Afghanistan-Einsatz
Im Feuer der Taliban: Wie das Karfreitagsgefecht die Bundeswehr veränderte
Das „Karfreitagsgefecht“ in Afghanistan vor 15 Jahren war eines der schwersten in der Geschichte der Bundeswehr. Drei Männer starben. In der Truppe ist es zum Mythos geworden. Bei manchem auch eine Quelle für Bitterkeit.

© BUNDESREGIERUNG/STEFFEN KUGLER
Deutsche Soldaten tragen den Sarg von einem der Kameraden, die am 2. April 2010 in Kundus im Kampf gegen die Taliban getötet wurden
Von Tobias Heimbach
Wolf Gregis rückt seinen Stuhl zurecht. „Eigentlich sitze ich lieber mit dem Gesicht zur Tür“, sagt er. „So hat man den Überblick“. Dabei wirkt das Café nahe dem Rostocker Hauptbahnhof nicht besonders gefährlich. Wenige Tische sind besetzt, Rentner bestellen Filterkaffee und Käsekuchen. Doch Gregis, 43 Jahre alt, breite Schultern, dunkelblauer Pullover, kurz geschorene Haare und akkurat gestutzter Vollbart, kann nicht anders. „Das ist als Soldat einfach drin“, sagt er. Dabei ist er schon 2010 aus der Bundeswehr ausgeschieden.
Heute arbeitet Gregis als Lehrer, unterrichtet Geschichte und Deutsch an einem Gymnasium. Dennoch beschäftigt ihn seine Zeit bei den Streitkräften weiter. Er ist Autor, engagiert sich für die Belange von Veteranen und ist in sozialen Netzwerken aktiv. Und er hat eine Mission: Er will, dass aktiven und ehemaligen Soldaten mehr zugehört wird.
In diesem Frühling ist ein Buch von ihm erschienen. Es handelt von dem Dorf Isa Khel im Norden Afghanistans. Ein Dutzend staubige Straßen nahe des Flusses Kundus, umgeben von Feldern und Mauern. Den wenigsten sagt der Name etwas, doch bei Soldaten und Veteranen der Bundeswehr löst der Name Ehrfurcht aus.
Drei Bundeswehrsoldaten starben bei dem Gefecht
Am 2. April 2010, es ist ein Karfreitag, führte die Bundeswehr hier das bis dahin schwerste Gefecht deutscher Soldaten seit 1945. Sie suchen eine Straße nach Sprengsätzen ab, als sie in einen Hinterhalt der Taliban geraten. „Von überall blitzte und knallte es. Schatten sprangen hinter Mauern hervor, feuerten und verschwanden wieder. Fenstervorhänge flatterten. Der Wind? Der Feind?“ So klingt es, wenn Gregis in seinem Buch darüber schreibt. Die Kämpfe dauerten fast neun Stunden, die Bundeswehrsoldaten feuerten rund 28.000 Schuss ab. Am Ende waren drei aus ihrer Truppe tot: Hauptfeldwebel Nils Bruns (35 Jahre), Stabsgefreiter Robert Hartert (25) und Hauptgefreiter Martin Augustyniak (28). Fünf weitere wurden verwundet.
Nun jährt sich das Gefecht zum 15. Mal. Es ist weit mehr als Geschichte eines Kampfes. In der Truppe ist es zum Mythos geworden. Für manche stiftet das Gefecht Identität und Tradition. Für manche ist es eine Quelle für Verbitterung. Bis heute. Dass die deutsche Öffentlichkeit davon so wenig weiß, erzählt damit auch etwas über das schwierige Verhältnis zwischen Gesellschaft und Soldaten.
„Das Karfreitagsgefecht spiegelt die gemeinsame Erfahrung einer gesamten Soldatengeneration wider, der ,Generation Einsatz‘“, sagt Gregis in dem Café in Rostock. Ab 1996 waren rund 400 000 Bundeswehrsoldaten weltweit eingesetzt: Bosnien, Kosovo, Afghanistan, Mali.
Die Ausgangslage sei dabei die gleiche gewesen, unabhängig vom Kontinent: „Ich bin an einem mir fremden Ort weit von zu Hause entfernt. Dieser Ort ist ein gefährliches Kriegs- oder Krisengebiet und ich habe den Auftrag, für Sicherheit zu sorgen. Für diejenigen außerhalb meines Lagers bin ich eine Bedrohung“, beschreibt Gregis. Er weiß, wovon er spricht. Er war selbst 2008 und 2009 in Afghanistan im Einsatz. Er verließ das Land noch vor dem Karfreitagsgefecht. Trotzdem hat auch er das Gefühl, alles, was er erlebt hat, bündelt sich in diesem Ereignis.
Versagen auf politischer und militärischer Ebene
Hinzu kommt: Es gab damals ein Versagen auf politischer und militärischer Ebene. Gregis schildert es in seinem Buch aus Sicht eines damaligen Kompaniechefs: „Jan hatte nichts mehr. Er hörte die gebrüllten Lagemeldungen seiner Zug- und Gruppenführer am Funk, ihren Hilferuf nach Unterstützung aus der Luft. Er hörte die Meldungen, wie ihr Gewehrfeuer wirkungslos von Erde und Lehm geschluckt wurde, hörte, wie nach Bunkerfäusten geschrien wurde, nach MILAN-Raketen, Granatwerfern, wenigstens Granatpistolen oder Maschinengewehren. Er hörte das alles und hatte doch nichts.“
Die notwendige Ausrüstung gab es nicht. Keine Artillerie, keine bewaffneten Drohnen, keine Hubschrauber, die in die Kampfzone fliegen und Verwundete bergen konnten. Die von der Bundeswehr eingesetzten Tornado-Jets waren mit Fotoapparaten zur Aufklärung bewaffnet. Den Truppen helfen konnten sie beim Karfreitagsgefecht nicht.
Spätestens ab 2009 änderte sich die Sicherheitslage im Norden Afghanistans. Hinterhalte und Anschläge nahmen zu. Doch in Deutschland hielt sich die Vorstellung, dass die Soldaten am Hindukusch waren, um Mädchen den Schulbesuch zu ermöglichen, Brunnen zu bohren und Fußbälle zu verschenken. Schwere Waffen, die andere Nationen damals längst einsetzten, hätten nicht ins Bild gepasst. Zwei Tage nach dem Karfreitagsgefecht sprach der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) erstmals von „Krieg“ in Afghanistan. Die Soldaten spürten, dass die Politik keinen Plan und kein echtes Ziel für den Einsatz hatte. Dieses strategische Vakuum setzte sich bei der militärischen Führung fort. Aushalten mussten es die Soldaten vor Ort.
Hört man sich unter Afghanistan-Veteranen um, wird deutlich: Bei vielen Soldaten entstand in dieser Zeit Frust. Man setzte sein Leben für Deutschland oder in deutschem Namen ein. Doch Anerkennung für den Einsatz und die Opfer gab es nicht. Aus mangelnder Anerkennung entstand Distanz, manchmal Entfremdung, auch Bitterkeit. Ein Beispiel: In Bielefeld gab es ein Hin und Her, ob ein Platz nach dem Gefallenen Martin Augustyniak benannt werden sollte. Die örtliche SPD fürchtete, es könnte daraus Kultort für Rechte entstehen. Inzwischen trägt der Platz den Namen Augustyniaks.
Auch der Militärhistoriker Sönke Neitzel von der Universität Potsdam hat diese Entwicklung beobachtet. „Bis heute gibt es bei vielen Veteranen das Gefühl der fehlenden Wertschätzung. Nicht so sehr durch die Bevölkerung, sondern vor allem durch Parlament und Bundesregierung“, sagt Neitzel. Im Umgang mit dem Karfreitagsgefecht habe die Bundeswehr zudem eine Chance verpasst. „So ein Ereignis kann Identität stiften. Doch die Führungsebene der Bundeswehr handelt in dieser Frage zu ängstlich.“ Deshalb sind es nun vor allem Veteranen, die anfangen haben, sich die Geschichte vom Karfreitagsgefecht zu eigen zu machen.
Das Karfreitagsgefecht ist ein zentraler Bezugspunkt für Veteranen
Verschiedene Verbände und auch Menschen wie Wolf Gregis ermutigen Bundeswehrangehörige, ihre Geschichte zu erzählen. Auch politisch bewegt sich etwas. Der Bundestag erklärte den 15. Juni offiziell zum Veteranentag, ein Tag mit dem viele Soldaten fremdeln. Der 2. April, der Jahrestag des Karfreitagsgefechts, bleibt bei vielen Veteranen zentraler Bezugspunkt. Schon seit Jahren richten ehemalige Soldaten zum Gedenken an die drei Gefallenen die „K3-Märsche“ aus. In diesem Jahr nahmen rund 20 000 Menschen daran teil.
Andere hingegen wollen die Zeit der Auslandseinsätze schnell hinter sich lassen. Spätestens seit der „Zeitenwende“ schwenkt die Bundeswehr um, auf Landes- und Bündnisverteidigung. Das Kapitel der Truppe als internationale Interventionsarmee gilt manchem als historischer Fehler. „Wir, die Generation Einsatz, sind die Dinosaurier“, sagt auch Gregis.
Zudem haben sich die Zeiten geändert. Die Bundesregierung investiert Milliarden in die Verteidigung. Eine Wiedereinführung der Wehrpflicht wird ernsthaft diskutiert. Bei vielen reift die Erkenntnis, dass die Gesellschaft einen anderen Bezug zur Bundeswehr und zu den Soldaten braucht. Dabei mag es helfen, sich zu erinnern. Daran, was sich damals zugetragen hat, in einem kleinen Dorf im Norden Afghanistans, namens Isa Khel.