Lange Nacht der Museen bezaubert wieder Zehntausende
Was ein Andrang: Bei lauem Frühlingswetter folgten mehr als 20 000 Besucher der Einladung zur Entdeckungsreise in 60 Museen, Galerien, historischen Gebäuden sowie Industriedenkmälern und erfüllten die Stadt mit schöner und heiterer Atmosphäre.
Von Heidemarie A. Hechtel
Stuttgart - Warteschlangen überall. Am Marktplatz, wo die einen zum Glockenspiel des Rathauses hoch- und die anderen in den Untergrund des Bunkers hinabsteigen wollen. Am Hof des Neuen Schlosses, wo eine Fahrt im Oldtimer winkt. Im Kunstmuseum, wo Luisa und Nam genau wissen, was ihr nächstes Ziel ist: „Die Staatsgalerie, wegen der feministischen Avantgarde.“ Dort steht die wissenschaftliche Kuratorin Sandra Diefenthaler schon bereit für die erste Führung an diesem Abend durch die Ausstellung „Stand up!“, die gerade am Abend zuvor eröffnet wurde. „Wir können damit eine echte Premiere bieten“, betont Direktorin Christiane Lange, erwartungsvoll und gespannt, wie die Beteiligung der Staatsgalerie an der Langen Nacht nach langer Pause beim Publikum ankommt. Für diese Bereitschaft habe man erst ein neues, gemeint ist ein finanzielles, Modell mit dem Veranstalter Stuttgartmagazin Lift finden müssen. Schon Punkt 18 Uhr füllt sich das Foyer, und um Sandra Diefenthaler scharen sich an die 30 Teilnehmer für die erste Führung.
Natürlich sind die Damen in der Überzahl. „Der Weg zur Gleichberechtigung“ ist die Zeittafel überschrieben, die in die Ausstellung einstimmt. Die Damen nicken bei der Lektüre, offenbar aus Erfahrung. Umso beeindruckter sind alle von den 41 Fotokünstlerinnen wie Cindy Sherman, Ulrike Rosenbach, Birgit Jürgenssen, Valie Export oder Penny Slinger, die schon in den 1970er Jahren radikal die Rolle der Frau in Kunst und Gesellschaft in Frage stellen, ihre körperliche Selbstbestimmtheit fordern und das auch frei und selbstbewusst zeigen.
„Stand up, steh auf“, sagt es Sandra Diefenthaler deutlich. Silvia Hardecker ist begeistert. Von den Exponaten aus der Sammlung Verbund in Wien. Und von der Kuratorin: „So lebendig, man merkt, wie wichtig ihr das Thema ist.“ Nachvollziehen könne sie das selbst sehr gut. Und jetzt, fürchtet sie, sei die Gleichberechtigung schon wieder rückläufig: „Wenn ich ich mich im Bundestag umgucke...“ Das Thema wird zum roten Faden im Haus. An der Treppe haben sich fünf Sängerinnen des feministischen Chores postiert, singen „Bella ciao“ und ermuntern ihre Zuhörerinnen mitzumachen. Julia Ollmann und Zoe Rogge, 19 und 20 Jahre alt, wollen gern. Und sind willkommen. Auf einer Opernbühne irgendwann sehen wird man Jacob Altrock, Austausch-Student aus den USA an der Stuttgarter Musikhochschule, der mit seinem Bariton und einer Performance zu „Dank und Abschied“ von Arnold Schönberg besticht und beglückt. Bis auf den letzten Platz besetzt sind die Shuttlebusse, die draußen in Richtung Hafen vorbeifahren. „Vielleicht später noch“, meint Klaus S. zu seiner Begleiterin, jetzt lockt erst mal das „Freischwimmen“ im Haus der Geschichte nebenan. Gedränge auch hier, wo eine Mitmach-Attraktion lockt: Man darf sein eigenes Badesalz herstellen. Pia Heller führt es vor: Badesalz ins Schälchen, dazu zwei Teelöffel Olivenöl sowie Seifenfarben und Blüten. Pia hat sich für Grün entschieden, ihre Freundin Nicola Lerch will in Rosa baden. Schon nach zwei Stunden sind 20 von den 50 bereitgestellten Kilo naturreines Meersalz verbraucht.
Eine Vision lockt hinüber in den Park: Traben dort zwei Schimmel, die im Licht glänzen? Es sind die Performancekünstler Skaramouche alias Marcello und Matthias: Zwei weiße Ritter mit Federhelm auf Pferden, die nur luftige Illusion sind. Und auch bei der BW Bank am Kleinen Schlossplatz herrschte reges Treiben. Mehr als 1000 Besucher – unter anderem auch OB Frank Nopper – kamen für die Ausstellung „Grenzverschiebungen - niemand ist mehr dort, wo er hinwollte“. Um fit für die Nacht zu sein, wurden 800 Postkarten mit dem Werk von Tim Berresheim, 600 kleine Gummibären-Tüten und 750 Schokolade-Täfelchen verteilt. Zurück auf die Kulturmeile, die erst jetzt nach der gelungenen Gestaltung ihren Namen wirklich verdient.
In der Landesbibliothek wird gerockt, davor verführt der Stand vom Weingut Johannes B. zu einer kleinen Pause. Schon lange hat man nicht mehr so viele vergnügte Menschen gesehen. „Wir lassen uns treiben“, sagt Manfred Wacker. Getrieben hat es ihn ins Stadtpalais, wo der Gesang des Offenen Chores vom Musikwerk Stuttgart empfängt, der jeden Dienstagabend hier probt und wirklich offen ist für alle, die mitsingen wollen. Das seien manchmal bis zu 200 Sangesfreunde.
Der Kreis zum Thema „Die Rolle der Frau“ schließt sich in den Etagen über der Kult-Kneipe Uhu-Bar im Leonhardsviertel. Wo die winzigen Zimmer des ehemaligen Laufhauses immer noch das Elend der Prostitution ausdünsten, zeigen Studierende der Kunstakademie Stuttgart Arbeiten unter dem Titel Bordellisage. So vielsagend wie die dekorative Blumengirlande der Künstlerin Kowni. Denn es sind Patronenhülsen, die wie sternförmige Blüten angeordnet und installiert wurden: „938 Patronenhülsen, die für 938 versuchte Morde an Frauen in einem Jahr in Deutschland stehen“, erklärt die Künstlerin. Vor dem Eingang zur Uhu-Bar reißt die Schlange kaum ab. Die Lange Nacht ist nie lang genug.