Eine Ehrenrunde ist kein Weltuntergang

Wer einmal sitzengeblieben ist, kann es trotzdem im Leben zu etwas bringen

Eine Ehrenrunde ist kein Weltuntergang

© photophonie - stock.adobe.com

BACKNANG (not). Die Freude auf die Sommerferien ist dieser Tage bei etlichen Schülern nach der Zeugnisübergabe getrübt - sie werden nicht versetzt und müssen das vergangene Schuljahr nochmals wiederholen oder gar die Schule verlassen. Das ist keine schöne Erfahrung, aber bei weitem auch kein Weltuntergang. Auf dieser Seite berichten einige Leser, die in ihrer Schulzeit auch einmal sitzen geblieben sind, wie es dazu gekommen ist, wie sie sich gefühlt haben und dass letztendlich trotz dieser Ehrenrunde auch noch etwas aus ihnen geworden ist.

„Mach’ das, was Dir Spaß macht“:Ulrich Mayer hat ein Motto, nachdem er sich schon sein ganzes Leben richtet: „Mach’ das, was Dir Spaß macht, dann bist Du gut genug, dass Du Geld dafür kriegst.“ Der 63-Jährige blickt gern auf seine Schulzeit zurück. Dass er die letzte Klasse wiederholt hat, juckt ihn kein bisschen. Heute nicht und auch damals nicht. Im Gegenteil. Mayer sieht positive Aspekte. Die Zeit im Max-Born-Gymnasium in Backnang hat ihm schon Spaß gemacht. Aber es gab Dinge, die ihm als junger Erwachsener noch etwas mehr Spaß gemacht haben. Musik machen, Sport treiben und in der Belinda in Sulzbach rumhocken. Zusehends wurden die Noten schlechter. „Irgendwann hab’ ich kapiert: Lieber jetzt sitzen bleiben, jetzt den Reset-Knopf drücken und durchstarten, als sich die Abi-Note versauen.“ Mayer glaubt, dass er seinen Schnitt durch das zusätzliche Jahr um 1,5 bis 2 Noten verbessert hat. „Ich hab eine 2,3 oder 2,5, so genau weiß ich’s gar nicht. Vorher wär’s grad noch ein Vierer geworden. Man muss halt den Arsch hoch kriegen, und das hab’ ich gepackt.“Im Studium der Empirischen Kulturwissenschaft lernt Mayer in Tübingen Ulrich Tukur kennen. Gemeinsam machen sie Musik, verlieren sich dann aber nach dem Studium aus den Augen. Tukur wird Schauspieler, Mayer wird Redakteur bei der Murrhardter Zeitung. Zehn Jahre später ruft Tukur an und fragt Mayer, ober er Lust hätte, eine Band zu gründen und auf Tournee zu gehen. Mayer überlegt, hat sein Motto vor Augen und kündigt. Seit dem ist er mit „Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys“ unterwegs. Die Tour „Grüß’ mir den Mond“ ist gerade erfolgreich zu Ende gegangen. Im Januar beginnt die nächste Tour. „Wir hören dann auf, wenn der Erste auf der Bühne tot umfällt“ sagt Mayer lachend. (flo) Foto: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

„Mach’ das, was Dir Spaß macht“: Ulrich Mayer hat ein Motto, nachdem er sich schon sein ganzes Leben richtet: „Mach’ das, was Dir Spaß macht, dann bist Du gut genug, dass Du Geld dafür kriegst.“ Der 63-Jährige blickt gern auf seine Schulzeit zurück. Dass er die letzte Klasse wiederholt hat, juckt ihn kein bisschen. Heute nicht und auch damals nicht. Im Gegenteil. Mayer sieht positive Aspekte. Die Zeit im Max-Born-Gymnasium in Backnang hat ihm schon Spaß gemacht. Aber es gab Dinge, die ihm als junger Erwachsener noch etwas mehr Spaß gemacht haben. Musik machen, Sport treiben und in der Belinda in Sulzbach rumhocken. Zusehends wurden die Noten schlechter. „Irgendwann hab’ ich kapiert: Lieber jetzt sitzen bleiben, jetzt den Reset-Knopf drücken und durchstarten, als sich die Abi-Note versauen.“ Mayer glaubt, dass er seinen Schnitt durch das zusätzliche Jahr um 1,5 bis 2 Noten verbessert hat. „Ich hab eine 2,3 oder 2,5, so genau weiß ich’s gar nicht. Vorher wär’s grad noch ein Vierer geworden. Man muss halt den Arsch hoch kriegen, und das hab’ ich gepackt.“ Im Studium der Empirischen Kulturwissenschaft lernt Mayer in Tübingen Ulrich Tukur kennen. Gemeinsam machen sie Musik, verlieren sich dann aber nach dem Studium aus den Augen. Tukur wird Schauspieler, Mayer wird Redakteur bei der Murrhardter Zeitung. Zehn Jahre später ruft Tukur an und fragt Mayer, ober er Lust hätte, eine Band zu gründen und auf Tournee zu gehen. Mayer überlegt, hat sein Motto vor Augen und kündigt. Seit dem ist er mit „Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys“ unterwegs. Die Tour „Grüß’ mir den Mond“ ist gerade erfolgreich zu Ende gegangen. Im Januar beginnt die nächste Tour. „Wir hören dann auf, wenn der Erste auf der Bühne tot umfällt“ sagt Mayer lachend. (flo) Foto: T. Sellmaier

„Sitzenbleiben ist keine Strafe“:In der Grundschule war Carina Wist eine gute Schülerin, auch auf dem Gymnasium im Weissacher Bize lief es anfangs noch ganz gut. „Aber dann wurde der Stoff immer mehr, und ich hatte keine Lust zu lernen“, erinnert sich die Auenwalderin. In der neunten Klasse wurde die Lage prekär. Welche Fächer waren das Problem? „Alle“, sagt die 34-Jährige und lacht. Schon das Halbjahreszeugnis fiel so verheerend aus, dass die Eltern das Ende des Schuljahrs gar nicht mehr abwarteten. Von der 9. Klasse im Gymnasium ging‘s zurück in die achte an der Realschule. „Das war damals schlimm für mich“, erinnert sich Wist. Rückblickend war’s aber die beste Entscheidung: Die Noten wurden wieder besser, und zweieinhalb Jahre später machte Carina Wist einen guten Realschulabschluss. Auch die anspruchsvolle Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin und das anschließende duale Studium schaffte sie ohne Probleme. Seit 2017 ist Carina Wist nun stellvertretende Stationsleiterin im Zentrum für Psychiatrie in Winnenden. Dass sie kein Abi hat, stört sie heute überhaupt nicht mehr: „Ich habe meinen Traumberuf gefunden“, sagt sie und rät allen, die in der Schule Ähnliches erleben, nicht mit ihrem Schicksal zu hadern: „Sitzenbleiben ist keine Strafe, sondern eine neue Herausforderung, die Sache neu anzupacken“, sagt sie. Und manchmal könnten sich dadurch auch ganz neue Türen öffnen. (kf) Foto: privat

„Sitzenbleiben ist keine Strafe“: In der Grundschule war Carina Wist eine gute Schülerin, auch auf dem Gymnasium im Weissacher Bize lief es anfangs noch ganz gut. „Aber dann wurde der Stoff immer mehr, und ich hatte keine Lust zu lernen“, erinnert sich die Auenwalderin. In der neunten Klasse wurde die Lage prekär. Welche Fächer waren das Problem? „Alle“, sagt die 34-Jährige und lacht. Schon das Halbjahreszeugnis fiel so verheerend aus, dass die Eltern das Ende des Schuljahrs gar nicht mehr abwarteten. Von der 9. Klasse im Gymnasium ging‘s zurück in die achte an der Realschule. „Das war damals schlimm für mich“, erinnert sich Wist. Rückblickend war’s aber die beste Entscheidung: Die Noten wurden wieder besser, und zweieinhalb Jahre später machte Carina Wist einen guten Realschulabschluss. Auch die anspruchsvolle Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin und das anschließende duale Studium schaffte sie ohne Probleme. Seit 2017 ist Carina Wist nun stellvertretende Stationsleiterin im Zentrum für Psychiatrie in Winnenden. Dass sie kein Abi hat, stört sie heute überhaupt nicht mehr: „Ich habe meinen Traumberuf gefunden“, sagt sie und rät allen, die in der Schule Ähnliches erleben, nicht mit ihrem Schicksal zu hadern: „Sitzenbleiben ist keine Strafe, sondern eine neue Herausforderung, die Sache neu anzupacken“, sagt sie. Und manchmal könnten sich dadurch auch ganz neue Türen öffnen. (kf) Foto: privat

„Solche Niederlagen lassen einen reifen“:In der siebten Klasse am Max-Born-Gymnasium hat es die Sulzbacherin Edelgard Löffler erwischt, sie drehte eine Ehrenrunde. Ohne Ausreden zu suchen räumt sie heute ein: „Ich war pubertär verstrahlt.“ Den Ausschlag gaben zwei Fünfer in Mathematik und Französisch.Das Desaster kündigte sich über längere Zeit an. „Ich habe irgendwann keine Hausaufgaben mehr gemacht. Und als es sich dann abgezeichnet hat, dass die Leistungen immer schlechter wurden, habe ich resigniert.“ Letztendlich hat sich für Löffler alles zum Guten gewendet. Die Schülerin verlies das riesige Backnanger MBG und wechselte in das damals noch kleine Heinrich-von-Zügel-Gymnasium nach Murrhardt. „Da war alles beschaulich, beschützt, behütet.“ Auch deshalb, weil Löfflers Klasse ein Jahr lang in einen Raum in der Neuapostolischen Kirche ausgelagert wurde. Der zweite Durchgang der siebten Klasse war dann ganz normal und es gab bis zum Abitur keine weiteren Vorfälle.Löfflers Eltern waren wegen der Ehrenrunde zwar etwas enttäuscht, „aber es war kein Drama oder gar eine Katastrophe“, erinnert sich die 64-Jährige. Vater und Mutter haben lediglich gesagt, „Du musst Dich zusammenreißen und weitermachen.“ oder „Du hättest Dich halt etwas anstrengen müssen.“ Im Rückblick sagt die Gemeinderätin und Bürgermeisterstellvertreterin und frühere Kreisrätin: „Es war keine schöne Erfahrung. Aber, wenn man eine Niederlage erlebt hat, gewinnt man an Lebenserfahrung, es lässt einen reifen. Man weiß dann, wie es sich anfühlt, wenn ein Wunsch nicht in Erfüllung geht.“Nach dem Abitur hat Löffler Technik und katholische Religion an der Hochschule Esslingen studiert und unterrichtet seither an Grund- und Hauptschulen. Später sattelte sie noch ein Aufbaustudium „Ausländerpädagogik“ an der Hochschule Karlsruhe drauf. Nach Stationen in Rottweil und Stuttgart kehrte Löffler vor 22 Jahren nach Sulzbach zurück, wo sie seither unterrichtet. (not) Foto: U. Gruber

© 0

„Solche Niederlagen lassen einen reifen“: In der siebten Klasse am Max-Born-Gymnasium hat es die Sulzbacherin Edelgard Löffler erwischt, sie drehte eine Ehrenrunde. Ohne Ausreden zu suchen räumt sie heute ein: „Ich war pubertär verstrahlt.“ Den Ausschlag gaben zwei Fünfer in Mathematik und Französisch. Das Desaster kündigte sich über längere Zeit an. „Ich habe irgendwann keine Hausaufgaben mehr gemacht. Und als es sich dann abgezeichnet hat, dass die Leistungen immer schlechter wurden, habe ich resigniert.“ Letztendlich hat sich für Löffler alles zum Guten gewendet. Die Schülerin verlies das riesige Backnanger MBG und wechselte in das damals noch kleine Heinrich-von-Zügel-Gymnasium nach Murrhardt. „Da war alles beschaulich, beschützt, behütet.“ Auch deshalb, weil Löfflers Klasse ein Jahr lang in einen Raum in der Neuapostolischen Kirche ausgelagert wurde. Der zweite Durchgang der siebten Klasse war dann ganz normal und es gab bis zum Abitur keine weiteren Vorfälle. Löfflers Eltern waren wegen der Ehrenrunde zwar etwas enttäuscht, „aber es war kein Drama oder gar eine Katastrophe“, erinnert sich die 64-Jährige. Vater und Mutter haben lediglich gesagt, „Du musst Dich zusammenreißen und weitermachen.“ oder „Du hättest Dich halt etwas anstrengen müssen.“ Im Rückblick sagt die Gemeinderätin und Bürgermeisterstellvertreterin und frühere Kreisrätin: „Es war keine schöne Erfahrung. Aber, wenn man eine Niederlage erlebt hat, gewinnt man an Lebenserfahrung, es lässt einen reifen. Man weiß dann, wie es sich anfühlt, wenn ein Wunsch nicht in Erfüllung geht.“ Nach dem Abitur hat Löffler Technik und katholische Religion an der Hochschule Esslingen studiert und unterrichtet seither an Grund- und Hauptschulen. Später sattelte sie noch ein Aufbaustudium „Ausländerpädagogik“ an der Hochschule Karlsruhe drauf. Nach Stationen in Rottweil und Stuttgart kehrte Löffler vor 22 Jahren nach Sulzbach zurück, wo sie seither unterrichtet. (not) Foto: U. Gruber

Auf Umwegen zum Abitur:„Dumm ist er nicht, aber faul.“ An diesen Satz seiner Lehrer am Max-Born-Gymnasium kann sich Rainer Lachenmaier noch gut erinnern. Der 63-Jährige muss den Pädagogen recht geben: Statt zu lernen, habe er seine Zeit lieber mit Freunden verbracht und Fußball gespielt. „Ich hab mir einen schönen Tag gemacht“, erinnert er sich. Die Eltern, die eine Wäscherei betrieben, hatten auch keine Zeit, um den Sohn ständig an seine schulischen Pflichten zu erinnern. In der siebten Klasse hatte das zum ersten Mal Konsequenzen: Lachenmaier blieb sitzen, vor allem wegen der Fremdsprachen Englisch und Französisch. Zwei Jahre später musste er die zweite Ehrenrunde drehen, und als die Noten auch in der zehnten Klasse nicht besser wurden, war auf dem Gymnasium erst mal Schluss für ihn: „Ich habe dann noch die Mittlere Reife geschafft und eine Ausbildung als Drucker begonnen.“Als es für ihn nach der Lehrzeit in seinem Ausbildungsbetrieb nicht weiterging, startete Lachenmaier einen erneuten Anlauf aufs Abi – diesmal auf dem Abendgymnasium und mit Erfolg. Und obwohl sich sein Lerneifer weiterhin in Grenzen hielt, schloss er anschließend auch noch ein Studium der Kommunikationswissenschaften ab. Als Redakteur bei verschiedenen Fachzeitschriften und als Backnanger Stadtrat hat es der ehemalige Schulversager schließlich doch noch zu etwas gebracht – und nebenbei eine Lehrerin geheiratet. Seine Schulzeit hat Lachenmaie trotz seiner Ehrenrunden keineswegs in schlechter Erinnerung: „Das war eine klasse Zeit, ich möchte sie nicht missen“, sagt er und rät allen Sitzenbleibern zur Gelassenheit: „Das Leben geht weiter, und so eine Auszeit kann sogar sinnvoll sein, um herauszufinden, wo der Weg hingehen soll.“ (kf) Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Auf Umwegen zum Abitur: „Dumm ist er nicht, aber faul.“ An diesen Satz seiner Lehrer am Max-Born-Gymnasium kann sich Rainer Lachenmaier noch gut erinnern. Der 63-Jährige muss den Pädagogen recht geben: Statt zu lernen, habe er seine Zeit lieber mit Freunden verbracht und Fußball gespielt. „Ich hab mir einen schönen Tag gemacht“, erinnert er sich. Die Eltern, die eine Wäscherei betrieben, hatten auch keine Zeit, um den Sohn ständig an seine schulischen Pflichten zu erinnern. In der siebten Klasse hatte das zum ersten Mal Konsequenzen: Lachenmaier blieb sitzen, vor allem wegen der Fremdsprachen Englisch und Französisch. Zwei Jahre später musste er die zweite Ehrenrunde drehen, und als die Noten auch in der zehnten Klasse nicht besser wurden, war auf dem Gymnasium erst mal Schluss für ihn: „Ich habe dann noch die Mittlere Reife geschafft und eine Ausbildung als Drucker begonnen.“ Als es für ihn nach der Lehrzeit in seinem Ausbildungsbetrieb nicht weiterging, startete Lachenmaier einen erneuten Anlauf aufs Abi – diesmal auf dem Abendgymnasium und mit Erfolg. Und obwohl sich sein Lerneifer weiterhin in Grenzen hielt, schloss er anschließend auch noch ein Studium der Kommunikationswissenschaften ab. Als Redakteur bei verschiedenen Fachzeitschriften und als Backnanger Stadtrat hat es der ehemalige Schulversager schließlich doch noch zu etwas gebracht – und nebenbei eine Lehrerin geheiratet. Seine Schulzeit hat Lachenmaie trotz seiner Ehrenrunden keineswegs in schlechter Erinnerung: „Das war eine klasse Zeit, ich möchte sie nicht missen“, sagt er und rät allen Sitzenbleibern zur Gelassenheit: „Das Leben geht weiter, und so eine Auszeit kann sogar sinnvoll sein, um herauszufinden, wo der Weg hingehen soll.“ (kf) Foto: A. Becher

Zum Artikel

Erstellt:
26. Juli 2019, 15:18 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen