Baden-Württemberg

Viele Schulschwänzer an Berufsschulen – was kann man dagegen tun?

Wenn Schülerinnen und Schüler regelmäßig dem Unterricht fernbleiben, kann das schwere Folgen haben – bis hin zum Abbruch der Schulkarriere. Wie groß ist das Problem und was kann man tun?

In bestimmten Bildungsgängen an den beruflichen Schulen sind Schulschwänzer ein großes Thema.

© dpa/Julian Stratenschulte

In bestimmten Bildungsgängen an den beruflichen Schulen sind Schulschwänzer ein großes Thema.

Von red/dpa/lsw

Mal den nervigen Mathematik-Unterricht am Nachmittag sausenlassen oder im Sportunterricht blau machen – das dürften manche aus ihrer Schulzeit kennen. Schulschwänzen kann aber auch so weit gehen, dass einzelne Schülerinnen und Schüler nicht mehr regelmäßig im Unterricht erscheinen. Dann spricht man auch von Schulabsentismus. Wie groß das Problem ist, wollte der Berufsschullehrerverband wissen und hat deswegen eine Umfrage gemacht. So sehen die Ergebnisse aus und das muss man zu dem Thema noch wissen:

Wie groß ist das Problem?

In bestimmten Bildungsgängen an den beruflichen Schulen sind Schulschwänzer ein großes Thema. Das geht aus einer Umfrage des Berufsschullehrerverbands unter 230 beruflichen Schulen hervor. Demnach gaben rund 90 Prozent der befragten Schulen an, mindestens ein Drittel der Schülerinnen und Schüler fehle häufig. An etwa 40 Prozent der Schulen kommt sogar nur gut die Hälfte der Schüler regelmäßig zum Unterricht. 

Befragt wurden die Schulen zur Situation in den Bildungsgängen zur Ausbildungsvorbereitung und bei der Beschulung von Flüchtlingen. In den befragten Bildungsgängen lernen laut BLV rund 15.000 Schülerinnen und Schüler. Insgesamt gibt es an den beruflichen Schulen im Land nach Angaben des Statistischen Landesamt rund 388.000 Schüler. 

Wie die Lage schulformübergreifend ist, ist nicht genau bekannt. Das Kultusministerium führt keine Statistik zu Schulschwänzern. Man wolle die Schulen vor zu viel Bürokratie schützen, teilte ein Ministeriumssprecher mit.

Gibt es Unterschiede zwischen den Schularten?

Es gibt aber Eindrücke: Aus Sicht des BLV sind Fehlzeiten auch an beruflichen Gymnasien ein Thema. Der Landesschülerbeirat zufolge gibt es auch viele Rückmeldungen aus Hauptschulen, Werkrealschulen und Realschulen, dass es viele Fehlzeiten gebe. An Gymnasien sei das Problem dagegen seiner Erfahrung nach nicht so groß, sagte der Landesvorsitzende des Landesschülerbeirats, Joshua Meisel.

Warum schwänzen Schüler den Unterricht?

Die Ursachen dafür sind aus Sicht des Kultusministeriums vielfältig. Möglich seien individuelle Gründe, wie etwa schlechte Schulleistungen, Überforderung oder häufiges Sitzenbleiben. Auch familiäre Ursachen wie eine geringe Erwartung der Eltern oder einschneidende Erlebnisse in der Familie seien Risikofaktoren. Schlechte Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern sowie zwischen Schülern untereinander kämen ebenfalls in Betracht, schreibt das Kultusministerium in der Antwort auf eine SPD-Landtagsanfrage. 

In der Umfrage des BLV gaben die Schulen als Gründe für das Fehlen ihrer Schülerinnen und Schüler am häufigsten familiäre Probleme sowie Schulmüdigkeit beziehungsweise schlechte Erfahrungen mit Schule an. Nur in elf Prozent der Fälle fehlten die Schüler der Umfrage zufolge krankheitsbedingt.

Welche Strafen drohen?

Die Verletzung der Schulpflicht ist eine Ordnungswidrigkeit, die die Schulen nach Angaben des Kultusministeriums an die Ordnungsämter melden sollen. Diese leiten Bußgeldverfahren gegen die Eltern ein. Zudem sollen die Schulen die zuständigen Jugendämter informieren, wenn gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung vorliegen. Im Extremfall kann auch den Eltern das Sorgerecht in Schulangelegenheiten entzogen werden. 

Fehlen Schülerinnen und Schüler nur immer mal wieder, kann die Schule auch sogenannte Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen ergreifen und etwa Nachsitzen verordnen. Zudem können häufige Fehlzeiten in das Zeugnis eingetragen werden. Wer unentschuldigt bei Prüfungen fehlt, kann außerdem die Note 6 bekommen. Bei Schülern über 14 Jahren kann auch gegen den Schüler ein Bußgeld verhängt werden. Zudem kann die Schule bei häufigem krankheitsbedingtem Fehlen ein ärztliches Attest oder ein Zeugnis des Amtsarztes anfordern.

Was können Eltern tun, wenn ihre Kinder schwänzen?

Eltern rät das Kultusministerium, möglichst frühzeitig zu handeln. Bemerkten sie Anzeichen von Schulabsentismus bei ihren Kindern, sollten sie schnell mit den Klassenlehrern Kontakt aufnehmen. Helfen könne auch, das Daheimbleiben der Kinder nur bei eindeutiger Krankheit zu erlauben und auch nicht durch Fernsehen, PC, Smartphone oder andere Annehmlichkeiten belohnen. Zudem rät das Ministerium, die eigene Einstellung zu Schule und Lehrkräften zu überprüfen. „Sie sind Vorbild für Ihr Kind“, heißt es in einer Handreichung für Eltern.

Ist es überhaupt schlimm, wenn man schwänzt?

Die Folgen von Schulabsentismus können nach Angaben des Kultusministeriums weitreichend sein – „sowohl für die betroffene Person als auch für deren Umfeld und die Gesellschaft insgesamt“, teilte ein Sprecher mit. So könne Schwänzen für die Schülerinnen und Schüler zu Bildungslücken, Schulabbruch, schlechteren Zukunftschancen und sozialer Isolation führen. Innerhalb der Familien seien zudem Konflikte die Folge. Die Gesellschaft sei zudem durch langfristige Arbeitslosigkeit betroffen. „Mit zunehmender Dauer und Häufigkeit der Fehlzeiten ergeben sich immer weitreichendere Konsequenzen“, heißt es in einer Handlungsempfehlung für Schulen. Deswegen sei es wichtig, möglichst früh zu reagieren.

Wird genug gegen regelmäßiges Schulschwänzen getan?

Aus Sicht des BLV brauchen die Schulen mehr Unterstützung durch Sozialarbeiter. Der Sprecher der Direktorenvereinigung beruflicher Schulen, Christoph Franz sagte: „Es kann nicht sein, dass unsere Lehrkräfte wertvolle Arbeitszeit für das ausufernde Fehlzeitenmanagement verlieren – Arbeitszeit, die viel dringender für die pädagogische Arbeit in der Klasse gebraucht wird.“ Zudem brauche es mehr Sanktionsmöglichkeiten für schwänzende Schüler, etwa die Anordnung von Sozialstunden. 

Aus Sicht des Kultusministeriums tut man in den vom BLV befragten Bildungsgängen schon viel. Diesen stelle man umfangreiche Ressourcen zur Verfügung, die die Schulen auch für Maßnahmen gegen Schulabsentismus nutzten, teilte ein Sprecher mit. „Der pädagogische Ansatz in diesen Bildungsgängen ist sehr flexibel und umfasst Möglichkeiten zum Teamteaching, zu Absprachen im Klassenteam sowie der flexiblen Umsetzung der Stundentafeln.“ Genau das brauche es, um präventiv und frühzeitig bei Anzeichen von Schulabsentismus reagieren zu können.

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Erstellt:
28. März 2025, 13:58 Uhr

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