Toilette im Annonaygarten lässt auf sich warten
Zwei Jahre nach Eröffnung des Parks fehlt noch immer ein WC – Stadt rechnet inzwischen mit Kosten von bis zu 180000 Euro
Seit seiner Eröffnung im September 2017 ist der neue Annonaygarten in Backnang sehr beliebt, allerdings vermissen viele Besucher eine Toilette. Die war eigentlich schon im vergangenen Jahr versprochen worden, lässt aber weiter auf sich warten.

© Pressefotografie Alexander Beche
Auch in diesem Sommer müssen die Nutzer des Annonaygartens auf eine Toilette verzichten. Die neue WC-Anlage wird erst im Herbst geliefert. Foto: A. Becher
Von Kornelius Fritz
BACKNANG. Dass der neue Park auf dem früheren Hallenbadgelände eine Toilette braucht, das hatten bereits die Teilnehmer bei den Bürgerdialog-Veranstaltungen vor fünf Jahren gefordert. Trotzdem beschloss der Gemeinderat 2016 den Bau ohne sanitäre Anlagen. So wollte man Geld sparen, denn 1,5 Millionen Euro für den Annonaygarten waren den Stadträten zu viel. Ein WC sei verzichtbar, denn bis zur öffentlichen Toilette an der Bleichwiese sei es ja nicht weit, hieß es damals. Diese Einschätzung stellte sich allerdings schon kurz nach der Eröffnung des Parks im September 2017 als falsch heraus. Zahlreiche Nutzer des Annonaygartens, vor allem Eltern, beklagten, dass es eine Zumutung sei, mit einem kleinen Kind, das mal dringend muss, rund 200 Meter zurückzulegen. Viele lösen das Problem seitdem pragmatisch und schlagen sich in die Büsche.
Nachdem die Klagen auch den Gemeinderat erreicht hatten, stellten gleich mehrere Fraktionen den Antrag, den Fehler zu korrigieren und nachträglich eine Toilette zu bauen. Im Februar 2018 folgte dann auch ein formeller Beschluss. Noch vor den Sommerferien solle die neue WC-Anlage stehen, versprach die Verwaltung damals – gemeint waren wohlgemerkt die Sommerferien 2018.
Bis November soll das neue WC fertig sein
Ein Jahr später ist der Annonaygarten noch immer ohne Toilette. „Manche Dinge, die gut werden sollen, dauern etwas länger“, erklärt Stadtbauamtsleiter Hans Bruss auf Anfrage. Für die Verzögerung nennt er mehrere Gründe. „Wir mussten erst mal schauen, welche Art von Toilette sich am besten eignet.“ Dafür habe man sich mehrere Modelle von verschiedenen Herstellern angeschaut und auch mit anderen Städten gesprochen, die solche Anlagen bereits in Betrieb haben. Bruss’ Fazit: „Die Unterschiede sind gewaltig.“ Als weiteren Grund für die Verzögerung nennt Hans Bruss die enorme Arbeitsbelastung der Bauverwaltung: „Wir kommen zurzeit nicht mehr hinterher.“
Aber der Amtsleiter hat auch eine gute Nachricht: Inzwischen seien alle offenen Fragen geklärt und der Auftrag könne in Kürze ausgeschrieben werden. Anschließend haben interessierte Firmen vier Wochen Zeit, um ein Angebot abzugeben. „Die Aufstellung der Toilette dauert dann nur ein paar Tage“, erklärt Bruss. Trotzdem dürfte es November werden, bis die neue WC-Anlage in Betrieb geht.
50 Cent Benutzungsgebühr als Schutz vor Vandalen
Die behindertengerechte Toilette soll dort aufgestellt werden, wo momentan der Imbisswagen steht. Dieser wird dafür um ein paar Meter Richtung Park verschoben. Der Standort wurde gewählt, weil dort bereits Anschlüsse für Wasser, Strom und Abwasser liegen. Außerdem gebe es keine Probleme mit dem Hochwasserschutz, weil dieser Bereich außerhalb der Überflutungsfläche eines 100-jährlichen Hochwassers liegt. Beim Bau des Parks hatte die Stadt bekanntlich gegen den Hochwasserschutz verstoßen und musste nachträglich einen Ausgleich in den Oberen Toswiesen leisten. Diesmal habe man alles ganz akkurat geprüft, versichert Bruss.
Die Ausstattung der Kabine ist weitgehend vandalismussicher: Toilette und Waschbecken sind aus Edelstahl, der Boden aus Gummi. Auch eine Benutzungsgebühr von 50 Cent soll ungebetene Gäste abschrecken. An der Bleichwiese und am Bahnhof hat sich das bewährt: Seit man dort bezahlen muss, gebe es deutlich weniger Vandalismus, erklärt Hans Bruss. Die neue Toilette kann außerdem nur tagsüber genutzt werden. Nachts verhindert eine Zeitschaltuhr den Zutritt. Erstmals in Backnang kommt ein selbstreinigendes System zum Einsatz: Klobrille und Fußboden werden nach jeder Nutzung vollautomatisch gereinigt und desinfiziert. Trotzdem werde zweimal täglich ein städtischer Mitarbeiter bei einem Kontrollgang nach dem Rechten sehen, verspricht Bruss.
Auch optisch soll das elf Quadratmeter große Häuschen etwas hermachen: Die Fassade wird mit Resopalplatten verkleidet und vom Backnanger Grafiker Hellmut G. Bomm gestaltet. Die Luxustoilette hat allerdings auch ihren Preis: Im Rathaus rechnet man mit bis zu 180000 Euro – vor einem Jahr war noch von 140000 Euro die Rede. Bei genauerer Prüfung habe sich herausgestellt, dass man zusätzliche Versorgungsanschlüsse legen müsse, außerdem müsse das Höhenniveau angepasst werden, erklärt Bruss die Mehrkosten. Der Zuschuss aus dem Sanierungsprogramm Stadtumbau West fällt hingegen niedriger aus als angenommen. Bruss rechnet jetzt nur noch mit 25000 Euro – also weit weniger als die 60 Prozent Förderung, die Erster Bürgermeister Siegfried Janocha im Gemeinderat in Aussicht gestellt hatte.
Von Kornelius Fritz
Sparsamkeit gilt in schwäbischen Gemeinderäten als höchste Tugend, und das ist in den meisten Fällen auch gut so. Dass man allerdings auch am falschen Ende sparen kann, das hat der Backnanger Gemeinderat beim Annonaygarten bewiesen. Aus Sorge, man könnte ihnen Verschwendungssucht vorwerfen, forderten die Stadträte von der Verwaltung, die Pläne für den Park abzuspecken und die Kosten auf unter eine Million Euro zu drücken. So fielen nicht nur der Wasserspielplatz oder der geplante Steg in die Murr dem Rotstift zum Opfer, sondern auch die WC-Anlage, obwohl schon damals klar war, dass ein zentraler Park ohne sanitäre Einrichtungen nicht funktionieren wird. Es sei denn, man will sich damit abfinden, dass Bäume und Hecken als WC-Ersatz dienen.
Dass der Verzicht auf die Toilette ein Fehler war, haben die Stadträte zum Glück schnell erkannt. Umso ärgerlicher ist, dass es nun schon zwei Jahre dauert, diesen Fehler zu korrigieren. Zumal die Kosten in dieser Zeit noch einmal kräftig gestiegen sind: Stolze 180000 Euro soll das kleine Toilettenhäuschen jetzt kosten. Die Sparversuche des Gemeinderates waren also ein Griff ins Klo.
k.fritz@bkz.de