Ein Zuhause für verlorene Kinder
Das ist unser Haus
Vor über 60 Jahren gründete eine Wahl-Baden-Württembergerin in Waldenburg das erste Albert-Schweitzer-Kinderdorf. Als neue Großfamilien für kleine, verlorene Menschen erfüllen die Dörfer eine essenzielle Funktion – heute mehr denn je. Ein Besuch in der Keimzelle.

© /Lena Giovanazzi
Im Kinderdorf heilen geschundene Seelen und körperliche Narben, hier wachsen die Kids auf wie in einer richtigen Familie, mit Geschwistern und Eltern. Nur eben im XXL-Format.
Von Susanne Hamann
„Ich will auch so ein Glitzerspängle“, ruft Leyla. Hanna putzt sich Zähne, rennt dabei wild zwischen Bad und Wohnzimmer hin und her. Fabienne fragt, wann sie endlich Inliner fahren darf. Also: der ganz normale Wahnsinn, den man im Alltag mit drei aufgeweckten Fünfjährigen erlebt (die Namen der Kinder haben wir alle geändert). Der Kindergarten hat an diesem Freitagvormittag geschlossen, daher toben die Kleinen daheim. Inken Karle bleibt ganz gelassen und kocht sich erst mal einen Latte macchiato. „Ich trinke viel Kaffee“, sagt sie und lacht.
Geborgenheit, Liebe und Aufmerksamkeit
Inken Karle ist 33 Jahre alt und Mutter von acht Kindern. Keines von ihnen hat sie auf die Welt gebracht. Aber allen schenkt sie Geborgenheit, Liebe und Aufmerksamkeit. Denn Karle, die ausgebildete Erzieherin, arbeitet als Hausmutter im Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Waldenburg. Und ist hier auch für Fabienne, Hanna und Leyla da.
Waldenburg ist ein hübsches Örtchen im Schwäbisch-Fränkischen Wald. Die mittelalterliche Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern thront auf einem lang gezogenen Bergrücken. Über den sogenannten Balkon von Hohenlohe gibt es drei Dinge zu wissen: Hier steht das prachtvolle Renaissanceschloss der Fürsten zu Hohenlohe-Waldenburg. Im Rathaus gibt es eine Sammlung mit Urweltfunden, darunter die Nachbildung einer Riesenechse, die beim Bau der A6 im Muschelkalk ausgegraben wurde. Und hier in der ländlichen Idylle wurde vor mehr als 60 Jahren das erste Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Deutschland gegründet.
Den Anstoß dazu gab Margarete Gutöhrlein. Für die 1883 geborene Schauspielerin und Krankenschwester war praktisch angewandte Menschlichkeit eine Herzenssache. Im Zweiten Weltkrieg hatten viele Kinder ihre Eltern verloren und brauchten Hilfe. Also wollte Gutöhrlein einen Ort schaffen, ganz im Stil der 1949 zunächst in Österreich eröffneten SOS-Kinderdörfer, an dem verwaiste oder verlassene Mädchen und Jungen behütet aufwachsen konnten. Und zwar unabhängig von ihrer Konfession, war damals ungewöhnlich war. Es sollte ein Zuhause sein, kein anonymes Waisenhaus.
1957 überredete die energische Frau dann Franz Gehweiler, den Bürgermeister von Waldenburg, für das Projekt ein drei Hektar großes Grundstück zur Verfügung zu stellen. Per Telegramm fragte sie beim Tropenarzt und Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer in Lambarene in Gabun an, ob er die Schirmherrschaft übernehmen möchte. Der Urwalddoktor sagte sofort zu. Persönlich lernten sich Schweitzer und Gutöhrlein nie kennen, auch den Einzug der ersten Kinder 1960 erlebte sie nicht mehr. Die Initiatorin starb 1958. Die Umsetzung der Kinderdorfidee und der Bau des Kinderdorfes wurde von ihrem Mann Georg weitergeführt.
Gemüse, das unbekannte Gericht
Längst gibt es Kinderdörfer in ganz Deutschland. „Der Bedarf ist leider riesig“, sagt Wolfgang Bartole, der Finanzvorstand des Kinderdorfes in Waldenburg. Die Einrichtung hat 49 Plätze. „Jeden könnten wir siebenmal vergeben.“ Derzeit leben hier Kinder im Alter zwischen zwei und 17 Jahren, betreut werden sie von 60 pädagogischen Fachkräften. Dazu kommen Mitarbeiter in der Verwaltung und Haustechnik. Ein ganzes Dorf eben. Die kleine Siedlung liegt gut einen Kilometer außerhalb von Waldenburgs Altstadt, umrahmt von Laubwald, und sieht aus wie eine ganz normale schwäbische Wohngegend auf dem Land. Neun farbige Einfamilienhäuser liegen verstreut an einer geschwungenen Straße, dazu gibt es einen Kindergarten und ein Gemeindehaus. Lieferfahrzeuge von Logistikunternehmen tuckern elektrisch-leise ihrer Wege und liefern Pakete aus. An der Haltestelle spuckt der Bus einen Schwung Grundschüler aus, die mit ihren Schulranzen nach Hause rennen. Hunger!
Die Kinder im Dorf haben in der Regel Schlimmes erlebt. Die meisten Geschichten, denen man hier begegnet, sind tieftraurig, allerdings wird über einzelne Schicksale Stillschweigen bewahrt. „Meistens geht es um Gewalt, Verwahrlosung, Missbrauch. Die Mütter und Väter haben psychische Probleme, sitzen im Gefängnis oder sind drogenabhängig“, sagt Hausmutter Inken Karle. In solchen Fällen ordnen die Jugendämter oft eine Langzeitunterbringung an. Die vollstationäre Jugendhilfe, wie man auf Beamtendeutsch sagt, ist die Endstation, das letzte und schärfste Mittel. Es wird nur angewandt, wenn ambulante Hilfe nicht fruchtet und das Kindeswohl akut gefährdet ist.
Doch hinter dem sprichwörtlichen Horizont geht’s weiter. In Waldenburg leben zuvor traumatisierte Kinder oft wieder richtig auf. „Sie sollen wieder Vertrauen fassen und stabil groß werden können“, sagt Karle. Dazu braucht es Bezugspersonen, die nicht ständig wechseln, viel Zeit, Geduld und Liebe. Im Kinderdorf heilen geschundene Seelen und körperliche Narben, hier wachsen die Kids auf wie in einer richtigen Familie, mit Geschwistern und Eltern. Nur eben im XXL-Format.
Im Esszimmer von Familie Karle in Haus Nummer 14 steht ein ellenlanger Holztisch, an dem locker zwölf Personen Platz finden. Zu den Mahlzeiten sind alle Stühle besetzt. Neben Inken Karle und den acht Kindern sitzen auch zwei Erzieher und eine Praktikantin mit am Tisch. Heute gibt es Lachs mit Kartoffelspalten aus dem Ofen, dazu gemischten Salat. Gesunde Ernährung ist wichtig. Manche Kinder kannten das gar nicht, bevor sie hier eingezogen sind. „Ein Junge wusste gar nicht, was Gemüse ist“, erzählt Karle. Bei Leyla gab es wohl früher sehr viel Süßes. Wenn die Kleine lacht, blitzt Metall auf. Die Fünfjährige hat zwei Füllungen in den Milchzähnen. Auch Tischsitten müssen immer wieder geübt werden. „Bitte sprich nicht mit vollem Mund“, wiederholt Karle geduldig. Zur Abwechslung sagt sie auch mal: „Erst runterschlucken.“
Die Kinder leben in der Regel bis zu ihrem 18. Geburtstag im Kinderdorf. Wenn möglich, wird der Kontakt zur Herkunftsfamilie gepflegt. Inken Karles Kinder telefonieren regelmäßig mit ihren leiblichen Eltern. Nur eines hat gerade keinen Draht zu Mama und Papa. „Das versuchen wir zu ändern, denn das ist für das Kind auf Dauer sehr frustrierend.“ Manche Angehörigen kommen sogar hin und wieder zu Besuch. Dafür gibt es extra ein Gästehaus, in dem Verwandte übernachten können. „Unser Einzugsgebiet ist die Region Heilbronn-Franken, doch wir hatten auch schon Kinder aus Norddeutschland“, erzählt Vorstand Wolfgang Bartole. „Gerade sind zwei aus Dresden hier.“
Haben Hauseltern eigentlich auch Urlaub?
In der Grundidee von Margarete Gutöhrlein besteht die klassische Familie aus Mama, Papa und Kindern. Inzwischen hat sich die Gesellschaft aber verändert. Das bildet sich auch in Waldenburg ab. In einem Haus ging eine Ehe in die Brüche, dort schmeißt der Papa nun allein den Laden. Inken Karle ist Hausmutter ohne Partner. Allein ist sie deshalb nicht: Sie hat zwei Drillingsschwestern, die regelmäßig zu Besuch kommen. Weihnachten feiert sie mit allen acht Kindern daheim bei ihren Eltern.
Die Hausmütter und -väter sind hier im Kinderdorf Elternteile, deren Care-Arbeit offiziell bezahlt wird. Sie arbeiten 48 Stunden pro Woche über sechs Tage verteilt. Inken Karle verbringt ihre freien Tage gern in ihrer alten Wohnung ganz in der Nähe. Im Urlaub fährt sie dann am liebsten zu Musikfestivals, die perfekte Entspannung. Eltern wissen es: Schon mit einem Kind kann die Organisation des Alltags ganz schön herausfordernd sein. In einer Familie wie im Kinderdorf multipliziert sich das alles mit acht. Kinder wecken, Ranzen packen, Frühstück machen, Schulbrote schmieren und dann ab zur Bushaltestelle. Nach der Schule gibt es Mittagessen, Spielen, Hausaufgaben, Hobbys.
Begabungen werden im Kinderdorf gezielt gefördert. Im Flur von Haus 14 hängt ein großer Wochenplan mit Terminen, dazu kommen Therapiestunden wie Logopädie. Wie man da den Überblick behält? Inken Karle grinst breit: Eine gute Organisation
ist alles. Außerdem hat sie professionelle Unterstützung durch die zusätzlichen Erzieher, die sich hier im Schichtdienst abwechseln. Im Souterrain von Haus Nummer 14 befindet sich eine Art Schmutzschleuse. In diesem Ankleideraum stehen alle Schuhe, hängen alle Jacken, liegen Mützen, Handschuhe und Matschhosen bereit. Alles mal acht. Jedes Kind hat einen eigenen, bunt gestrichenen Garderobenschrank. Die Hauswirtschaftshelferin hat sich das System ausgedacht und stickt mit buntem Garn kleine Kreuze in jedes Kleidungsstück. „So hat man es einfacher beim Wäschesortieren“, erklärt Inken Karle. Die zwei Waschmaschinen und Trockner im Keller laufen quasi rund um die Uhr.
Privatleben und Job sind für Hauseltern untrennbar verwoben
Wer die fröhliche Rasselbande nach dem Essen im Garten Trampolin hüpfen und die Hasen füttern sieht, glaubt kaum, welches unsichtbare Paket an Sorgen sie mit sich herumtragen. Auf dem asphaltierten Bolzplatz sausen ein paar auf Fahrrädern umher, dazwischen tollt Cooper. Der Therapiehund gehört zu Familie Jüngst vom Haus Nummer 19. „Home“ steht an ihrer Haustür, drinnen ist alles freundlich-hell eingerichtet. In der offenen Küche beseitigt ein Mitarbeiter die letzten Spuren des Mittagessens. Hausmutter Corina Jüngst plaudert mit Tochter Ronja, 13, am Esstisch. Zur Familie gehören auch Gatte Florian und die zweite Tochter Lotta, elf. „Mein Mann hat das Vorhaben, hier einzuziehen, sehr unterstützt“, erzählt die Hausmutter. Die Entscheidung traf die Familie gemeinsam. Die Familie nahm zuvor bereits ein Pflegekind auf, wodurch sie schon erste Erfahrungen sammeln konnte, berichtet Corina Jüngst. Das Mädchen habe eine Familie gebraucht, und im Herzen der Jüngsts war noch Platz. Im April 2024 sind sie ins Kinderdorf gezogen, zum ersten Pflegekind kamen noch vier weitere – zwei Plätze werden im folgenden Jahr noch belegt. Tochter Ronja sagt, sie finde es schön, dass immer was los sei.
Liebt man Pflegekinder wie die eigenen? „Ganz genau gleich ist es nicht“, sagt Corina Jüngst. „Aber jedes Kind bekommt natürlich das, was es braucht.“ Dazu gehören auch Umarmungen, oder dass die Kinder zu Mama und Papa ins Bett kriechen dürfen, wenn sie schlecht geträumt haben. Hauseltern müssen damit klarkommen, dass sie daheim wirklich nie allein sind. Privatleben und Job sind für sie untrennbar verwoben. Jüngst sieht hier aber auch Vorteile und erzählt, dass ihr Mann und sie eben auch mal außerhalb der Schulferien verreisen können. Ohne Kinder – und mit dem Wissen, dass die Kleinen durch die pädagogischen Mitarbeiter bestens betreut werden. Die kleinen Fluchten sind wichtig, um diesem wirklich fordernden Job gerecht zu werden.
Seit 1960 sind rund 700 Kinder im Albert-Schweitzer-Kinderdorf aufgewachsen. „Das Kinderdorf war meine Rettung“, sagt Jessica Wagner, eine der Ehemaligen. „Wenn ich nicht hier hätte einziehen können, wäre mein Leben anders verlaufen. Wahrscheinlich hätte ich noch nicht einmal einen Schulabschluss.“ Die heute 30-Jährige – verheiratet, ein Kind – hat Erzieherin gelernt. Und ist dann nach Waldenburg zurückgekehrt. „Ich wollte etwas zurückgeben“, sagt sie. Das Dorf ist ihre Heimat.