Neue Studie zu historischem Kriminalfall

Prinz oder Hochstapler: Wer war Kasper Hauser?

Seit fast 200 Jahren ist ungeklärt, wer Kaspar Hauser war und warum er in völliger Isolation aufgezogen wurde. Jetzt bringen DNA-Analysen von zehn Haarproben und einer Blutprobe neues Licht in den Fall – und widerlegt die gängigste Theorie zur Herkunft Hausers.

Restaurant Kaspar Hauser im bayerischen Ansbach: Kaspar Hauser (geboren angeblich am 30. April 1812, gestorben am † 17. Dezember 1833 in Ansbach) wurde als „rätselhafter Findling“ bekannt.

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Restaurant Kaspar Hauser im bayerischen Ansbach: Kaspar Hauser (geboren angeblich am 30. April 1812, gestorben am † 17. Dezember 1833 in Ansbach) wurde als „rätselhafter Findling“ bekannt.

Von Markus Brauer

An Spekulationen über seine Herkunft mangelt es nicht. Trotzdem wurde das Rätsel um den Findling Kaspar Hauser bis heute nie gelöst. Hauser trat, wie es einige Chronisten formulieren, am Pfingstmontag des Jahres 1828 „in die Welt“, genauer gesagt auf den Unschlittplatz in der Nürnberger Altstadt.

Der angeblich in einem Verließ bei Wasser und Brot aufgewachsene, ungelenk wankende und verwirrt wirkende Jüngling landete zunächst im städtischen Gefängnis.

 

 

Rätsel um Kaspar Hausers Herkunft

Das Rätsel um seine Herkunft öffnete ihm aber rasch die Türen zu den bürgerlichen Kreisen der Stadt. Denn die aufkommende Behauptung, Kaspar Hauser sei ein verstoßener badischer Erbprinz, beflügelte geradezu die Fantasie der Nürnberger Salons und bald auch die Europas.

Erst ein Erbgut-Vergleich im Jahr 1996 sorgte für eine Entzauberung der Erbprinzen-Theorie – und bestärkte damit jene, die in Hauser schon immer einen Schwindler und Hochstapler sahen.

Im Dezember 1831 zog Hauser nach Ansbach, wo er die Stelle eines Gerichtsschreibers annahm. Schon zwei Jahre später starb er – wenige Tage nach einer angeblichen Messerattacke im Ansbacher Hofgarten. Auch das bezweifeln manche Hauser-Experten. Sie glauben eher, dass sich Hauser selbst ein Taschenmesser in die Brust gestoßen hatte, um das öffentliche Interesse an seiner Person wachzuhalten. Ein Täter wurde nie gefunden.

 

 

Pathologischer Lügner oder badischer Erbprinz?

Nun sind die Identität und Herkunft Kaspar Hausers seit fast 200 Jahren Gegenstand von Forschung und Diskussion. Neben der Meinung, er sei lediglich ein mehr oder weniger pathologischer Lügner und Betrüger gewesen, ist die langlebigste Theorie diejenige, er wäre der am 29. September 1812 geborene badische Erbprinz, der im Alter von nur 18 Tagen und noch vor Namensgebung starb.

In einer aktuellen Forschungsarbeit von Walther Parson vom Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität Innsbruck und einem Forscherteam werden nun neue DNA-Analysen vorgestellt, die eine langjährige Kontroverse um die Herkunft Kaspar Hausers auflösen. Die Studie ist im Fachjournal „iScience“ veröffentlicht.

"Findling" Kaspar Hauser war zu 99,9994 Prozent kein Prinz. Das fanden Forscher der @imed_tweets mittels DNA-Analyse heraus. #Science#Oesterreichhttps://t.co/00xnNqf0i0 — APA-Science (@APA_Science) August 7, 2024

„Sicherheitslevel von 99,9994 Prozent“ schließt Prinzen-Theorie aus

In diesen Untersuchungen, 2019 in Innsbruck und 2020/21 in Potsdam durchgeführt, wurden neue und erheblich empfindlichere Methoden eingesetzt, welche die Ergebnisse von 1996 bestätigen – mit einem „Sicherheitslevel von 99,9994 Prozent“.

„Die nunmehr gesicherte mitochondriale DNA-Sequenz von Kaspar Hauser (Mitotyp W) weicht deutlich von der ‚badischen“‘Abstammungslinie ab (Mitotyp H1bs). Was eine mütterliche Verwandtschaft zum Haus Baden und damit die weit verbreitete Prinzen-Theorie ausschließt“, erklärt der Innsbrucker Experte für forensische Genomik erklärt.

 

 

Keine Verwandtschaft mit Großherzogin Stéphanie de Beauharnais

Durch die Einbeziehung unterschiedlicher Proben, die unabhängig voneinander und in verschiedenen Laboren untersucht wurden und übereinstimmende Ergebnisse erbrachten, konnte nun erstmals — und im Unterschied zu 1996 — die Authentizität der untersuchten Proben und ihre Zugehörigkeit zu Kaspar Hauser nachgewiesen werden.

Die gefundene Gen-Sequenz schließt eine mütterliche Verwandtschaft mit Stéphanie de Beauharnais – Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte und Großherzogin von Baden – aus. Damit ist die klassische Prinzentheorie widerlegt.

Geografische Herkunft bleibt ungewiss

Die Forscher betonen allerdings, dass dieses Ergebnis nicht als ein Beweis für die konkurrierende Betrügertheorie missverstanden werden sollte. Denn auch wenn Kaspar Hauser kein badischer Prinz war, könnte er dennoch Opfer verschiedener Verbrechen gewesen sein.

Aus der DNA-Sequenz von Kaspar Hauser ist es demnach nicht möglich, spezifische Informationen über seine exakte geografische Herkunft abzuleiten „Der Mitotyp W, der in den Proben von Kaspar Hauser zwischen 1996 und 2022 gefunden wurde, ist zwar relativ selten (circa 0,2 Prozent der Bevölkerung), wird aber dennoch von vielen Menschen in ganz Europa geteilt. Es ist daher nicht möglich, Kaspar Hausers Herkunft allein auf Grundlage seiner mtDNA-Sequenz auf eine bestimmte Region, wie etwa Tirol einzugrenzen“, erklärt Parson.

 

 

Kaspar Hauser behält sein Geheimnis

Tatsächlich sind Identität und Herkunft Kaspar Hausers nach wie vor unklar, denn es konnte durch die Analyse der mitochondrialen DNA lediglich die populärste Theorie ausgeschlossen werden.

„Um seiner tatsächlichen Identität näherzukommen, wären Analysen der Kern-DNA sehr wünschenswert“, so Parson. „Was jedoch nicht anhand seiner Haarproben, sondern nur mit Proben von Blut oder Knochen möglich ist.“

Das Geheimnis des Kaspar Hauser bleibt also weiter bestehen.

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Erstellt:
7. August 2024, 19:28 Uhr
Aktualisiert:
8. August 2024, 08:25 Uhr

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