CDU und SPD
Friedrich Merz und Lars Klingbeil: Kann das gut gehen?
Finden Friedrich Merz und Lars Klingbeil zueinander? Für das Land hängt einiges davon ab, ob die Chefs von CDU und SPD gut miteinander auskommen. Die Geschichte zwei sehr unterschiedlicher Politiker, die sich ergänzen könnten.

© dpa/Michael Kappeler
Sie müssen miteinander klarkommen: Lars Klingbeil und Friedrich Merz im Bundestag.
Von Tobias Peter
Lars Klingbeil spricht ruhig und nüchtern. Er steht vorn am Rednerpult im Bundestag und nickt mehrfach zu den eigenen Sätzen, halb bedächtig, halb zur Selbstvergewisserung. Dann wird seine Stimme doch noch schneller und lauter. Energischer.
„Herr Merz, um es klar zu benennen“, sagt der SPD-Chef. „Es ist Ihre bewusste Entscheidung, heute an diesem Tag die demokratische Mitte hier in diesem Parlament zu spalten und in Kauf zu nehmen, dass Sie erstmals mit der AfD gemeinsame Sache machen.“ Klingbeil spricht von einer „tektonischen Veränderung“. Dann hämmert er, mit leicht gehobenem Zeigefinger, den Satz ins Mikrofon: „Und Sie, Herr Merz, tragen die Verantwortung dafür.“
Der CDU-Chef sitzt währenddessen mit übereinandergeschlagenen Beinen auf seinem Stuhl im Bundestag. Er schaut nicht nach vorn, eher zur Seite. Merz sieht aus, als würde er gerade mit den Zähnen knirschen. Es ist der Tag, an dem Merz über einen Antrag zur Migrationspolitik abstimmen lässt – wissend, dass dieser nur mit Stimmen der AfD eine Mehrheit finden kann. So kommt es dann auch. Viele in der SPD sehen darin eine Zäsur.
Das ist erst gut zwei Monate her. Der Ton zwischen Union und SPD war so hart und unversöhnlich, dass viele sich fragten, wie nach der Bundestagswahl eine Zusammenarbeit noch möglich sein sollte. Jetzt, Anfang April, klingt das alles ganz anders. Union und SPD verhandeln über eine schwarz-rote Koalition. Merz und Klingbeil sagen Lars und Friedrich zueinander. Das Du angeboten hat der mehr als 20 Jahre ältere Merz. Klingbeil sagt: „Wir wollen gar nicht beste Freunde werden, aber ein Vertrauensverhältnis ist gerade dabei zu wachsen.“
Von Angela Merkel lernen
Merz (69) und Klingbeil (47) müssen ein Duo bilden. So wie es Angela Merkel in ihrer Kanzlerschaft erst mit Franz Müntefering, dann mit Sigmar Gabriel und schließlich mit Olaf Scholz tat. Funktioniert hat es immer, vielleicht wegen Merkels guter Menschenkenntnis. Merz und Klingbeil hatten bis vor kurzem keinen Draht zueinander. Sie sind zwei sehr unterschiedliche Charaktere aus verschiedenen Generationen. Geht das gut zusammen?
Wie entscheidend eine solche Frage für den Erfolg einer Regierung sein kann, zeigt das Beispiel von Olaf Scholz und Christian Lindner. Noch bei der Vorstellung des Koalitionsvertrags lobte Lindner Scholz‘ Erfahrung und attestierte ihm „ein inneres Geländer“, um aus einer klaren Werthaltung heraus das Land nach vorn zu führen. Zunächst funktionierte die Achse Scholz-Lindner gut. Dann zerbrach erst das Vertrauen zwischen Kanzler und Finanzminister, und später die Regierung.
Merz und Klingbeil, das muss jetzt funktionieren – schon deshalb, weil es in der demokratischen Mitte keine Alternative für eine Regierungsbildung gibt. Die beiden könnten sich, vielleicht auch wegen vieler persönlicher Unterschiede, gut ergänzen. Doch die inhaltlichen Gräben zwischen den Parteien sind größer als zur Merkel-Zeit, in der Migrations- wie in der Wirtschaftspolitik.
Das Feindbild Friedrich Merz
Es gibt wenige CDU-Politiker, die als Feindbild für SPD-Mitglieder so geeignet sind wie Friedrich Merz. Der Sauerländer ist so konservativ und wirtschaftsliberal, wie es die Genossen seit der Zeit von Angela Merkel bei Unionsleuten nicht mehr gewohnt sind. Merz denkt hierarchisch. Allerdings haben andere CDU-Vorstandsmitglieder oft gelobt, wie offen er dort diskutieren lasse. Merz ist kommunikativ und streitet sich lieber, als Konflikte hinter lebloser Formelsprache zu verstecken. Nach mehr als drei Jahren Olaf Scholz hat darauf vielleicht sogar der eine oder andere SPD-Minister Lust.
Klingbeil war bislang vielen in der CDU verhasst. Den harten Wahlkampf gegen Armin Laschet im Jahr 2021 nehmen viele dem damaligen SPD-Generalsekretär bis heute übel. Klingbeil war einer der Architekten des damaligen Wahlsiegs von Olaf Scholz. Meist ist die Rede von der „Klingbeilisierung“ der SPD, wenn jemand aus der Union den Sozialdemokraten unfaires Spiel vorwirft.
Inhaltlich ist Klingbeil für die Union ein guter Ansprechpartner. Er ist ein durch und durch pragmatischer Sozialdemokrat aus dem Seeheimer Kreis der SPD-Fraktion. Der 47-Jährige hat seinen konservativen Wahlkreis Rotenburg I – Heidekreis in Niedersachsen mit 42,1 Prozent gewonnen. Das ist das beste Erststimmenergebnis der SPD bundesweit. So etwas beeindruckt Merz. Als er sich Mario Czaja als CDU-Generalsekretär aussuchte, sagte Merz, aufgefallen sei der Politiker ihm, weil er einen für die Union schwierigen Wahlkreis im Berliner Osten gewonnen hatte. Später überwarfen sich Merz und Czaja – aber das ist eine andere Geschichte.
Eines von Klingbeils unbestreitbaren Talenten ist, dass er mit sehr unterschiedlichen Menschen gut auskommt. Als Generalsekretär hat er für die SPD-Chefs Martin Schulz, Andrea Nahles, Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken gearbeitet. Seit Ende 2021 führen Klingbeil und Esken die SPD gemeinsam als Parteichefs.
Wie Klingbeil Gegner umarmt
Der Partei- und Fraktionschef der SPD ist machtbewusst. Aber er neigt dazu, Gegner zu umarmen. Klingbeil bindet ein, statt abzukanzeln. Einige in der SPD werfen ihm vor, allzu biegsam und geschmeidig zu sein. Manche hielten die Freundschaft zu Kevin Kühnert, einst Juso-Chef und SPD-Generalsekretär, für taktisch motiviert. Obwohl sie echt ist.
Gemeinsam ist Merz und Klingbeil übrigens, dass sie in ihrer Jugend zeitweise rebellisch waren – jeder auf seine Art. In der Biografie von Jutta Falke-Ischinger und Daniel Goffart über Merz ist von dessen „frechem Mundwerk“ als Schüler die Rede, von groben Streichen und schlechten Noten. Letztere gaben den Ausschlag, dass Merz schließlich die Schule wechseln musste.
Klingbeil ist in Munster in der Lüneburger Heide aufgewachsen, einem Bundeswehrstandort. In der ARD-Sendung „Inas Nacht“ hat er erzählt, wie er mit 13, 14 Jahren das erste Mal verliebt war. Der Vater seiner ersten Freundin war Offizier und habe gesagt: „Das geht hier nicht.“ Weil Klingbeils Vater kein Offizier, sondern nur Uffz war: Unteroffizier. Der heutige SPD-Chef war einer von nur zwei Leuten seines Abiturjahrgangs, die verweigert haben. Das musste man sich damals offenbar erst mal trauen, in Munster. Klingbeil hat in einer Punkband gespielt. Bei „Inas Nacht“ zeigte er, dass er die E-Gitarre noch bestens beherrscht und spielte gleich zu Beginn der Sendung das Riff von Nirvanas Hit „Smells Like Teen Spirit“.
Lars Klingbeil und der Punk
Von Merz gibt es ein altes Foto, das sich vor einigen Jahren großer Beliebtheit erfreute. Es zeigt den Familienvater an der Klarinette, während eine der Töchter am Klavier sitzt. Das Foto zog, von wegen Spießigkeit, viel Spott auf sich – was kein schlechtes Bild auf Merz wirft, sondern auf seine Kritiker. Gemeinsam Musik machen zu können, auch als Familie, ist eine gute Sache. Klingbeil und Merz werden wohl kaum mit Gitarre und Klarinette nebeneinander auf einer Bühne stehen. Wichtig wird sein, dass beide darauf achten, dass auch der jeweils andere gut hörbar ist. Sie müssen zusammenspielen, statt sich gegenseitig zu übertönen.