Nervenerkrankung immer häufiger
Parkinson: Wenn das Gehirn die Kontrolle verliert
Weltweit steigt die Zahl der Parkinson-Fälle – und das nicht nur, weil wir älter werden. Doch es gibt mitunter Wege vorzubeugen: Vor allem zwei Dinge hat man selbst in der Hand.

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Typische Symptome wie unkontrollierbares Zittern, verlangsamte Bewegungen und Gleichgewichtsstörungen treten meist erst im Alter auf. Doch Parkinson beginnt lange vorher.
Von Markus Brauer/Alice Lanzke (dpa)
Parkinson ist eine der am schnellsten zunehmenden neurologischen Erkrankungen weltweit. Allein in Deutschland sind aktuellen Zahlen zufolge fast 300.000 Menschen ab 40 Jahren betroffen. Typische Symptome wie unkontrollierbares Zittern, verlangsamte Bewegungen und Gleichgewichtsstörungen treten meist erst im Alter auf. Doch die Erkrankung beginnt lange vorher.
Eine aktuelle Studie im Fachblatt „BMJ“ prognostiziert, dass sich die Zahl der Betroffenen weltweit von 11,9 Millionen im Jahr 2021 bis 2050 mehr als verdoppeln könnte. Für Deutschland werden 574.000 Erkrankte vorhergesagt. Das wäre nach China, Indien und den USA die vierthöchste Zahl an Patienten.
Parkinson's Disease (PD) is on the rise. According to the @WHO, the prevalence of PD has doubled in the past 25 years, with over 8.5 million people living with the condition globally as of 2019. The same year, PD led to 5.8 million disability-adjusted life years (DALYs) and… pic.twitter.com/WrlDliyBqb — GeneOnline (@GeneOnlineNews) April 3, 2025
Was passiert bei einer Parkinson-Erkrankung?
Bei Parkinson sterben im Gehirn jene Nervenzellen ab, die Dopamin produzieren – ein für die Bewegungssteuerung wichtiger Botenstoff. Dabei ist das Protein Alpha-Synuclein zentral: Fehlgefaltete Formen dieses Proteins verklumpen und lagern sich im Hirn ab.
„Die genauen Ursachen sind aber noch nicht bekannt“, sagt die Neurologin Brit Mollenhauer, Chefärztin an der Paracelsus-Elena Klinik in Kassel. Wahrscheinlich handele es sich um ein Zusammenspiel aus Umwelt-, metabolischen und genetischen Faktoren.
Was sind typische Symptome?
Neben dem typischen Zittern treten Muskelverspannungen, Gang- und Gleichgewichtsstörungen auf. Ebenso können Betroffene eine starre Mimik und eine leise oder monotone Sprache aufweisen. Zudem können sich Schlaf- und Riechstörungen, Depressionen und kognitive Beeinträchtigungen bis hin zur Demenz zeigen.
Was erhöht das Parkinson-Risiko?
- Studien legen nahe, dass eine ganze Reihe von Umweltgiften das Risiko für Parkinson erhöht, darunter vor allem Pflanzenschutzmittel. „Viele Pestizide haben gemein, dass sie Entzündungsprozesse im Hirn und oxidativen Stress auslösen“, erklärt Eva Schäffer von der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Kiel.
- Daneben verändern Pestizide aber auch Stoffwechselvorgänge und setzen weitere Mechanismen im Gehirn in Gang, die zur Krankheit beitragen. Entsprechend beschloss der Ärztliche Sachverständigenbeirat Berufskrankheiten (ÄSVB) 2024 eine wissenschaftliche Empfehlung für eine Berufskrankheit „Parkinson-Syndrom durch Pestizide“ – ein Schritt, der in anderen Ländern schon vor Jahren vollzogen wurde.
- Laut Schäffer gibt es weitere Umweltfaktoren, bei denen sich Hinweise auf ein erhöhtes Parkinson-Risiko mehren, darunter vor allem das häufig genutzte Lösungsmittel Trichlorethylen und Luftverschmutzung, insbesondere in Form von Feinstaub.
- Und schließlich spiele der individuelle Lebensstil eine zentrale Rolle. So gehörten körperliche Inaktivität, aber auch eine an stark verarbeiteten Lebensmitteln reiche Ernährung zu den Risikofaktoren.
Wie kann Parkinson vorgebeugt werden?
Etwa zehn Prozent der Parkinson-Erkrankungen sind genetisch bedingt. Für den weitaus größeren Teil der Fälle ergeben sich aus den Risikofaktoren indes weitreichende Präventionsmöglichkeiten. „Wer moderaten Ausdauersport betreibt, kann das Risiko für Parkinson um bis zu 60 Prozent senken“, betont Schäffer. Dabei müsse es keine bestimmte Sportart sein. „Alles, was Herz- und Atemfrequenz steigert, hilft.“
Auch Mollenhauer hebt hervor: „Bewegung hat eine sehr starke antientzündliche Wirkung und ist eigentlich das beste Medikament, das wir in uns tragen. Insbesondere für Menschen im mittleren Alter wäre eine Stunde Sport am Tag ideal, kombiniert mit einer entsprechenden Ernährung.“
Dabei seien viel Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte vorteilhaft, erläutert Schäffer. „Ballast- und Pflanzenstoffe wirken sich positiv auf das Darmmikrobiom aus. Seit einiger Zeit wissen wir, dass es eine Verbindung zwischen Darm und Gehirn, die Darm-Gehirn-Achse, gibt.“ Dazu passt, dass viele Parkinson-Patienten teils schon Jahrzehnte vor ihrer Diagnose unter schwerer Verstopfung leiden.
Welche Möglichkeiten gibt es nach der Diagnose?
Bewegung und Ernährung sind auch nach der Diagnose wichtige Faktoren – sowohl im Frühstadium vor dem klinischen Ausbruch als auch bei bereits fortgeschrittener Erkrankung.
In beiden Bereichen sei mit den erwähnten Lebensstilfaktoren sehr viel zu erreichen, unterstreicht Neurologin Schäffer. „So kann es beispielsweise gelingen, den Ausbruch der Symptome nach hinten zu verschieben, doch selbst danach kann etwa Sport die Verschlechterung der Beweglichkeit verlangsamen und auch nicht-motorische Symptome wie Verstopfung, Depressionen oder kognitive Probleme lindern.“
Wichtig sei aber die Kombination mit einer guten medikamentösen Behandlung. Hier werden in der Regel Arzneien eingesetzt, die den Botenstoff Dopamin ersetzen sollen. „Wir dürfen natürlich nicht zu viel Medikamente geben, aber wir brauchen Dopamin, um uns bewegen zu können“, erläutert Schäffer. Werde zu stark an den Medikamenten gespart, seien die Patienten steif und schlecht beweglich. „Da wird es dann zum Kampf, in den Sport reinzukommen.“
Wie wird Parkinson behandelt?
Parkinson ist bislang nicht heilbar. Verschiedene Behandlungsansätze können den Krankheitsverlauf allerdings verlangsamen und die Symptome lindern:
- Dabei werden in der Regel zum einen Arzneien eingesetzt, die den Botenstoff Dopamin ersetzen.
- Bewegungs- und Ergotherapien sowie eine angepasste Ernährung helfen zudem vielen Betroffenen, ihre Lebensqualität möglichst lange zu erhalten.
- In fortgeschrittenen Stadien kann auch die Tiefe Hirnstimulation (THS) eine Option sein. Dabei werden Elektroden ins Gehirn eingesetzt, um krankhafte Nervenaktivitäten mit elektrischen Impulsen zu regulieren.
- Ein neuer Ansatz – das sogenannte Beta-Sensing – macht die THS laut Neurologin Mollenhauer noch präziser. „Dabei werden die Elektroden nicht nur zur Stimulation genutzt, sondern ziehen umgekehrt auch Informationen aus dem Hirn, die wiederum anzeigen, wann und wo genau stimuliert werden soll.“
Welche Parkinson-Therapien könnten einmal helfen?
Derzeit wird intensiv an neuen Behandlungsmöglichkeiten geforscht:
- Ein Ansatz sind Antikörpertherapien, die Alpha-Synuklein gezielt binden und dessen Ablagerung verhindern sollen.
- Ein weiterer Forschungszweig setzt auf sogenannte Small Molecules, die gezielt in krankheitsrelevante Prozesse eingreifen. Allerdings sind die ersten Ansätze in klinischen Studien gescheitert.
Dies ist laut Mollenhauer aber kein Beleg für deren grundsätzliche Wirkungslosigkeit. Vielmehr könne es für das Scheitern verschiedene Gründe geben. So bedeute etwa das langsame Voranschreiten von Parkinson, dass sich Therapieeffekte entsprechend spät zeigen könnten.
Zudem setzten viele Behandlungen in Studien erst an, wenn bereits zahlreiche Nervenzellen zerstört seien. „Erfolgversprechender könnte es sein, derartige Medikamente Risikopatienten präventiv anzubieten“, sagt Mollenhauer. Um bessere Ergebnisse zu erzielen, brauche es zudem flexiblere Plattformstudien, in denen mehrere Medikamente gleichzeitig getestet und Dosierungen angepasst werden können.
Welche Möglichkeiten der Früherkennung gibt es?
Die Früherkennung von Parkinson ist eine große Herausforderung, da die Krankheit oft erst diagnostiziert wird, wenn bereits viele Nervenzellen zerstört sind. Erste Warnsignale sindGeruchsverlust, Schlafstörungen oder Verstopfung, die schon Jahre vor den typischen Bewegungseinschränkungen auftreten können.
Daneben wird intensiv an Biomarkern geforscht, um die Krankheit etwa im Blut, im Liquor – also Nervenwasser – oder gar durch eine Hautbiopsie nachzuweisen. Für einen praktikablen Einsatz solcher Biomarker sei aber wichtig, dass diese ohne großen Aufwand untersucht werden können, betont Mollenhauer. „Es ist zum Beispiel unrealistisch, Risikopersonen großflächig zur Liquorpunktion einzuladen.“
Deswegen wäre die Entwicklung eines Bluttests zur Diagnose einer Erkrankung so wichtig, unterstreicht die Neurologin. „Damit könnte Parkinson schon in der Hausarzt-Praxis festgestellt werden und frühzeitig mit der Therapie begonnen werden.“