren. Und außerdem sei für Murrhardt zum einen eine neue Lieferung des Fällmittels in den kommenden Tagen bestätigt worden, zum anderen soll am Donnerstag die neue Phosphatanlage in der SKA in Betrieb gehen. „Damit werden wir unseren Verbrauch an Fällmitteln dann deutlich senken können“, sagt Nentwich.

Je größer die Kläranlage, desto größer das Problem

Dementsprechend bedeutet das auch: Je größer die Kläranlage, desto größer das Problem, das durch die fehlenden Fällmittel entsteht. Gerade für kleinere Anlagen ohne solche Faultürme gibt es nämlich auch alternative Fällmittel, zum Beispiel Eisen-II-Sulfate und Aluminiumsalze. Manche Kläranlagen haben dadurch keinerlei Probleme. In Aspach zum Beispiel laufe alles ganz normal, heißt es aus dem Rathaus. Ganz anders sieht das bei großen Anlagen aus. In Stuttgart zum Beispiel müsse eigentlich täglich neues Fällmittel geliefert werden. Und im Klärwerk Häldenmühle, in das die Abwasser von Marbach am Neckar, Steinheim an der Murr, Großbottwar, Benningen an der Murr, Murr und Erdmannnhausen fließen, habe man den Vorrat an Fällmitteln schon fast aufgebraucht, der Nachschub sei schwierig, wie Bürgermeister Jan Trost mitteilt. Wie lange die Lage bei der Salzsäureproduktion so bleibt, lässt sich auch von der DWA nur schwer einschätzen und hänge auch von der Entwicklung der Energiepreise und des Gasdeckels ab.

Fällmittel in der Kläranlage

Phosphate Bei der chemischen Reinigung des Wassers in den Klärwerken lösen sich Phosphate, die in Gewässern als Nährstoffe für Pflanzen agieren.

Fällmittel Damit es zu keiner übermäßigen Algenausbreitung kommt, werden Fällmittel bei der chemischen Reinigung mit in die Becken gegeben. Diese binden die gelösten Phosphate und sorgen dafür, dass sich diese mit dem Klärschlamm vermischen, der nicht wieder ins Gewässer eingeleitet wird.

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Erstellt:
11. Oktober 2022, 06:00 Uhr

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