SWR-Serie „Die Scheune“: Verjüngungskur für geliebten Küchentisch

Die Murrhardterin Sonja Allinger-Helbig überlegt schon länger, wie sich dem betagten Wegbegleiter der Familie ein fachgerechtes Lifting verabreichen lässt. Die Idee, sich bei der SWR-Serie „Die Scheune“ zu bewerben, erweist sich als goldrichtig.

Allein die Gesichter zeugen schon vom Happy End. Schreiner Martin Krauth (links) hat sich des Küchentischs angenommen, um ihn wiederherzurichten. Sonja Allinger-Helbig und ihre Tochter Jasmin (von rechts) können ihn nach der Rundumerneuerung in Empfang nehmen, aber Moderator Arndt Reisenbichler hat noch eine Überraschung für die beiden parat: ein gemeinsames Essen an dem guten Stück. Foto: cvb/SWR/AV Medien

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Allein die Gesichter zeugen schon vom Happy End. Schreiner Martin Krauth (links) hat sich des Küchentischs angenommen, um ihn wiederherzurichten. Sonja Allinger-Helbig und ihre Tochter Jasmin (von rechts) können ihn nach der Rundumerneuerung in Empfang nehmen, aber Moderator Arndt Reisenbichler hat noch eine Überraschung für die beiden parat: ein gemeinsames Essen an dem guten Stück. Foto: cvb/SWR/AV Medien

Von Christine Schick

Murrhardt. In der Zeit, während der Renovierungsarbeiten in ihrem Haus liefen, kristallisierte sich bei Sonja Allinger-Helbig der Wunsch heraus, auch etwas für den in die Jahre gekommenen Küchentisch zu tun. In dem grünen Linoleumbelag gibt es eine ganze Reihe von Verletzungen, sprich Löchern, an anderen Stellen haben sich Flecke ins Material gesetzt. Für eine professionelle Aufarbeitung fand sich bisher aber noch nicht der richtige Ansprechpartner. „Ich hab dann zufällig im Fernsehen mitbekommen, dass man sich für die Sendung ,Die Scheune‘ bewerben kann und es einfach versucht“, erzählt sie. In der SWR-Reihe, die am heutigen Freitag mit einer neuen Staffel an Folgen startet, hauchen Handwerkerinnen und Handwerker alten Stücken neues Leben ein – und bewahren damit viele liebevolle Erinnerungen, so die Zielvorgabe des Senders.

Im Zuge der Bewerbung wird Sonja Allinger-Helbig wieder bewusst, wie lange der alte Dienstherr in der Wohnküche sie und ihre Familie schon begleitet, aber sie recherchiert auch. Klar ist, dass der Tisch in der Nachkriegszeit ins Haus kam. „Mein Opa und meine Mutter wurden am 17./18. April 1945 ausgebombt“, sagt sie. Das Haus nahe der Innenstadt und des heutigen Areals der Murrarkaden wurde getroffen. Das Vieh, vor allem Kühe, musste gerettet werden und anderweitig unterkommen.

„Ich bin mit diesem Tisch groß geworden“

Als ihr Großvater sich mit seiner Tochter entschloss, wieder ein eigenes Haus aufzubauen, schlugen ihm auch kritische Stimmen entgegen. Die beiden ließen sich trotzdem nicht beirren und so entstand in den Nachkriegsjahren 1946/47 das neue Heim, etwas weiter von der Innenstadt entfernt

„Das ist auch mein Geburtshaus“, sagt die 64-Jährige. „Ich bin mit diesem Tisch groß geworden, er begleitet mich von Anbeginn bis heute. Die Wohnküche inklusive Tisch war immer Lebensmittelpunkt für die Familie.“ Ob das Treffen von Mitgliedern des Geflügelzuchtvereins waren, dem ihr Vater vorstand, oder einfach gesellige Runden, bei denen selbst gemachte Wurst und Most aus Äpfeln der eigenen Streuobstwiese auf den Tisch kamen: Das gemeinsame Schmausen fand und findet an dem großen, stabilen Küchentisch statt. Er ist damit ganz selbstverständlich entscheidender Fixpunkt des Miteinanders – für Familie, Freunde, Bekannte, Nachbarschaft.

Ursprünglich stammt der Tisch aus einem Militärdepot

Das hat sich bis heute nicht geändert. Zwar ging es für Sonja Allinger-Helbig in jungen Jahren zunächst an andere Orte im Ländle. Sie absolvierte eine Lehre als Hauswirtschafterin, schloss eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin an, sammelte Berufserfahrung, wechselte aber später auf eine Stelle im Rems-Murr-Kreis und kehrte so nach Murrhardt zurück. Nach dem Tod der Eltern übernahm sie das Haus und so wurde es wieder zu ihrem Lebensmittelpunkt – samt Küchentisch.

Aber wie gelangte der treue Dienstleister damals überhaupt ins Haus? In Gesprächen mit ihrer Mutter fiel immer mal wieder das Stichwort „Militärdepot“. Aber wo könnte das gewesen sein? Sonja Allinger-Helbig ging auf die Familie Schweizer zu, die das Carl-Schweizer-Museum in Murrhardt betreibt und ein guter Ansprechpartner ist, wenn es um regionale Geschichte geht. Sie erfuhr, dass es von Mai 1945 an solche Möbeldepots – die Amerikaner übernahmen sie vom deutschen Militär – für Menschen gab, die durch die Bombenangriffe alles verloren hatten und die dort Möbel – aller Wahrscheinlichkeit nach von Dienststellen und Nachlässen – bekommen konnten. In der Umgebung gab es drei solcher Lagerstätten – in Ludwigsburg, Stuttgart und Schwäbisch Gmünd.

„Er stammt sicher aus solch einem Depot und ich glaube, dass er ursprünglich ein Schreibtisch war“, sagt sie. Indiz sind für sie die zwei abschließbaren Schubladen mit schön gearbeiteten Metallbeschlägen. Nichtsdestotrotz ist der Dienstort Küche seit Einzug in den Nachkriegsjahren ins Haus klar und der Tisch hat den damit verbundenen Auftrag stets gut erfüllt.

Mitstreiter der „Scheune“ legen sich ins Zeug

Umso mehr gefreut hat sich die Murrhardterin, als sie der Anruf vom SWR erreichte. Zusage! Im Juni hieß es dann, den Küchentisch in die Pfalz nach Herxheim-Hayna zu bringen, wo „Die Scheune“ ihren Standort hat. Mieter von Sonja Allinger-Helbig halfen mit, haben den Tisch ins Wohnmobil gepackt, sie und ihre Tochter Jasmin fuhren hinterher. Als sie ins Gebäude kamen, zeugten schon Kameramarkierungen auf dem Boden davon, dass das alte Möbel nun in Szene gesetzt wird, um die Geschichte seines Liftings erzählen zu können. Mutter und Tochter erlebten die Abläufe des Drehs mit Schreiner Martin Krauth, der sich das gute Stück ansah, und Moderator Arndt Reisenbichler. Letzteren kannte Sonja Allinger-Helbig übrigens schon, wie sie am Rande verrät. Denn der SWR war in Murrhardt in letzter Zeit mit gleich zwei Folgen von „Stadt – Land – Quiz“ ziemlich präsent und für die Abschlusssendung im Winter 2021 hatte Reisenbichler das Team damals unterstützt.

Ohne zu viel verraten zu wollen: Die Mitstreiter der „Scheune“ haben sich beim Projekt engagiert ins Zeug gelegt. Sonja Allinger-Helbig und ihre Tochter sind gespannt auf den Beitrag, bei dessen Produktion sie mitgeholfen haben. Nun können sie als Zuschauerinnen aber auch die Schritte der Restauration von Martin Krauth mitverfolgen. Mittlerweile steht das rundumerneuerte Stück auch wieder an seinem Platz in der Küche. Wenn die Folge heute in einer Woche, am Freitag, 21. Oktober, 20.15 Uhr im Dritten ausgestrahlt wird, wollen sie gemeinsam schauen und anstoßen, so der Plan.

Neben der Küchentischrestauration nehmen sich Fachleute auch eines Pelzes und eines Kofferplattenspielers an

Staffelfolgen In der Sendung „Die Scheune – Wie Handwerk alte Schätze rettet“ trifft Gastgeber Arndt Reisenbichler Menschen, die sich erinnern und Handwerker, die es schaffen, diese Erinnerungen mit ihrer Handwerkskunst für die Ewigkeit zu bewahren, so der SWR. Die neue, dritte Staffel startet am heutigen Freitag, 14. Oktober, 20.15 Uhr im SWR-Fernsehen. In der ersten Folge geht es um einen Werkstattschank des Vaters von Renate Kittelmann (Uhldingen-Mühlhofen), den Cocktailsessel von Franz-Josef und Christine Buschs (Grünstadt) Großeltern und die Kaminuhr von Ute Andoks (Straubenhardt) Oma. In der zweiten Folge am Freitag, 21. Oktober, 20.15 Uhr ist dann die Geschichte rund um die Aufmöbelung von Sonja Allinger-Helbigs Küchentisch zu sehen. Außerdem geht es um den Pelzmantel, den Verena Vucašinak (Tübingen) von ihrer Großmutter vermacht bekommen hat, und einen Kofferplattenspieler, der Klaus und Ursula Gissler (Stutensee) einst im (schwieger-)elterlichen Haus zusammenbrachte. Folge drei, Freitag, 4. November, 20.15 Uhr macht die Staffel komplett und erzählt die Geschichten eines großmütterlichen Gemäldes (Christina Spanier, Oberstreit), eines Holzbänkleins der Urgroßeltern (Heide Schmidt mit Familie, Kusterdingen) und eines Damenrennrads aus den 70er-Jahren (Florian Bengert, Karlsruhe).

Mediathek Wer an diesen Freitagabenden keine Zeit hat, die Beiträge zu verfolgen, hat die Möglichkeit, sie übers Internet anzuschauen. Über folgenden Link gelangt man zu den Folgen: https://www.swrfernsehen.de/die-scheune/die-scheune-100.html

Produktionsort „Die Scheune“ ist durch ihre neue Mission Repair-Café, Handwerkertreffpunkt, Reparaturannahmestelle und Werkstatt für unterschiedliche Professionen geworden. Der Produktionsort hat als alte, ehemalige Tabakscheune im Sendegebiet des Südwestrundfunks selbst eine ganz eigene Geschichte. Wie Sonja Allinger-Helbig erzählt, ist im Umfeld früher Tabak angebaut worden.

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Erstellt:
14. Oktober 2022, 06:00 Uhr

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