Granulatverbot verunsichert Sportvereine
Althütte eröffnet morgen Kunstrasenplatz mit Hybridtechnik – Oppenweiler verzichtet ganz auf Kunststoff und setzt auf Sand
Sportvereine und Kommunen sind verunsichert: Wie geht’s weiter mit den Kunstrasenplätzen? Weil sie tonnenweise Mikroplastik in die Umwelt bringen, denkt die EU über ein Verbot nach. Das Land hat die Förderung bereits gestoppt. Aber es gibt Alternativen. Althütte setzt auf eine Hybridtechnik, Oppenweiler verzichtet ganz auf eine Granulatfüllung und verwendet nur Sand.

© Pressefotografie Alexander Beche
Hier wird die Gefahr sichtbar: Das schwarze Granulat wird beim Eugen-Adolff-Sportplatz zum Teil aus dem Platz geschwemmt. Foto: A. Becher
Von Florian Muhl
BACKNANG. „Uns hat das Schreiben vom DFB, das vor zwei bis drei Wochen bei der Stadt Backnang eingegangen ist, überrascht. Alle Vereine sind jetzt verunsichert und wissen nicht damit umzugehen“, sagt Roland Stampfl, Bauhofleiter in Backnang. Unter dem Betreff „Drohendes EU-Verbot von Mikroplastik in Kunstrasenplätzen“ hatte sich der Städtetag Baden-Württemberg Anfang des Monats an alle Mitgliedsstädte, Sportämter und Liegenschaftsämter gewandt und folgende Empfehlung ausgesprochen: „Wegen des drohenden Verbots empfehlen wir bis auf Weiteres, vom Neubau von Kunstrasenplätzen mit Mikroplastik abzusehen.“
Im Anhang des Schreibens ein gemeinsames Papier des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) und des Deutschen Fußball-Bunds (DFB). Die beiden Verbände teilen mit, dass die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) einen Beschränkungsvorschlag veröffentlicht hat, mit dem das Inverkehrbringen von „bewusst zugesetztem“ Mikroplastik verboten werden soll. Darunter fällt auch das als Füllstoff verwendete Kunststoffgranulat für Kunststoffrasensysteme. „Das Verbot soll nach derzeitigem Stand bereits 2021 in Kraft treten“, heißt es in dem Schreiben. Und weiter: „Der gemeinwohlorientierte Sport unterstützt (...) grundsätzlich die Ziele des Beschränkungsvorschlages der ECHA.“
Erst die neue Karl-Euerle-Halle, dann die Kunstrasenplatzsanierung
„Das Thema mit der Umweltunverträglichkeit des Granulats ist aufgekommen, jetzt darf man aber nicht das Kind mit dem Bad ausschütten“, sagt Sportkreisvorsitzender Erich Hägele. Es müsse in Ruhe geprüft werden, in wieweit der Staat Geld für Sanierungsmaßnahmen bereitstelle. Klar sei, dass neue Plätze nur noch mit umweltunbedenklichen Materialien hergestellt werden dürften.
Auch Stampfl ist gespannt, was in den kommenden Monaten oder Jahren beschlossen wird. In Backnang ist er als Leiter des Bauhofs für die Pflege und Unterhaltung von vier Plätzen verantwortlich. In Anbetracht der Haltbarkeit eines Kunstrasenplatzes von 10 bis 15 Jahren haben bereits zwei Plätze diese Grenze erreicht. Die Sanierung des Platzes auf der Karl-Euerle-Anlage sei schon mal angedacht gewesen, sagt Stampfl, jetzt wolle man aber warten, bis die neue Halle gebaut ist. Auch die Erneuerung des in die Jahre gekommenen Eugen-Adolff-Sportplatzes, auf dem der Große Alexander zu Hause ist, wo aber auch andere Vereine trainieren, solle noch zwei bis drei Jahre geschoben werden. Die beiden anderen Plätze in Steinbach und in den Etzwiesen seien erst drei bis vier Jahre alt.
Weit vor der aktuellen Mikroplastik-Diskussion wurden die Pläne für die Sanierung des Kunstrasenplatzes in Althütte abgeschlossen. Der Platz wurde inzwischen komplett neu aufgebaut und wird nun am morgigen Samstag feierlich eingeweiht. Bei der Materialwahl habe man einerseits darauf geachtet, dass die Umweltbelastung gering ausfällt und zudem ein hochwertiger Platz entsteht, sagt Steffen Klauss. Der neue Polytan-Rasen kombiniere glatte mit texturierten Fasern, der weniger Füllmaterial benötige, so der Abteilungsleiter TSV Althütte Fußball. Das Granulat selbst bestehe nur zur Hälfte aus Kunststoffen, zur anderen Hälfte aus natürlichen Faserstoffen. Der Platz hat etwas über 200000 Euro gekostet, für den Architekten waren weitere 47000 Euro fällig. Das Land hat über den WLSB einen Zuschuss von 64000 Euro gegeben. Die Tore wurden durch den Verein neu beschafft, ebenso ein Pflegegeräte für 11000 Euro. Es fehlt noch die Installation einer kompletten Umzäunung, die etwa 50000 Euro kosten wird. Wie Klauss sagt, habe er durch einen Anruf vom WLSB erfahren, dass Althütte in der letzten Runde der Förderung war. Der Verein solle sich schon jetzt darauf einstellen, dass wohl das Mikroplastikverbot 2021 komme und es dann eventuell noch eine Übergangszeit von sechs bis sieben Jahren gäbe. Folglich müsse der Platz 2028 wieder saniert werden.
Es gibt auch Plätze, die ohne elastischen Füllstoff funktionieren
Wer heute beim Füllmaterial ganz auf Kunststoffe verzichten will, für den gibt es bereits mehrere Angebote. DOSB und DFB teilen gemeinsam mit: „Neben dem häufig genutzten Kunststoffgranulat existieren für Kunststoffrasensysteme alternative Füllstoffe, die in Teilen auch bereits beim Betrieb von Sportanlagen genutzt werden. So werden in Deutschland aktuell Kunststoffrasenplätze teilweise mit Sand und/oder Kork verfüllt. Zudem gibt es auch Kunststoffrasensysteme, die ohne elastischen Füllstoff betrieben werden können.“
Dieser Aspekt war der Gemeinde Oppenweiler besonders wichtig. „Das Problem bei den künstlichen Füllmaterialien generell ist, dass sie nicht biologisch abbaubar sind. Wenn die beispielsweise durch den Regen in den Bach geschwemmt werden, dann sind die im Kreislauf“, sagt Bürgermeister Bernhard Bühler. Für die Erneuerung ihres Platzes im Rohrbachtal hat der Gemeinderat in seiner Sitzung in dieser Woche beschlossen, dass „als Kunstrasenart ein teil-sandverfüllter Belag mit Kombifasern gerade fibrilliert und gekräuselt ohne EPDM-Verfüllung gewählt“ wird. Die Mehrkosten des kunststofffreien Füllmaterials von rund sieben Euro pro Quadratmeter nimmt man in der Gemeinde gern in Kauf. Der Umbau soll „baldmöglichst im nächsten Jahr“ erfolgen. Wie Bühler sagt, ist dieser Platz nicht nur umweltfreundlich, sondern hat auch Vorteile bei der Bespielbarkeit. Nach der Kostenschätzung muss mit Kosten von rund 308000 Euro inklusive Tore gerechnet werden und weiteren rund 41000 Euro für den Zaun. Der Landeszuschuss von 73000 Euro ist bereits bewilligt.
Angesichts der Umweltgefahr, die von den Füllstoffen ausgeht, hat das Kultusministerium den Sportbünden vor drei Wochen mitgeteilt, dass ab sofort keine Fördermittel für Kunstrasenplätze, die mit Gummigranulat verfüllt sind, bewilligt werden dürfen. „Das gilt für alle Gummigranulate, ganz gleich ob neues oder recyceltes Material verwendet wird. Das heißt also, dass die Förderung von Kunstrasenplätzen nun davon abhängt, welches Füllmaterial verwendet wird“, erklärt WLSB-Pressesprecher Thomas Müller. Und was machen Vereine, die jetzt sanieren wollen? „Vereinen, die noch in der Planungsphase stehen und bislang keinen Antrag gestellt haben, raten wir, entweder den Bau so lange wie möglich hinauszögern – denn die Hersteller sind nun auch gefordert, alternative Materialien zu entwickeln beziehungsweise an den Markt zu bringen – oder auf Sand, Kork oder ohne Verfüllung auszuweichen“, sagt Müller.
Gernot Gruber ist sauer, dass die Grün-Schwarz-Regierung aus seiner Sicht eine bessere Förderung umweltgerechter Allwetter-Sportplätze blockiert. Die Fraktionen von Grünen und CDU hätten im Umweltausschuss des Landtags durchgesetzt, dass die Förderung der klassischen Kunstrasenplätze eingestellt werden soll, sagt der Backnager SPD-Landtagsabgeordnete. Er selbst sei mit seinem Vorstoß gescheitert, eine Erhöhung der Fördersätze für den Sportstättenbau zu prüfen, sofern umweltfreundliche, aber eben meist teurere und wartungsintensivere Anlagen gebaut werden. Gruber: „Grüne und CDU kappen die Förderung von Kunstrasenplätzen mit eingestreutem Granulat, ohne sich um die Folgen für Vereine und Kommunen und um Alternativen zu kümmern.“
Im Raum Backnang hat fast jede Gemeinde einen Kunstrasenplatz, Backnang selbst hat vier Plätze. Im ganzen Land gibt es laut Sportministerium rund 800 bis 1000 Kunstrasenplätze sowie eine Vielzahl von kleineren Spielfeldern.
Der Neubau und die Sanierung von Kunstrasenflächen werden im Rahmen der Sportstättenbauförderung durch das Land bezuschusst. Zuwendungsempfänger sind Vereine, Kommunen und Privatschulen. Der Fördersatz beträgt in der Regel 30 Prozent der zuwendungsfähigen Ausgaben. Die Förderhöchstsumme beträgt für kommunale Sportstätten 120000 Euro, für Vereinssportstätten 84000 Euro sowie für Sportstätten von Privatschulen 149000 Euro.