„Das Theaterhaus ist kein Familienbetrieb“
An diesem Samstag feiert das Theaterhaus Stuttgart 40. Geburtstag. Mittendrin: Werner und Gudrun Schretzmeier. Mit welchen Gefühlen?
Von Nikolai B. Forstbauer
Stuttgart - Ein Paar wie nur je eines: angetreten einst, um Grenzen zwischen Kunstformen aufzubrechen und Grenzen zwischen Menschen gar nicht erst entstehen zu lassen. Und noch immer „auf der Suche“ – nach „spannenden Künstlerinnen und Künstlern aus ganz unterschiedlichen Bereichen und Kulturen“. Untrennbar ist das Leben von Werner und Gudrun Schretzmeier mit einer Idee, einem Projekt, einem Leuchtturm verbunden: 40 Jahre Theaterhaus Stuttgart werden an diesem Samstag, 29. März, im Theaterhaus am Pragsattel gefeiert. Wenige Tage zuvor sitzen Werner und Gudrun Schretzmeier auf „Werners rotem Sofa“, wie es im Theaterhaus achtungsvoll, liebevoll, mitunter auch sorgenvoll heißt.
„Ich wollte nie vorne stehen“, sagt Gudrun Schretzmeier – und fügt entschieden hinzu: „Das Theaterhaus war nie ein Familienbetrieb.“ „Gesprochen aber haben wir viel“, sagt Werner Schretzmeier. „Über alles“ – und „nächtens“. Tagsüber wäre auch kaum Zeit gewesen. Zuvor 16 Jahre für den 1968 gegründeten Club Manufaktur in Schorndorf verantwortlich, gründen Werner und Gudrun Schretzmeier 1984 mit Peter Grohmann den Verein Theaterhaus Stuttgart. „Wir haben bei einem Projekt immer die Chancen gesehen“, sagt Gudrun Schretzmeier – und so ist es auch hier. Über die GLS-Bank abgewickelte und abgesicherte Kleinkredite summieren sich zu 800 000 Mark. Das Startkapital, mit dem der damalige Oberbürgermeister Manfred Rommel die Zustimmung des Gemeinderates zur Sanierung vormaliger Lagerhallen von Hahn & Kolb in Stuttgart-Wangen erreicht.
„Peter Grohmann hat unheimlich viele Leute gekannt“, sagt Grudrun Schretzmeier, „das hat sehr geholfen.“ Am 29. März 1984 gehen im Theaterhaus Stuttgart erstmals die Bühnenscheinwerfer an. „Wir waren Abenteurer“, sagt Gudrun Schretzmeier. „Wir wussten ganz genau, was zu tun war. Aber dass wir es getan haben, ging nur mit einer besonderen Haltung.“ Zum ersten Triumph wird das Finale der Zehn-Jahres-Tour des United Jazz & Rock Ensemble im Juli 1984 – „im noch nicht umgebauten Theaterhaus“ (Werner Schretzmeier). 600 Stühle sind gestellt, es kommen mehr – „viel mehr“. „Und“, sagt Gudrun Schretzmeier lachend, „damit waren wir Stadtgespräch.“
Werner Schretzmeier verweist zudem auf die Bedeutung Ivan Nagels, seinerzeit Direktor des Staatsschauspiels Stuttgart. „Nagel“, sagt Werner Schretzmeier noch immer mit hörbarem Respekt, „hat in Stuttgart das ,Theater der Welt‘ realisiert“ – und dieses Festival „hat die Stadt komplett verändert“. Mittendrin in den „Theater der Welt“-Tagen von 16. bis zum 28. Juni 1987: das Theaterhaus. „Das lief 24 Stunden non stop“, sagt Werner Schretzmeier – „und Ivan Nagel wusste: Das geht nur im Theaterhaus.“
Plötzlich ist das Theaterhaus nicht mehr wegzudenken. Dabei war Stuttgart für Gudrun und Werner Schretzmeiers eigene Idee eines Kulturzirkus gar nicht erste Wahl gewesen. „Wir haben unsere Ideen und unser Konzept Berlins damaligem Kultursenator Volker Hassemer vorgetragen“, erinnert sich Gudrun Schretzmeier – und Werner Schretzmeier kürzt ab: „Aber der konnte sich das einfach nicht vorstellen.“
„Natürlich ist dann nicht alles gelungen“, sagt Werner Schretzmeier, „aber Misserfolge kannten wir auch aus der Manufaktur – etwa mit sechs Leuten bei Hannes Wader.“ Gudrun Schretzmeier hält dagegen: „Wieso war das ein Misserfolg?“, fragt sie – „Das war großartig.“ Deutlich wird: Es ist Gudrun Schretzmeier, die Räume eröffnet; es ist Werner Schretzmeier, der sie erkämpft. „Das aber geht nur im Team“, sagt er – und wohl auch nur, wenn die Kunst selbst Rettung verspricht, wenn es nötig ist. „Natürlich war die Kleine Tierschau unsere Bank“, sagt Werner Schretzmeier – „solche Erfolge braucht man einfach.“
Die 1990er Jahre im Theaterhaus, sagt Gudrun Schretzmeier, habe sie „eher aus der Ferne“ erlebt. Als Ausstatterin arbeitet sie für das Fernsehen. „Und irgendwoher musste ja auch das Geld kommen“, sagt sie – und deutet einen immerwährenden privaten Verzicht zugunsten des Theaterhauses an.
Dass die Tage in Wangen bald gezählt sein würden, sieht jedoch auch Gudrun Schretzmeier. „Das wäre einfach nicht mehr tragbar gewesen“, sagt sie. Die Rheinstahlhalle am Pragsattel kommt in den Blick, Rolf Lehmann als damaliger Wirtschaftsbürgermeister engagiert sich, Manfred Rommel und sein späterer Nachfolger Wolfgang Schuster als Kulturbürger erkennen die Chance.
Aber dann wird klar: Die Halle muss komplett neu aufgebaut werden. War das nicht ein Schock? „Wieso denn?“, fragt Gudrun Schretzmeier dagegen, „das war doch unsere Chance, etwas ganz Eigenes zu entwickeln.“ 2003 ist Eröffnung am Pragsattel – und bald ist es wie schon in Wangen die Zusammenarbeit mit Johan Kresnik und Ismael Ivo der Tanz, der neue Impulse bringt. Eric Gauthier, Erster Solist und Publikumsliebling des Stuttgarter Balletts, kommt – und erkämpft mit dem Theaterhaus einen eigenen Ort für zeitgenössischen Tanz.
Alles scheint gut. Bis im März 2019 ein Brandbrief aus dem Theaterhaus im Stuttgarter Rathaus landet. Bei einer Deckungslücke von 600 000 Euro drohe die Insolvenz. Werner Schretzmeier atmet kurz durch. Dann sagt er: „Ich steckte tief in einer eigenen Produktion, und mir sind die Fäden hier im Haus für wenige Wochen aus der Hand geglitten. Den Brief habe ich unterschrieben, ja, aber ich habe damit einen Riesenfehler gemacht.“ Die Experten von Ebner + Stolz identifizieren schließlich kein Fehlverhalten der Theaterhaus-Verantwortlichen, jedoch eine strukturelle jährliche Unterdeckung von bis zu einer Million Euro.
Das Vertrauen wieder aufzubauen, kostet Zeit. „Wir hatten andere Pläne“, sagt Gudrun Schretzmeier – aber ein Rückzug „wäre fatal gewesen“. Die Pandemie tut ein Übriges – und Gudrun und Werner Schretzmeier formulieren für sich neue Ziele. Ein Erweiterungsbau soll kommen. Auch, wenn dieser längst stehen sollte, bleibt Gudrun Schretzmeier optimistisch: „Wir arbeiten hier beständig auf hohem Niveau“, sagt sie, „das zählt.“ Werner Schretzmeiers Blick gilt noch Valerian Geiger. Seit 2023 ist er kaufmännischer Leiter „und hat die Kommunikation zwischen Theaterhaus und Stadtverwaltung auf eine neue Grundlage gestellt“.
Täglich steht das Theaterhaus unter Dampf. Das allein aber, sagt Gudrun Schretzmeier, werde nicht reichen, „damit wir in Stuttgart stark genug sind, den Attacken auf die Demokratie und die Vielfalt zu widerstehen“. Und Werner Schretzmeier („wir müssen ein Bollwerk sein“) fügt mit Verweis auf „die tolle Solidargemeinschaft Stuttgarter Bühnen“, einem spürbaren Augenzwinkern und der Erinnerung an den Kampf der Asterix-Gallier um ihre Freiheit hinzu: „Die Kleinbonums müssen eine Kette bilden.“