Rätsel der Evolution
Warum Graben für Säugetiere eine Überlebensstrategie ist
Hätten unsere frühen Säugetiervorfahren keine unterirdischen Bauten angelegt, gäbe es uns heute womöglich nicht. Denn ein grabender Lebensstil ist perfekt für widriges und stark schwankendes Klima geeignet.

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Grabende Säugetiere wie dieser Maulwurf haben während Katastrophen häufig bessere Überlebenschancen.
Von Markus Brauer
Ob Wühlmaus, Fuchs oder Murmeltier: Säugetiere, die graben oder zumindest teilweise unter der Erde leben, sind besonders gut an widriges und stark schwankendes Klima angepasst. Forscher der Philipps-Universität Marburg um die Biologen Stefan Pinkert und Nina Farwig zeigen in einer neuen Studie, dass diese Tiere überdurchschnittlich artenreich in kalten, wenig produktiven und saisonalen Klimazonen sind.
Damit weichen sie nicht nur von der Norm ab, sondern reagieren sogar entgegengesetzt zu nicht-grabenden Säugetierarten. Gleichsam kam es in der Evolutionsgeschichte der Säugetiere gerade in Zeiten großer klimatischer Umbrüche zu einer markanten Zunahme von grabenden Gruppen, wie die Forscher im Fachmagazin „Current Biology“ berichten.
Burrowing facilitated the survival of mammals in harsh and fluctuating climates#science#publication#research#journalhttps://t.co/1Tp8sWsK2x — Life Science Journal Content (@lsn_jc) March 24, 2025
Dinosaurier-Aussterben überlebt
Das Forscherteam analysierte die Lebensweise und Verbreitung von über 4400 Säugetierarten weltweit sowie deren Diversifikation im Verlauf der Evolutionsgeschichte der Säugetiere. Hierbei stellten sie fest, dass grabende Arten in Zeiten starker Umweltveränderungen höhere Diversifikationsraten als nicht-grabende aufweisen.
So überlebten scheinbar besonders grabende Gruppen das Massenaussterben vor 66 Millionen Jahren – als die Dinosaurier ausstarben – und legten damit die Grundlage für den weltweiten Siegeszug der Säugetiere. Auch während späterer Kaltzeiten kam es zu einer verstärkten Ausbreitung dieser Tiere und es entstanden besonders viele evolutionäre Linien von grabenden Säugern.
40 Prozent aller landlebenden Säugetiere leben grabend
„Der Untergrund bietet Schutz vor Prädatoren, am Tag und während der Winterruhe, aber auch in widrigem und stark schwankendem Klima“, erklärt Stefan Pinkert. „Das ist besonders gut im äthiopischen, tibetischen und chilenischen Hochland zu beob
achten, wo wir intensiv forschen. Unsere Ergebnisse zeigen nun, dass dieses Verhalten eine entscheidende Komponente von Überlebensstrategien sehr vieler Arten ist, und es maßgeblich sowohl die Diversitätsmuster als auch die Evolution von Säugetieren beeinflusst hat.“
Die Studie zeigt, dass heute mindestens 40 Prozent aller landlebenden Säugetiere grabend leben. „Viele von ihnen sind von entscheidender Bedeutung für terrestrische Ökosystem der Erde. Als Ökosystem-Ingenieure verbessert ihre Grabaktivität die Bodenstruktur, beeinflusst Wasserflüsse und schafft Rückzugsorte für zahlreiche andere Arten“, erklärt Nina Farwig.
Widerstandsfähiger gegen Folgen des Klimawandels
Dies macht sie nicht nur zu einem zentralen Bestandteil vieler Ökosysteme, sondern könnte auch eine wichtige Rolle in der Widerstandsfähigkeit von Landschaften gegenüber dem Klimawandel spielen.
Die in der Studie gezeigten, unterschiedlichen und sogar gegenläufigen Reaktionen von grabenden und nicht-grabenden Säugetieren auf räumliche und zeitliche Klimaschwankungen unterstreichen, dass Verhaltensweisen wie das Graben in Zukunft stärker in Biodiversitätsprognosen und Schutzstrategien einbezogen werden sollten.