Verhafteter Erdogan-Gegner
Ekrem Imamoglu – der „Sohn des Imams“
Eine Verhaftung, ein annullierter Universitätsabschluss, ein drohendes Politikverbot und dennoch die Hoffnung vieler Türken auf einen Machtwechsel - Istanbuls Bürgermeister Ekrem Imamoglu.

© dpa/Emrah Gurel
Menschen protestieren gegen die Verhaftung von Ekrem Imamoglu.
Von Michael Maier
Von einem nahezu unbekannten Bezirksbürgermeister zum Hoffnungsträger der türkischen Opposition: Ekrem Imamoglu hat einen bemerkenswerten politischen Aufstieg hingelegt – bis zur Verhaftung durch seinen Widersacher Erdogan (71), der aktuell die ganze Türkei durchrüttelt und die Lira abstürzen lässt.
Der 1970 geborene Politiker studierte Betriebswirtschaftslehre in Zypern und Istanbul, wobei sein akademischer Werdegang aktuell für Kontroversen sorgt. Die Universität Istanbul hat seinen Universitätsabschluss kürzlich annulliert - ausgerechnet kurz vor seiner geplanten Nominierung zur Präsidentschaftswahl. Der Vorwurf eines unrechtmäßigen Uni-Wechsels steht im Raum, was besonders brisant ist, da ein Hochschulabschluss rechtlich als Voraussetzung für eine Präsidentschaftskandidatur in der Türkei gilt.
Bauunternehmer und Bürgermeister Imamoglu
Vor seiner politischen Karriere leitete Imamoglu das Bauunternehmen seiner Familie und betrieb ein auf Köfte spezialisiertes Restaurant in Istanbul. Auch als Vorstandsmitglied des Fußballvereins Trabzonspor war er aktiv.
2019 gelang ihm als Kandidat der sozialdemokratisch-säkularen Oppositionspartei CHP der große Durchbruch: Er gewann die Wahl zum Oberbürgermeister von Istanbul gegen den Kandidaten von Präsident Erdogans AKP. Nach einer umstrittenen Annullierung der ersten Abstimmung siegte er bei der Wiederholungswahl sogar mit über 800.000 Stimmen Vorsprung. Damit beendete er eine 25-jährige Ära der AKP-Herrschaft über die Metropole.
Ekrem Imamoglu mit versöhnlichem Stil
Der „Sohn des Imams“, wie sein Familienname übersetzt bedeutet, gilt als Brückenbauer. Trotz seiner Mitgliedschaft in der säkularen CHP spricht er auch konservativ-islamische Wähler an. Sein Politikstil unterscheidet sich deutlich von der polarisierenden Art Erdogans.
Mit seinem Slogan „Alles wird gut“ und seiner inklusiven Rhetorik setzt er auf Versöhnung in der gespaltenen türkischen Gesellschaft. Der Versuch, ein subventioniertes kommunales Essen für umgerechnet etwa einen Euro anzubieten, wird ihm von der Erdogan-Regierung nun als „Korruption“ ausgelegt – neben anderen zum Teil absurden Vorwürfen.
Gebremst wurde Imamoglus politischer Aufstieg bereits Ende 2022 durch ein Gerichtsurteil: Wegen mutmaßlicher Beleidigung von Mitgliedern der Wahlkommission wurde er zu Haft und einem vorübergehenden Politikverbot verurteilt. Das Urteil wurde von vielen als politisch motiviert angesehen. Paradoxerweise steigerte es seine Popularität sogar noch weiter - ähnlich wie bei Erdogan, der von seinen säkularen Gegnern in den 1990er Jahren ebenfalls mit einem Politikverbot belegt worden war.
Uni-Abschlüsse von Imamoglu und Erdogan
Die jüngste Kontroverse um Imamoglus Universitätsabschluss reiht sich in eine Serie von Hindernissen ein, die seiner politischen Karriere in den Weg gestellt werden. Interessanterweise gibt es aber auch um den Universitätsabschluss von Präsident Erdogan anhaltende Diskussionen, da dessen Diplom von 1981 laut Medienberichten von einer Universität stammen soll, die erst 1982 gegründet wurde. Auch über andere Ungereimtheiten wurde in diesem Zusammenhang berichtet.
Ob der 52-jährige Familienvater Imamoglu bei den kommenden Präsidentschaftswahlen antreten kann, hängt nun nicht nur von Richtern ab, sondern auch von der Staatswillkür um die Annullierung seines akademischen Grads. Unabhängig davon hat sich Imamoglu als wichtige Figur in der türkischen Politik etabliert. Mit seiner modernen, verbindenden Art und seinen Erfolgen gegen die AKP steht er bei vielen Türken für die Hoffnung auf demokratischen Wandel – und als Gegenpol zu Erdogan.