Ärger beim Arzt
Streit über Strafgebühr für verpasste Termine
Ein Ärzteverband fordert bis zu 100 Euro Strafe, wenn Patienten unentschuldigt fernbleiben. Die Reaktionen aus dem Südwesten sind sehr unterschiedlich.

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Sollten Patienten, die nicht erscheinen, Strafe zahlen?
Von Bettina Hartmann
Angesichts langer Wartezeiten in vielen Praxen fordern Ärzte Strafgebühren für Patienten, die Termine platzen lassen. Um Patienten zu sensibilisieren, wäre „ein Ausfallhonorar von bis zu 100 Euro, je nach Länge des vorgesehenen Termins, erforderlich“, sagte der Sprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske. Zehn bis 20 Prozent der gebuchten Arzttermine würden nicht wahrgenommen, sagt Andreas Gassen, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Die Bundesärztekammer will zudem Patienten zur Kasse bitten, wenn sie ohne Überweisung zum Facharzt gehen.
Hausarzt als Lotse für Patienten
Ärztepräsident Klaus Reinhardt hatte zuvor Pläne von Union und SPD begrüßt, Patienten stärker durch das Gesundheitssystem zu lotsen. So soll ein einziger Arzt für die Patienten erste Anlaufstelle sein und nur im Bedarfsfall an Fachpraxen weiterleiten. Von einem solchen „Primärarztsystem“ verspricht sich die Arbeitsgruppe Gesundheit in den Koalitionsverhandlungen einen schnelleren Zugang zu Terminen bei Fachärzten und Einsparungen in Milliardenhöhe.
Lucha ist skeptisch
Im Südwesten gibt es zu den Plänen unterschiedliche Stimmen. Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) begrüßt grundsätzlich „ die Diskussion um die Einführung von primärärztlicher und sektorenübergreifender Versorgung“. Zur Forderung nach Sanktionsmöglichkeiten bei kurzfristigem Nichterscheinen von Patienten sagte Lucha unserer Zeitung: „Ob ein altes und schon einmal verworfenes Instrument wie die Praxisgebühr zielführend ist, wage ich zu bezweifeln.“ Dennoch verdiene ein derartiges Modell Beachtung – sofern es keine zusätzliche Bürokratie schaffe.
Kassenärztliche Vereinigung: „Arzttermine sind knappe Ressource“
„Wir dürfen mit einer so knappen Ressource wie Arzt- und vor allem Facharztterminen nicht leichtfertig umgehen“, sagt Doris Reinhardt, die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW). Sollte ein Ausfallhonorar erhoben werden, müsse es jedoch so gestaltet sein, dass eine Stornierung für die Patienten und das Einziehen für die Praxen einfach zu bewerkstelligen sei. Florian Wahl, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, betont hingegen, dass derzeit „wichtigere Punkte“ in der Gesundheitsversorgung zu klären seien – so ärgerlich versäumte Termine auch seien. „Was wir vor allem brauchen, ist ein Versorgungsangebot, das dem tatsächlichen Bedarf entspricht. Etwa ausreichend Haus- und Kinderarztpraxen, die zeitnahe Termine vergeben können.“ Auch eine gute Patientensteuerung unter Nutzung der elektronischen Patientenakte hält Wahl für sinnvoller als eine Abschreckung durch Selbstbeteiligungen und Ausfallgebühren.