Gelebte Gemeinschaft im betreuten Wohnen

Anneliese Frase-Thiemke hat sich bewusst dafür entschieden, in eine Wohnung des betreuten Wohnens zu ziehen. Sie genießt die gelebte Gemeinschaft. Diese Wohnform vereint den Wunsch nach Eigenständigkeit mit der Möglichkeit eines geregelten Miteinanders.

Für Anneliese Frase-Thiemkes (Dritte v. links) 85. Geburtstag haben sich Mitbewohnerinnen und Mitbewohner, Pflegekräfte und Beschäftigte etwas Besonderes überlegt. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Für Anneliese Frase-Thiemkes (Dritte v. links) 85. Geburtstag haben sich Mitbewohnerinnen und Mitbewohner, Pflegekräfte und Beschäftigte etwas Besonderes überlegt. Foto: Alexander Becher

Von Simone Schneider-Seebeck

Burgstetten. Hell und gemütlich ist die Wohnung von Anneliese Frase-Thiemke. Große Fenster im Wohnzimmer bieten eine wunderschöne Aussicht auf sanft bewaldete Hügel und die Erbstetter Kirche. Direkt davor liegt eine Terrasse – eine Gemeinschaftsterrasse, die sich den ersten Stock des Gebäudes entlangzieht. Ohne Abtrennungen können die Bewohnerinnen und Bewohner der vier Apartments jederzeit die frische Luft genießen. Der Blick geht hinunter in den Innenhof, eine verspielte Hecke mit liebevoll gestalteten Blumenbeeten lockert den Hof auf.

Seit einem Jahr lebt Anneliese Frase-Thiemke hier, in einer betreuten Wohnung des Hauses Elim in Erbstetten. Sie hatte sich damals ganz bewusst für diese Wohnform entschieden. Besonders freut es sie, dass nun eine Familie mit drei Kindern, „eine jüngere Generation“, ihr altes Haus und den Garten mit Leben erfüllt. Enkelin Arite Tretter ist froh über die Entscheidung ihrer Großmutter. Das Haus und der große Garten, das sei auf Dauer zu viel für die Seniorin gewesen, so die junge Frau.

Wohnungssuche dauert lange

Etwa ein dreiviertel Jahr hatte es gedauert, bis sie nach der Entscheidung, umzuziehen, diese Wohnung in Burgstetten gefunden hat. Die Entscheidung hat sie nicht bereut. „Nun bin ich langsam hier angekommen“, sagt die Seniorin. Das sieht auch Arite Tretter so. Anfangs sei es nicht so leicht gewesen, erinnert sie sich. Aufgrund der Coronabeschränkungen habe man nicht so leicht neue Kontakte im Haus knüpfen können. Doch mittlerweile hat sich das geändert. Ihre Großmutter engagiere sich beispielsweise bei den Spielenachmittagen im Wohnstift. „Sie lebt richtig auf“, hat ihre Enkelin festgestellt.

Kein Wunder. Bereits in ihrer alten Gemeinde Oppenweiler war Anneliese Frase-Thiemke sehr aktiv, etwa in der Kirchengemeinde, im Liederkranz, beim Yoga, bei Seniorennachmittagen. Hier im Haus Elim kannte sie zunächst niemanden, doch ihr fällt es leicht, neue Menschen kennenzulernen. Sich so gut einzugewöhnen gelang ihr auch dadurch, dass sie einen Teil ihrer eigenen Möbel mitnehmen konnte. „Man macht die Tür auf und es sieht ähnlich aus wie im alten Zuhause“, sagt sie.

Von Anfang an war für sie klar, dass sie ein Teil der Gemeinschaft sein wollte. Gern besucht sie die verschiedenen Veranstaltungen, die hier im Haus angeboten werden, darunter auch die christlichen Andachten. Die erste Weihnachtsfeier in ihrem neuen Heim hat sie mitgestaltet. Besonders am Herzen liegt ihr auch das gemeinschaftliche Singen: „Wir singen viel, auch älteres Liedgut.“

Zur Wohngemeinschaft gehört ein vertrauensvolles Miteinander

Für Anneliese Frase-Thiemke ist es eine Bereicherung, mit verschiedenen Menschen unter einem Dach zu leben. „Man sieht sich, man lächelt, man winkt sich zu.“ Diese gelebte Gemeinschaft ist ihr sehr wichtig, das merkt man ihr an. „Wir leben alle unter einem Dach, wir müssen auch versuchen, einander zu verstehen“, erklärt sie.

Wichtig ist ihr, sich selbst mit einzubringen, sei es bei den Spielenachmittagen, oder bei gemeinsamen Spaziergängen. Gern geht sie auf andere zu, und die nehmen es gern an. „Das möchte ich gar nicht missen“, sagt sie. Dankbar ist sie dafür, dass man sie in der Gemeinschaft so angenommen habe, wie sie sei. Dazu gehören auch das vertrauensvolle Miteinander und die Hilfe durch die Heimleitung.

Für ihre Mitbewohnerinnen und Mitbewohner, die Pflegekräfte und die Beschäftigten in ihrem neuen Zuhause hat sie sich zum Dank etwas Besonderes überlegt und alle zu ihrem 85. Geburtstag eingeladen. Als Highlight gestaltet ihr Chor, der Liederkranz Oppenweiler, das Fest. Während sich in einem großen, lichtdurchfluteten Gruppenraum die Bewohner des Seniorenheims versammeln, nimmt der Chor bereits Aufstellung. Freudig nimmt Anneliese Frase-Thiemke die herzlichen Glückwünsche der Mitbewohner entgegen. Welch eine Herzlichkeit, die hier zu spüren ist.

Wieder Normalität in den Häusern

„Wir freuen uns, dass wir den Bewohnern so etwas Schönes bieten können“, begrüßt Heimleiter Josef Schwarz Sängerinnen und Sänger. Sobald die Sektgläser gefüllt sind, legen sie los, auch Anneliese Frase-Thiemke singt mit. Zusammen mit dem Coronastab des Hauses habe man verschiedene Möglichkeiten überlegt, wie sich die Feier realisieren lasse, so der Heimleiter: „Wir wollen den Bewohnerinnen und Bewohnern die Normalität wieder etwas zurückgeben und nicht nur Abstriche machen. In den letzten drei Jahren mussten sie genug zurückstecken.“

Dass sich die Jubilarin über diese schöne Gemeinschaft freut, ist unübersehbar, das sieht auch ihre Enkelin so, welche die Großmutter mindestens einmal die Woche besucht. Und was ihr gut gefällt an der neuen Heimstätte ihrer Großmutter: „Es ist nur sieben Minuten von mir entfernt.“

Betreutes Wohnen ist nicht für jeden geeignet

Nicht für jeden ist das betreute Wohnen jedoch die optimale Lösung und wird auch nicht überall optimal umgesetzt. So ist andernorts zu hören, dass beispielsweise Servicekosten zwar abgerechnet würden, der Service sei jedoch gar nicht geboten oder genutzt worden. Zum Teil sei dies auch aus Mangel an Pflege- und Arbeitskräften nicht möglich. Die 89-jährige Sigrid S. dagegen kann sich gar nicht vorstellen, ihr Zuhause für eine kleinere, wenn auch betreute Wohnung aufzugeben: „Als Künstlerin brauche ich mein Material um mich herum.“ Daher habe sie einen Weg gewählt, der ihr die meiste Unabhängigkeit gewährt: Zu Hause wird sie von einer Haushaltshilfe unterstützt, für Notfälle gibt es den Hausnotruf.

Betreutes Wohnen bietet in der Regel keine Rundumversorgung

Konzepte Die Bezeichnung „betreutes Wohnen“ ist nicht geschützt, daher gibt es dafür kein allgemeingültiges Konzept. Es kann sich dabei um eine Wohnung handeln, die an ein Pflegeheim angegliedert ist, eine seniorengerechte Wohnung, die lediglich über einen Hausmeisterdienst verfügt oder auch um hotelähnliche Wohnmöglichkeiten. Entsprechend unterschiedlich sind die Preise.

Servicewohnen Was landläufig unter „betreutem Wohnen“ verstanden wird, entspricht dem „Service-wohnen“, das die Verbraucherzentrale so zusammenfasst: „Beim Servicewohnen wird meist ein Appartement zur Miete oder auch zum Kauf angeboten. Zusätzlich können verschiedene Unterstützungsleistungen in Anspruch genommen werden wie der Hausnotruf, Tätigkeiten des Gebäudemanagements und Reinigungsdienste, Wäscheservice oder die Vermittlung von Pflegeleistungen. Betreutes Wohnen bietet in der Regel also keine Rundumversorgung und ist daher für Menschen mit schwerer Pflegebedürftigkeit oder fortgeschrittener Demenz weniger geeignet.“

Nachfrage Das betreute Wohnen liegt im Trend. So hat sich die Anzahl der Wohneinheiten von 2018 bis 2020 um 22 Prozent auf knapp 360000 bundesweit erhöht. Für etwa zwei Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre stehen solche Wohneinheiten in Baden-Württemberg zur Verfügung.

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Erstellt:
14. Oktober 2022, 06:00 Uhr

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