Prognosesoftware für Einbrüche vor dem Aus?
dpa Stuttgart. Kann eine Computersoftware Einbrüche vorhersagen? Während einige Länder bereits erfolgreich mit dem einen oder anderen Programm arbeiten, müssen Baden-Württembergs Polizisten sehr wahrscheinlich noch ein bisschen länger warten.

Die neue Prognosesoftware „Precobs“ auf einem Laptop im Innenministerium in Stuttgart neben symbolischem Startknopf. Foto: Wolfram Kastl
Einschreiten, bevor es der Einbrecher tut: mit Hilfe des Computers sollen Wohnungseinbrüche immer besser vorhergesagt werden können. Soweit der Plan. Und in dem einen oder anderen Bundesland wird auch bereits in verschiedenen Formen mit dem sogenannten Predictive Policing (vorausschauende Polizeiarbeit) experimentiert. Baden-Württembergs Polizei scheint dagegen wohl noch warten zu müssen, vielleicht sogar noch jahrelang. Zwar hat das Land laut Innenministerium noch nicht entschieden, ob es trotz zweier längerer Testphasen die Hände von einer ausgewählten Software lässt. Aber wirklich zufrieden sind die möglichen Auftraggeber auch nicht mit den vorliegenden Ergebnissen.
Die Hoffnung hatten Polizei und Politik auf die Oberhausener Prognose-Software „Precobs“ gesetzt. Schließlich nutzt auch Bayern das System, in der Schweiz wird es getestet, in Sachsen nun laut Hersteller auch.
Doch nun bemüht sich das Innenministerium in einer Einschätzung um Distanz: Tatsächlich könne „Predictive Policing“ vorhandene Bekämpfungsansätze wohl ergänzen, sagte ein Ministeriumssprecher am Montag in Stuttgart. Der Nutzen von „Precobs“ - eine englische Abkürzung für Kriminalitäts-Vorhersagesystem („pre crime observation system“) - liege aber nicht wie erhofft in der Prognoseleistung, sondern in der strukturierten Analyse und statistischen Datenaufbereitung. Laut Innenministerium ist noch nicht über Kauf oder Aus des Frühwarnsystems entschieden worden. Die „Stuttgarter Nachrichten“ hatten zuerst darüber berichtet.
„Precobs“, entwickelt vom Institut für musterbasierte Prognosetechnik in Oberhausen, wird mit Daten gefüttert, die von vorangegangenen Einbrüchen stammen: der Tageszeit des Einbruchs zum Beispiel, der Art der Beute, dem Vorgehen der Täter oder dem Tatort. Denn professionelle Täter haben ihre Vorlieben: Sie wollen schnell drin und schnell wieder weg sein, sie wägen Risiken und Nutzen ab - und wenn ein Tatort gut erscheint, kommen sie oft innerhalb weniger Tage wieder. Nur diese Einbrüche können mit Hilfe von Precobs vorhergesagt werden. Beziehungs- oder Gelegenheitstaten sowie Beschaffungskriminalität von Drogensüchtigen fallen durch das Raster.
Wirklich überraschend ist die Skepsis des Innenministeriums in Stuttgart nicht: Bereits vor zwei Jahren war eine Studie des Freiburger Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht nach einer ersten Testphase zu einem für die Hersteller enttäuschenden Schluss gekommen. In ländlichen Gebieten, in denen Wohnungseinbrüche seltener als in Großstädten vorkommen, lohne sich der Einsatz nicht, hieß es in der Untersuchung. Die Software sei zwar nicht nutzlos, aber sie sei kein Werkzeug, mit dem die Fallzahlen per Mausklick reduziert werden könnten. Nach dem zweiten Test wurde erneut bilanziert, diese Studie ist aber noch nicht veröffentlicht.
Auch Precobs-Mitgründer Michael Schweer räumt ein, dass die Software weniger für ganze Bundesländer gedacht ist: „Der Erfolg hängt davon ab, wie man sie nutzt“, sagt er der dpa. „Eine Prognose ist umso besser, je mehr Daten für sie zur Verfügung stehen. In Ballungsräumen wie Stuttgart macht Precobs deshalb mehr Sinn als auf dem Land.“ Die Ergebnisse aus Bayern seien „völlig zufriedenstellend“, sagt Schweer. „Und das gleiche trifft auch für Stuttgart und Karlsruhe zu.“ Er führe bereits Gespräche mit Behörden in anderen Bundesländern.
Denn Baden-Württemberg ist keineswegs das einzige Bundesland, das auf Algorithmen setzt, um Tatserien zu erkennen, Einbrüche vorherzusagen und die Polizei rechtzeitig auf die Spur der Täter zu führen. Deutsche Polizeien erinnern allerdings eher an einen Flickenteppich, wenn es um die entsprechend eingesetzte Software geht. Neben Baden-Württemberg testen oder unterhalten Landeskriminalämter in Berlin, Hessen und Niedersachsen, Sachsen, Bayern und Nordrhein-Westfalen spezielle Prognose-Abteilungen oder Programme.
Und genau das ist das Problem: „Langfristig macht es nur Sinn, wenn die Polizei mit einer gemeinsamen Software arbeitet“, sagt Schweer. „Egal, für welches System oder welche Software man sich dann entscheidet.“ Es werde angesichts reisender Straftäter immer wichtiger, die Daten, die man habe, auch zu teilen. Allerdings unterscheide sich die Datenqualität in den Bundesländern enorm. „Die müsste man eigentlich erstmal alle auf einen Stand bringen.“