Zeitumstellung
Ein Relikt aus einer fernen Zeit
Die Ölkrise hat einst die Zeitumstellung hervorgebracht. Ihr ursprünglicher Sinn ist längst widerlegt, doch alle Anläufe, sie abzuschaffen sind bisher gescheitert.

© dpa/Marijan Murat
Am Wochenende beginnt wieder die Sommerzeit. Das wird sich auch in den kommenden Jahren kaum ändern.
Von Knut Krohn
Jeder weiß es: die Zeitumstellung hat ihren Zweck verfehlt. Es wird keine Energie gespart, wenn die Uhr im Frühjahr eine Stunde vorgestellt wird. Im Grunde hat sie vor allem Ärger verursacht. Menschen erzählen von psychischen Problemen, sie klagen über Niedergeschlagenheit, Schlafmangel und auch von Kühen wird erzählt, die keine Milch mehr geben. Allerdings teilen nicht alle Zeitgenossen diese Erfahrung, andere sitzen entspannt im Straßencafé und genießen um 22 Uhr die letzten wärmenden Sonnenstrahlen der untergehenden Sonne.
Brüssel schaltet sich ein in den Dauerstreit
Angesichts des Dauerstreits hat sich vor vielen Jahren schließlich Brüssel der Sache angenommen. Damals begann ein EU-typischer, langwieriger Prozess. Das Europaparlament und die Kommission stürzten sich mit größtem Eifer auf das Problem. Umfangreiche Studien wurden erstellt, öffentliche Konsultationen durchgeführt, wieder und wieder diskutierten die Abgeordneten die Frage der Zeitumstellung und am Ende passierte – nichts! Zwar existiert ein Gesetzesvorschlag aus dem Jahr 2018 zur Abschaffung der Zeitumstellung, dem auch das Europaparlament zugestimmt hat. Doch der Rat, die Vertretung der EU-Mitgliedstaaten, legte sich quer. Keine Regierung wollte das heiße Eisen anpacken, weil sie den Zorn der eigenen Bevölkerung fürchtete.
Dabei haben die Kritiker der Zeitumstellung die Bevölkerung auf ihrer Seite – so scheint es zumindest. Im Juli 2018 wurde eine Umfrage in die Wege geleitet und das Ergebnis schien eindeutig. 80 Prozent hatten sich dafür ausgesprochen, die Zeitumstellung zu Grabe zu tragen. Die Aussage der Umfrage ist allerdings zweifelhaft. Nicht einmal fünf Millionen Menschen gaben damals ihr Votum ab – das sind etwa ein Prozent der Einwohner der Europäischen Union. Zudem war die Personengruppe nicht repräsentativ, da sie nicht nach Schichten, Berufsgruppen, Geschlecht und Alter ausgesucht worden war. Es konnte also jeder seine Meinung sagen, der Lust hatte. Die Erfahrung zeigt aber, dass sich dann vor allem jene Menschen melden, die etwas ändern wollen.
Eine zweifelhafte Umfrage zur Zeitumstellung
Die Umfrage förderte allerdings zutage, dass die Aufregung über die Zeitumstellung ein sehr deutsches Problem ist. Mehr als drei Millionen der insgesamt 4,5 Millionen Rückmeldungen kamen aus Deutschland. Ein entspannteres Verhältnis zur Zeit scheinen die Italiener zu haben, wo gerade einmal 25 000 Menschen an der Umfrage teilnahmen.
Das Kernproblem der EU-Diskussion ist eine Uneinigkeit, welche Zeit sich überhaupt durchsetzen soll - die sogenannte Normalzeit, also die jetzt auslaufende Winterzeit, oder die Sommerzeit, bei der es abends länger hell ist. Das klingt sehr theoretisch, hat aber weitreichende Folgen für den Tagesablauf der Menschen. Käme die dauerhafte Sommerzeit, würde etwa in Portugal im Winter die Sonne erst gegen zehn Uhr aufgehen. Einigen sich aber alle auf Winterzeit, würde es in Warschau im Sommer schon um drei Uhr morgens hell.
Weiter Diskussionen in Sachen Zeitumstellung
Doch wie geht es nun weiter? Diese Frage ist einfach zu beantworten: die Zeitumstellung ist unentrinnbar in den unendlichen Weiten des EU-Apparates in einer Zeitschleife gefangen. Im halbjährlichen Rhythmus fordern die Parlamentarier eine Entscheidung, gleichzeitig glaubt die Kommission an eine „koordinierte Lösung“ und der Rat plant eine „informelle Befragung der Mitgliedstaaten“ zum Thema. Mit anderen Worten: es passiert weiter nichts.