Netflix-Doku über Bertrand Cantat

In Sachen Marie – was geschah im Zimmer Nr. 35?

Sie war eine bekannte Schauspielerin, er ein umjubelter Rockstar: Marie Trintignant starb durch die Schläge ihres Freundes Bertrand Cantat. Jetzt beleuchtet eine neue True-Crime-Doku auf Netflix den Fall und bringt ihn erneut in die Schlagzeilen.

Die französische Schauspielerin Marie Trintignant wurde 41 Jahre alt.

© Netflix/Martine Peccoux/ Bridgeman Images

Die französische Schauspielerin Marie Trintignant wurde 41 Jahre alt.

Von Theresa Schäfer

Es ist die Nacht auf den 27. Juli 2003. In Litauens Hauptstadt Vilnius steht ein Paar auf dem Gehweg vor seinem Hotel und verabschiedet einen Freund. Die beiden sind Franzosen, zu Hause zwei Berühmtheiten: Marie Trintignant, 41, die Tochter der Filmlegende Jean-Louis Trintignant, selbst Schauspielerin. Sie dreht in Vilnius den Fernsehfilm „Colette“, unter der Regie ihrer Mutter Nadine. Und Bertrand Cantat, 39, der charismatische Sänger der Rockband Noir Désir, die Millionen von Platten verkauft. Ein paar Stunden später kommt Marie Trintignant mit einem Schädel-Hirn-Trauma in eine Klinik. Sie stirbt fünf Tage später, ohne noch einmal das Bewusstsein zu erlangen.

Was geschah im Zimmer Nr. 35? Mit dieser Frage beschäftigt sich über 20 Jahre später die dreiteilige Dokumentation „Vom Rockstar zum Killer: Der Fall Bertrand Cantat“, die seit wenigen Tagen beim Streamingportal Netflix zu sehen ist.

Es ist ein Fall, der Frankreich schwer erschüttert hat – und bis heute beschäftigt. Da sind zum einen natürlich die beiden Protagonisten: Beide veritable Stars, sie Spross einer Schauspielerfamilie, er Vorzeigelinker, Weltverbesserer, sensibler Rockstar. Und bis zu dem Moment, in dem Cantat in Vilnius festgenommen wird, wusste die Öffentlichkeit nicht, dass die Schauspielerin und der Sänger überhaupt ein Paar sind. Zum anderen schwelt da aber immer noch die Frage, ob Bertrand Cantat genug gesühnt hat für Trintignants Tod. Und ob er – zumindest mittelbar – verantwortlich ist für den Tod einer zweiten Frau: Kristina Rády.

Journalistinnen, Ermittler, Trintignants Freunde, Menschen aus dem französischen Musikbusiness sprechen über eine „amour fou“, die in jener Nacht in Vilnius in einem Femizid aus Eifersucht endet. Cantat prügelt seine Lebensgefährtin regelrecht zu Tode, 19 Mal, heißt es später in der Anklage, habe er zugeschlagen. Marie Trintignant, Mutter von vier Söhnen, fällt ins Koma. „Ihr schönes Gesicht“, sagt in der Dokumentation ihre Visagistin, „war vollkommen zerschlagen.“ Trintignant wird noch nach Frankreich gebracht, dort stirbt sie am 1. August. Die Zeitungen schreiben von einer „Leidenschaftstat“, das Wort Femizid benutzt damals noch niemand.

Die Dokumentation zeigt auch Videoaufnahmen von Cantats Verhör durch die litauische Polizei. „Schwarze Wut“, sagt der Noir Désir-Sänger da, habe ihn während eines Streits gepackt, er sei außer sich gewesen. Seine erste Darstellung, Trintignant sei unglücklich gegen eine Heizung gestürzt, fällt nach der Obduktion in sich zusammen. Schließlich gesteht er, unter Tränen, die massiven Schläge. Als seine Freundin bewusstlos wird, wartet er offenbar Stunden, bis er Hilfe holt. Cantat sagt, er habe geglaubt, sie schlafe.

Bertrand Cantat verbüßte nur vier Jahre Haft

Die litauischen Richter verurteilen Bertrand Cantat zu acht Jahren Haft wegen Totschlags. Nach einem Jahr im Gefängnis in Vilnius wird er nach Frankreich überstellt und dort 2007 nach vier Jahren wegen guter Führung entlassen. Dass ihm damals eine gute Prognose ausgestellt wurde, lag auch an seiner Ex-Frau Kristina Rády, die sich nie von ihm abgewandt hatte, und an den beiden gemeinsamen Kindern.

Der Fall Bertrand Cantat – eine Chronologie

  • 27. Juli 2003: Marie Trintignant wird mit einem Schädel-Hirn-Trauma in ein Krankenhaus in Vilnius gebracht. Ihr Freund Bertrand Cantat wird festgenommen.
  • 1. August 2003: Marie Trintignant stirbt in einer Klinik außerhalb von Paris – hierher war sie kurz zuvor gebracht worden.
  • März 2004: Bertrand Cantat wird von einem Gericht in Vilnius zu acht Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt.
  • September 2004: Cantat wird nach Frankreich verlegt, in das Gefängnis von Muret.
  • Oktober 2007: Cantat wird nach vier Jahren Haft wegen guter Führung entlassen.

Die Netflix-Dokumentation, die auf den Recherchen der „Le Point“-Journalistin Anne-Sophie Jahn basiert, stellt die Frage, ob Rády die Wahrheit sagte, als es bei den Ermittlungen um die Frage ging, ob ihr Ex-Mann bereits vor der Tat von Vilnius gewalttätig geworden war. Rády hatte das damals verneint. 2010 nahm sich die gebürtige Ungarin das Leben. Kurz zuvor hatte sie auf dem Anrufbeantworter ihrer Eltern eine schockierende Nachricht hinterlassen, die belegt, wie groß ihre Angst vor Cantat war.

Landesweite Proteste gegen eine Tour im Jahr 2018

In Frankreich sind heute viele der Meinung, dass Bertrand Cantat mit den vier Jahren verbüßter Haft zu leicht davongekommen ist. Unverbrüchliche Fans von Noir Désir hofften dagegen immer auf ein Comeback. 2018 ging der Sänger allein auf Tour, dagegen gab es landesweiten Protest, manche Veranstalter sagten geplante Auftritte Cantats wieder ab. Während die einen argumentierten, Cantat habe ein Recht auf Rehabilitation, finden es andere abscheulich, einem Mann eine Bühne zu geben, der eine Frau getötet hat. „Würden die Menschen auch einem aus der Haft entlassenen Kinderschänder zujubeln, würden sie auch einen Mann feiern, der einen bewaffneten Raubüberfall begangen und seine Strafe verbüßt hat?“, fragte damals die Sprecherin einer Frauenrechtsorganisation.

Nach der Veröffentlichung der Netflix-Dokumentation wird nun wieder diskutiert in Frankreich: Schloss das Umfeld um Bertrand Cantat die Reihen, gab es eine stillschweigende Omertà, um den Erfolg der Band nicht zu gefährden? Serge Teyssot-Gay, der Gitarrist von Noir Désir, der die Band schon 2010 verlassen hat, postete auf Facebook ein Statement, das er schon vor 15 Jahren bei seinem Austritt veröffentlicht hatte: „Ich habe mich dazu entschieden, nicht bei Noir Désir weiterzumachen, weil ich emotionale, menschliche und musikalische Differenzen mit Bertrand Cantat hatte. Diese trugen zu dem Gefühl der Unanständigkeit bei, das die Situation der Gruppe seit mehreren Jahren prägt.“ Mehr, schrieb Teyssot-Gay, habe er auch jetzt nicht hinzuzufügen.

Bertrand Cantat macht weiter Musik. Ende vergangenen Jahres hat er ein neues Album angekündigt.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/

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Erstellt:
2. April 2025, 11:36 Uhr
Aktualisiert:
2. April 2025, 13:14 Uhr

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