Mit 54 Jahren ein Neustart als Azubi
Rajesh Kumar hat im mittleren Lebensalter eine Ausbildung beim Handwerksbetrieb für Sanitär, Heizung und Flaschnerei Sachs in Backnang-Maubach begonnen. Die Reaktionen auf den reifen Auszubildenden reichen von Erstaunen bis zu Begeisterung.

© Tobias Sellmaier
Dass Rajesh Kumar (links) bei ihm die Ausbildung begann, darüber freut sich Achim Sachs aus Maubach. Foto: Tobias Sellmaier
Von Annette Hohnerlein
Backnang. Als sich Rajesh Kumar bei Achim Sachs wegen eines Praktikums erkundigte, dachte der: „Vielleicht fragt er für seinen Sohn.“ Der Chef des Maubacher Handwerksbetriebs für Sanitär, Heizung und Flaschnerei kam nicht auf die Idee, dass sich der 54-Jährige selbst für eine Ausbildung interessiert. Aber dann kam man miteinander ins Gespräch und vereinbarte zunächst ein einwöchiges Praktikum. Dem folgte ein weiteres, man wurde sich einig und Anfang September trat Kumar seine Lehrstelle bei der Firma Sachs an.
Nach rund zwei Monaten fällt das Fazit auf beiden Seiten positiv aus. „Ich habe meine Entscheidung nicht bereut, ich bin sehr zufrieden. Für mich öffnet sich eine neue Welt“, sagt Kumar, der in Indien geboren und aufgewachsen ist. Er schätzt die Abwechslung, die der Beruf mit sich bringt, und er freut sich, mit seinen Händen zu arbeiten, das habe er bei seiner früheren Tätigkeit immer vermisst.
„Sein Alter hat Vorteile: Zuverlässigkeit, Arbeitsdisziplin und Lebenserfahrung“
Auch sein Chef kann nur Gutes berichten. „Rajesh kann handwerklich arbeiten. Und sein Alter bringt einige Vorteile mit sich: Lebenserfahrung, Zuverlässigkeit, Arbeitsdisziplin“; Eigenschaften, die er manchmal bei jungen Azubis vermisst. „Er sieht, was zu tun ist“, ergänzt Sachs’ Frau Sabine. „Vor Kurzem hätte ihn eine Kundin am liebsten behalten, weil er nach der Arbeit so sauber aufgeräumt hat.“
Rajesh Kumar machte in Indien ein Diplom in Programmiertechnik und kam mit 23 Jahren nach Deutschland. Er arbeitete viele Jahre in einem Betrieb in Fellbach, dort hatte er zuerst mit CNC-Technologie zu tun, später wechselte er in die Verwaltung. „Das war ein Schreibtischjob, da hat mir immer das Handwerkliche gefehlt“, erzählt er. Achim Sachs kennt er bereits seit drei Jahren aus dem Musikverein Maubach, wo er Schlagzeug und sein Chef Tenorhorn spielt. Nachdem Kumars 28-jährige Tochter beruflich auf eigenen Füßen steht und das Elternhaus verlassen hat, kam er mit seiner Frau überein, sich selbst eine Chance zu geben und sich beruflich noch mal neu zu orientieren. Ein Wagnis, „aber mit 54 hat man Erfahrung und kann seine Fähigkeiten einschätzen“, erklärt Kumar.
„Ein Azubi Jahrgang 1968, das kann doch nicht stimmen“
Es folgten Praktika in mehreren Betrieben, unter anderem in einem Fahrradladen, die ihn am Ende zu der Überzeugung führten, dass eine Lehre bei der Firma Sachs das Richtige für ihn ist. Die Verkürzung der Lehrzeit auf zwei Jahre wurde genehmigt, der Vertrag aufgesetzt. Als sich Sabine Sachs um die Formalitäten kümmerte, bekam sie einen Anruf von der Krankenkasse. „Da ploppt was bei uns auf: Ein Azubi Jahrgang 1968, das kann doch nicht stimmen“, so die ungläubige Nachfrage. Als Sabine Sachs versicherte, das habe so seine Ordnung, war die Sachbearbeiterin begeistert: „Respekt, das finde ich toll.“
Generell habe sie bisher nur positive Reaktionen erlebt, betont die Chefin. Klar gehöre Mut dazu, in diesem Alter eine Lehre anzutreten, räumt sie ein, „aber man sagt ja: 50 ist das neue 30.“ Das Berufsbild des Anlagenmechanikers für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik habe sich in den vergangenen Jahren gewandelt, erklärt Achim Sachs. „Der Beruf ist nicht nur anstrengend, man braucht auch den Kopf dafür. Heute muss man auch was von Elektronik verstehen, zum Beispiel bei der Software, die beim Kundendienst eingesetzt wird.“
Das Verhältnis zu seinen Kollegen ist hervorragend, sagt der Chef
Die Firma Sachs beschäftigt sechs Mitarbeiter und hat einen hohen Anteil an Stammkunden. Auf ein gutes Betriebsklima wird großer Wert gelegt. Rajesh Kumars Verhältnis zu seinen Kollegen sei hervorragend, bekräftigt der Chef. Und wenn sein neuer Azubi mit dem Gesellen Leon Weisshaar unterwegs ist und der 20-Jährige dem 54-Jährigen sagt, was zu tun ist, dann ist das für die beiden kein Problem und sorgte höchstens bei den Kunden anfangs für Erstaunen. Überhaupt seien die Kunden unheimlich nett, findet Kumar. „Sie sind froh, dass wir da sind, und stellen Kaffee und Süßigkeiten hin. Wenn das so weitergeht, werde ich einige Kilo zunehmen.“
Ende November fängt für Rajesh Kumar die Berufsschule an, dann ist er im Wechsel eine Woche in der Schule und eine Woche im Betrieb. Kürzlich war Achim Sachs als Ausbilder beim Elternabend in der Schule für seinen Azubi, der älter ist als er selbst.