IBA 2027: Der erste Schritt Richtung Zukunft

Zusammen mit Bürgern und Experten will die Stadt Backnang Ideen für die Internationale Bauausstellung entwickeln

Die erste Hürde ist genommen: Mit dem Quartier West ist Backnang in das Netzwerk möglicher Projekte für die Internationale Bauausstellung (IBA) 2027 aufgenommen worden. In den kommenden Monaten will die Stadt nun gemeinsam mit Experten und Bürgern Zukunftsvisionen für das 15 Hektar große Areal entwickeln. Die Auftaktveranstaltung stieß auf großes Interesse.

Eine 15 Hektar große Fläche zwischen Friedrichstraße und Murrtalviadukt wartet auf eine neue Nutzung. Bis zur Internationalen Bauausstellung in acht Jahren soll hier ein Quartier der Zukunft entstehen.Foto: Stadtplanungsamt Backnang

Eine 15 Hektar große Fläche zwischen Friedrichstraße und Murrtalviadukt wartet auf eine neue Nutzung. Bis zur Internationalen Bauausstellung in acht Jahren soll hier ein Quartier der Zukunft entstehen.Foto: Stadtplanungsamt Backnang

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Abbruchreife Industrieruinen und riesige Parkplätze, aber auch erhaltenswerte Gebäude und idyllische Ecken hat das Gebiet zwischen Friedrichstraße und Murrtalviadukt zu bieten. Rund 100 Besucher, darunter fast der komplette Backnanger Gemeinderat, ließen sich am Dienstagabend von Baudezernent Stefan Setzer über das Gelände führen.

Einst schlug hier das Herz der Backnanger Industrie: Kaelble produzierte Baumaschinen für die ganze Welt, dahinter befanden sich die Lederfabriken der Familien Räuchle und Kaess. Seit diese Firmen nicht mehr existieren, hat sich das Gebiet gewandelt, die Probleme sind beim Rundgang offensichtlich. Viele Gebäude sind alt und in schlechtem Zustand. Die Eigentümer haben nur das Nötigste investiert und günstig an Kleinunternehmer vermietet, die die Flächen als Werkstatt oder Lager nutzen.

So wie Vasilios Karaisarlidis, der seine Autolackiererei für die Besucher geöffnet hat und diese mit gegrillten Souvlaki verköstigt. Das Geschäft laufe gut, er wolle sich bald vergrößern, erzählt der griechische Unternehmer. Dann will er sich etwas anderes suchen, die Fluktuation im Gewerbepark am Murrufer ist hoch.

Wenn man über eine Neubebauung des Geländes spreche, müsse man auch an die Mieter denken, erklärt Stefan Setzer: „Wir wollen hier nicht alles abräumen.“ Zumal sich inmitten der „vereinigten Hüttenwerke“ das eine oder andere Juwel verbirgt. Etwa die ehemalige Maschinenhalle der Lederwerke Backnang (Leba). Das fast 20 Meter hohe Gebäude wird zurzeit von der legendären Schleuderbrettgruppe „Die Rondos“ als Trainingshalle genutzt. Setzer fallen beim Blick nach oben aber noch ganz andere Nutzungen ein: Man könnte eine Galerie einziehen und das Gebäude gastronomisch nutzen, auch für eine Kletterhalle wäre der alte Industriebau perfekt geeignet. „Das ist eigentlich ein ganz toller Ort“, schwärmt der Baudezernent.

Hinter hohen Bäumen und verwilderten Büschen versteckt sich ein weiteres Kleinod: Die Murr rauscht hier über ein kleines Wehr und umspült eine Insel. Ein Ort, der selbst vielen Backnangern unbekannt sein dürfte: „Diese Idylle würden wir gerne sichtbar machen“, sagt Setzer, der sich dort eine Badestelle oder einen Anlegeplatz für Kanus vorstellen kann. Auch eine Uferpomenade mit Fuß- und Radweg könnte entstehen. „Es geht darum, den Landschafts- und Lebensraum Murr zu entwickeln“, sagt Setzer.

In der Internationalen Bauausstellung, die in acht Jahren in der Region Stuttgart stattfindet, sieht er die große Chance, solche Zukunftsvisionen zu verwirklichen und aus dem Industriegebiet vergangener Zeiten ein modernes und lebendiges Quartier zu machen. Die Ansprüche der IBA-Macher sind hoch: „Wir wollen im Maßstab 1:1 Zukunft zeigen“, erklärt Intendant Andreas Hofer. So wie vor 100 Jahren bei der Stuttgarter Weißenhofsiedlung will Hofer auch bei dieser IBA ganz neue Formen des Bauens und Wohnens präsentieren. Dabei gehe es zum Beispiel darum, die Trennung zwischen Wohn- und Gewerbegebieten zu überwinden. Ein anderes Thema ist die Energieversorgung der Zukunft: Im postfossilen Zeitalter müssten Städte die Energie, die sie benötigen, selbst erzeugen, sagt Hofer. Und auch neue Formen des Bauens sollen bei der IBA getestet werden, etwa mit Unterstützung von Robotern. „Eine IBA gibt die Möglichkeit zum Experimentieren. Da darf auch mal was scheitern“, sagt Hofer.

Damit das Backnanger Projekt nicht scheitert, sind noch einige Fragen zu klären. Die wichtigste: Ziehen die Eigentümer mit? Wolfgang Kaess und Maximilian Räuchle, die Erben der Lederfabrikanten, waren am Dienstagabend mit dabei, doch Hermann Püttmer, dem immerhin 5 der 15 Hektar gehören, fehlte. Auch die Zusage, Gebäude auf dem Kaelble-Areal für die Gäste zu öffnen, zog der Eigentümer kurzfristig zurück. Das Verhältnis zwischen Püttmer und der Stadt ist belastet, nachdem dieser zusammen mit dem befreundeten Architekten Helmut Jahn eigene Pläne für das Gebiet entwickelt hatte, die Stadt und Gemeinderat jedoch nicht genehmigen wollen.

Ein weiterer Knackpunkt ist die Stellplatzfrage. Große Teile der Brachfläche werden heute als Parkplatz genutzt, vor allem von Tesat-Mitarbeitern. Klar ist, dass diese Stellplätze nicht ersatzlos wegfallen können. „Wir müssen sie an anderer Stelle neu schaffen“, erklärt Setzer, der aber auch darauf hofft, dass es mit neuen Mobilitätskonzepten gelingt, die Zahl der Pendler, die mit dem eigenen Auto kommen, zu reduzieren.

Baudezernent Stefan Setzer (Vierter von links) erklärt eine typische Nachnutzung: Wo früher Leder gegerbt wurde, werden heute Autos lackiert.Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Baudezernent Stefan Setzer (Vierter von links) erklärt eine typische Nachnutzung: Wo früher Leder gegerbt wurde, werden heute Autos lackiert.Foto: J. Fiedler

Info
So geht es weiter

Das IBA-Kuratorium hat bisher 64 Projekte aus der gesamten Region Stuttgart in das sogenannte IBA-Netz aufgenommen. In Backnang will man aber noch mehr: Das Projekt im Westen der Stadt soll eines von fünf IBA-Quartieren werden.

Im Anforderungsprofil heißt es unter anderem: „Ein IBA’27-Quartier ist prozessinnovativ, offen und partizipativ. Es wird mittels Beteiligungsverfahren und internationalen Wettbewerben entwickelt.“ Welche Quartiere zum Zug kommen, entscheidet sich bis Frühjahr 2020.

Die Stadt Backnang will bis dahin schon erste Ergebnisse präsentieren. Im Herbst finden deshalb vier Bürgerdialoge und vier Expertenworkshops mit unterschiedlichen Schwerpunkten statt. Im Januar 2020 ist eine Abschlussveranstaltung geplant. Die Ergebnisse sollen die Grundlage für einen anschließenden Architektenwettbewerb sein.

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Erstellt:
25. Juli 2019, 06:00 Uhr

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