Bundestagswahl 2025
Männlich, weiß, akademisch – aber wer fehlt im Bundestag?
Wie viele Frauen sitzen im neuen Bundestag? Wie alt sind die Abgeordneten? Und wie viele Ostdeutsche sind darunter? Beim Blick auf die Daten gibt es eine große Überraschung.

© dpa/Michael Kappeler
Der Bundestag soll die gesamte Gesellschaft vertreten. Aber macht er das wirklich?
Von Chiara Sterk
Nach der Bundestagswahl wurde intensiv über ein Foto der Unionsspitze diskutiert, das die wichtigsten Verhandler von CDU und CSU zeigte. Darauf waren unter anderem CDU-Parteichef Friedrich Merz, CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt sowie der CSU-Parteivorsitzender Markus Söder zu sehen. An dem Tisch saßen ausschließlich männliche, weiße, ältere Politiker. Spiegelt das den neu gewählten Bundestag wider?
Eine Analyse der Daten der Bundeswahlleiterin zu den Abgeordneten zeigt: Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund sind im Bundestag deutlich weniger vertreten, als es ihrem Anteil in der Bevölkerung entspricht. Ist das ein Problem? Warum ist es wichtig, wie der Bundestag zusammengesetzt ist?
Warum ist ein repräsentativer Bundestag wichtig?
„Die Verteilung im Bundestag hat immer eine Signalwirkung in die Bevölkerung“, sagt die Sozialwissenschaftlerin Annett Gräfe-Geusch vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) in Berlin. Dass eine Gruppe im Bundestag vertreten ist, bedeute jedoch nicht automatisch, dass ihre Themen dort eine Rolle spielen, sagt Gräfe-Geusch.
Bei der Zusammensetzung des neuen Bundestags gibt es tatsächlich eine Überraschung: den relativ hohen Anteil von Menschen, die in Ostdeutschland geboren sind. Er beträgt 26,4 Prozent. In der Gesamtbevölkerung sind dagegen 20 Prozent der Menschen dort geboren, wie eine Studie des DeZIM aus dem Jahr 2023 zeigt.
Die Sozialwissenschaftlerin sagt, es sei einerseits gut, dass die Menschen aus dem Osten zahlreich vertreten seien. „Aber wenn sie die Themen der Ostdeutschen trotzdem nicht angehen, führt das auch wieder zu einer Desillusionierung“, betont sie. Am höchsten ist der Anteil der Ostdeutschen in der AfD-Fraktion (33,6 Prozent), am niedrigsten bei den Grünen (20 Prozent).
Hürden sind Diskriminierung, Bedrohung und Stereotype
Doch warum sind unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mal gut und mal schlecht im Bundestag repräsentiert? Das liegt auch an Hürden beim Einstieg in die Politik, erklärt Gräfe-Geusch. Sind Parteien offen dafür, sich vielfältig aufzustellen? Oder droht Menschen aus bestimmten Gruppen auch dort Diskriminierung? Um diese Fragen gehe es.
Ein weiterer Aspekt ist, ob Mandatsträger Bedrohung fürchten müssen. „Das trifft Studien zufolge in der Kommunalpolitik vor allem Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund – mit der Folge, dass sie aus der Politik flüchten.“ Die Wissenschaftlerin verweist auch auf Rollenbilder: „Männer haben es noch immer leichter, gewählt zu werden. Da spielen auch Stereotypen eine Rolle.“
Menschen mit Migrationshintergrund sind unterrepräsentiert
Auffällig ist, wie schlecht Menschen mit Migrationshintergrund im Parlament repräsentiert sind. Nur rund elf Prozent der Abgeordneten haben einen Migrationshintergrund. In der Bevölkerung sind es 29,7 Prozent, wie das Statistische Bundesamt 2023 zuletzt angab. Als Mensch mit Migrationshintergrund gilt, wer die deutsche Staatsangehörigkeit bei Geburt nicht besitzt oder mindestens ein Elternteil hat, bei dem das der Fall ist. Besonders niedrig ist der Anteil in der AfD (5,9 Prozent) und bei der Union (6,3 Prozent). Bei den Grünen hingegen hat jedes fünfte Bundestagsmitglied einen Migrationshintergrund.
Zwei Drittel der Abgeordneten sind Männer
Im Vergleich zu ihrem Anteil in der Bevölkerung sind auch Frauen im Bundestag weniger vertreten. 51 Prozent der Bevölkerung sind Frauen – im Bundestag sind es 32,4 Prozent. Der Anteil hat im Vergleich zum letzten Bundestag noch einmal abgenommen – in der vergangenen Legislatur lag er noch bei rund 35 Prozent.
Am schlechtesten sind Frauen in der AfD-Fraktion vertreten – mit 11,8 Prozent. In der Grünen-Fraktion gibt es dagegen mit 61,2 Prozent sogar mehr Frauen als Männer. Die generell geringe Anzahl von Frauen im Bundestag erklärt Gräfe-Geusch unter anderem damit, dass sie sich noch immer mehr um Kindererziehung, Pflege und den Haushalt kümmern.
Bundestag ist im Schnitt 48 Jahre alt
Im Schnitt sind die neuen Abgeordneten 48 Jahre alt. Der oder die Durchschnittsdeutsche ist etwa 45 Jahre alt. Die Linke ist – gemessen am Durchschnittsalter der Abgeordneten – die jüngste Partei, die AfD die älteste. Der jüngste Abgeordnete ist Luke Hoß, 23 Jahre alt und für die Linke eingezogen. Der älteste ist Alexander Gauland mit 84 Jahren von der AfD.
Arbeiter sind kaum vertreten im neuen Bundestag
81,1 Prozent der Abgeordneten haben einen akademischen Hintergrund – darunter zählt bereits eine Einschreibung an einer Hochschule, unabhängig vom Abschluss. Der Anteil ist im Vergleich zur vorherigen Legislaturperiode leicht gesunken.
Bundesweit hatte laut Zensus 2022 jeder Fünfte einen akademischen Abschluss. Bei den Grünen waren 97,6 Prozent mal an einer Hochschule eingeschrieben, bei der AfD 59,2 Prozent. Arbeiter sind weiterhin unterrepräsentiert.
Juristen überdurchschnittlich stark im Parlament vertreten
Mitarbeitende aus Recht und Verwaltung sind mit 27,4 Prozent die stärkste Berufsgruppe im Bundestag, während ihr Anteil in der Gesamtbevölkerung nur vier Prozent beträgt. Das geht aus aktuellen Daten der Bundesagentur für Arbeit hervor.
Der häufigste Beruf ist dabei der des Juristen. Etwa jeder fünfte Abgeordnete hat Jura studiert, wobei der größte Anteil der CDU/CSU angehört, der geringste der Linken.
Rund die Hälfte der Abgeordneten (47,3 Prozent) hat schon politische Erfahrung. In der SPD hatten fast zwei Drittel der Abgeordneten zuvor schon kommunale oder landespolitische Ämter wie Bürgermeister oder Landtagsposten inne.
Wie wir bei dieser Auswertung vorgegangen sind
Daten Die für diese Analyse ausgewerteten Daten über die neu gewählten Bundestagsabgeordneten sind von der Bundeswahlleiterin und öffentlich zugänglich. Ergänzt wurden diese Daten durch Informationen über den Migrationshintergrund aus einer Studie des Mediendienst Integration sowie über den akademischen Hintergrund, den Abgeordnetenwatch zusammengetragen hat. Dabei handelt es sich um biografische Angaben der Bundeswahlleiterin zu den Kandidierenden, den Angaben im Wikimedia-Projekt Wikidata sowie denen der Kandidierenden gegenüber Abgeordnetenwatch.
Analyse Was den beruflichen Hintergrund der Abgeordneten betrifft, wurde sich an den Angaben der Bundeswahlleiterin und den Daten von Abgeordnetenwatch orientiert. Dabei wurde sich wie auch bei der Bundeswahlleiterin an der Klassifikation der Berufsgruppen der Bundesagentur für Arbeit orientiert. Abgeordnete, die nur ihr vorheriges Mandat als ihren Beruf angegeben haben, wurden jeweilig zugeordnet. Die Einteilung der Abgeordneten geboren in Ost- bzw. Westdeutschland erfolgte anhand der Postleitzahl des Geburtsorts. Berlin wurde dabei in ehemaliges Ost- und Westberlin aufgeteilt.