Einsamkeit

Warum Menschen nicht immer einsamer werden

Einsamkeit ist ein schmerzhaftes Gefühl. Der Soziologe Janosch Schobin widerspricht in seinem Buch jedoch dem weit verbreiteten Glauben, es gebe in modernen Gesellschaften eine Einsamkeitsepidemie. Betroffen sind vor allem Teenager und ältere Single-Männer.

Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene scheinen laut Studien heute einsamer zu sein als andere Generationen. (Symbolbild)

© /IMAGO/Dmitrii Marchenko

Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene scheinen laut Studien heute einsamer zu sein als andere Generationen. (Symbolbild)

Von Nina Ayerle

In seinem Roman Vom Ende der Einsamkeit schreibt Benedict Wells: „Das Gegengift zu Einsamkeit ist nicht das wahllose Zusammensein mit irgendwelchen Leuten. Das Gegengift zu Einsamkeit ist Geborgenheit.“ Die meisten Menschen brauchen andere, um sich nicht einsam zu fühlen. Doch es gibt auch jene, die aus dem Alleinsein kreative Kraft schöpfen – zum Beispiel Künstler oder Forscher. Entscheidend ist, dass es sich dann um einen selbst gewählten Zustand handelt.

Gibt es wirklich eine Einsamkeitsepidemie?

Seit der Coronapandemie zeigt sich jedoch, dass immer mehr Menschen unfreiwillig allein sind und sich dadurch einsam fühlen. Ihnen fehlen tragfähige soziale Kontakte. „In der öffentlichen Debatte wird inzwischen häufig von der ‚Einsamkeitsepidemie‘ oder vom ‚Zeitalter der Einsamkeit‘ gesprochen“, sagt der Soziologe Janosch Schobin vom Kompetenznetz Einsamkeit (KNE) am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt am Main. In seinem Buch Zeiten der Einsamkeit untersucht er, ob moderne Gesellschaften tatsächlich einsamer werden. „Es gibt heute die starke Vermutung, dass das so ist“, sagt Schobin. Doch das müsse nicht zwingend der Fall sein.

In seinem Buch stellt Schobin sechs wissenschaftliche Thesen zur Einsamkeit gegenüber: Drei deuten auf eine Zunahme hin, drei auf eine mögliche Abnahme. Die Alterungsthese, die These der verlorenen Gemeinschaft und die These der politischen Entfremdung sprechen dafür, dass Menschen künftig einsamer werden. Doch es gibt auch Argumente dafür, dass besonders Emanzipation, Wohlstand und Inklusion Einsamkeit entgegenwirken.

Diese gesellschaftlichen Entwicklungen greifen oft ineinander. Schobin erzählt von einer Freundin, die er Emmy nennt. Sie zog nach Südamerika und heiratete dort. In Deutschland hatte sie ein breites Netzwerk aus Freunden, politischen Weggefährten und Familie. Nun lebt sie mit einem eher ruhigen Mann in einer Straße, in der jeder Zweite mit ihm verwandt ist. „Warum sie das eine Lebensmodell für das andere aufgegeben hat, leuchtet mir nicht ein“, sagt Schobin. „Aber die Vermutung, dass dabei Einsamkeit eine Rolle spielte, werde ich genauso wenig los wie die Frage, ob sie vielleicht eine Art der Einsamkeit gegen eine andere getauscht hat.“

Die moderne Welt und der demografische Wandel lösen traditionelle Familienstrukturen auf. Viele Menschen verlieren dadurch natürliche Gemeinschaften – ein Prozess, der oft mit zunehmender Einsamkeit in Verbindung gebracht wird. „Seit den 1990er-Jahren genießt die Flexibilisierung unseres Lebens keinen guten Ruf“, sagt Schobin. Der „flexible Mensch“ mit seiner „flüssigen Liebe“ werde als „einsames Wesen ohne Welt“ beschrieben. Auch Globalisierung, Beschleunigung und Digitalisierung stehen im Verdacht, dauerhafte soziale Bindungen zu erschweren.

Einsamkeit könnte radikale politische Einstellungen begünstigen

Einsamkeit hat nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftliche Folgen. Die Soziologen Claudia Neu und Berthold Vogt zeigen in ihrer Analyse Einsamkeit als soziale Frage, dass einsame Menschen sich häufiger aus demokratischen Prozessen zurückziehen. Ihnen fehlt das Vertrauen in Institutionen, sie beteiligen sich seltener an Wahlen und sind anfälliger für Polarisierung und Verschwörungstheorien. Auch Oliver Decker von der Sigmund-Freud-Universität Berlin und Kollegen haben diesen Zusammenhang untersucht.

In ihrer Studie „Einsam und radikal. Eine psychologische Perspektive auf Einsamkeit und demokratiefeindliche Einstellungen“ bleibt jedoch unklar, ob Einsamkeit zu diesen Haltungen führt – oder ob nicht umgekehrt extreme politische Einstellungen das Gefühl der Isolation verstärken. Denn oft wenden sich enge Bezugspersonen von Menschen mit radikalen Ansichten ab.

Daraus kann ein Teufelskreis entstehen: „Je einsamer die Menschen sind, umso weniger unterstützen sie die Demokratie. Und je weniger sie an Demokratie teilhaben, umso einsamer werden sie“, sagt Schobin. Er verweist auf die Überlegungen von Hannah Arendt, die Isolation als zentrales Element totalitärer Systeme betrachtete. „Für Arendts These spricht im Moment empirisch am meisten“, so Schobin.

Besonders gefährdet sind laut aktuellen Studien Jugendliche und junge Erwachsene. Die 2023 veröffentlichte Studie „Extrem einsam. Die demokratische Relevanz von Einsamkeitserfahrungen unter Jugendlichen in Deutschland“ zeigt, dass junge, einsame Menschen in den letzten Jahren besonders anfällig für extreme politische Positionen wurden. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 wählten 18- bis 25-Jährige mehrheitlich die AfD oder die Linke.

Trotzdem, so betont Schobin, wäre es falsch, moderne gesellschaftliche Entwicklungen grundsätzlich zu verteufeln. Nach dem Motto: „Früher war alles besser.“ Emanzipation, Wohlstand und Inklusion könnten auch „soziale Heilsbringer“ sein. „Sie reduzieren Armut, mehren den Wohlstand und ermöglichen eine freiere Entfaltung des Einzelnen“, sagt Schobin. Die Lockerung traditioneller Bindungen an Familie, Klasse oder Religion schaffe Raum für „gewaltfreie, intensive Bindungen, die auf wechselseitiger Zuneigung basieren“.

Die Emanzipation führt zu zufriedeneren Beziehungen für alle

Empirische Studien zeigen zudem, dass mit zunehmender Gleichstellung von Mann und Frau Beziehungen im Schnitt stabiler und erfüllender werden. Das liege laut Schobin an drei Faktoren: Menschen wählen ihre Partner freier, sie verlassen unglückliche Beziehungen schneller und verteilen soziale Lasten gerechter. „Das ist für viele sehr förderlich“, sagt er. In liberalen Gesellschaften gebe es ein „Beziehungsoptimum“ – stabile Partnerschaften, die auf gegenseitigem Wunsch beruhen. Ganz im Sinne von Benedict Wells: Gute Beziehungen schützen besser vor Einsamkeit als irgendwelche Beziehungen.

Doch nicht alle profitieren davon. In einem Armutsviertel in Südamerika untersuchte Schobin, wie sich Einsamkeit in Beziehungen äußert. Sein Fazit: „Diese Partnerschaften dort schützen Menschen oft null vor Einsamkeit.“ Nähe, Körperlichkeit und Vertrauen seien entscheidender als der bloße Beziehungsstatus.

Mehr gesellschaftliche Vielfalt bedeutet auch weniger Ausgrenzung. Früher wurden Menschen aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung oder Hautfarbe aus sozialen Strukturen ausgeschlossen. „Viele Menschen haben lange mit dem tief verankerten Gefühl des Nichts-Wertseins gelebt“, sagt Schobin. Der Abbau von Diskriminierung verringere Einsamkeit in diesen Gruppen.

Ältere alleinstehende Männer sind eine Risikogruppe

Neben Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat Schobin jedoch eine weitere Risikogruppe ausgemacht: alleinstehende Männer. Bestattungsdaten zeigen, dass sie überdurchschnittlich oft am Ende ihres Lebens völlig isoliert sind. „Häufig fallen Männer nach Scheidungen aus dem Raster“, sagt Schobin. Ihr Freundeskreis verkleinert sich über Jahre hinweg, und am Lebensende bleiben sie oft allein zurück. „Wenn einen keiner mehr bestattet, kann nicht mehr viel übrig geblieben sein.“

Die weit verbreitete Vorstellung, dass Menschen heute generell einsamer sind, weil traditionelle Familien- und Beziehungsstrukturen nicht mehr halten, greift aus Schobins Sicht zu kurz. Netzwerke sind heute dynamischer – sie müssen aktiv gepflegt werden, um stabil zu bleiben. Die moderne Gesellschaft schafft zwar neue Formen der Einsamkeit, aber auch neue Wege, ihr zu entkommen.

Ist Einsamkeit nun auch im Körper messbar?

Biomarker Dass Einsamkeit schmerzt und sogar krank machen kann, ist inzwischen weitläufig bekannt. Forschende der chinesischen Fudan-Universität und der britischen University of Cambridge berichten nun in der Fachzeitschrift „nature human behaviour“, sie haben Proteine gefunden, die im Blut von einsamen und sozial isolierten Menschen verstärkt kursieren – eine Art Biomarker der Einsamkeit. Für ihre Studie analysierten sie die Daten von 42 000 Menschen aus der „UK Biobank“ zwischen 40 und 69 Jahren. Diese wurden 14 Jahre lang begleitet.

Auswirkungen Die Forscher fanden insgesamt fünf Proteine, deren Konzentration spezifisch durch Einsamkeit beeinflusst wurde. Diese Proteine stehen nicht nur mit Entzündungen und Stoffwechselprozessen in Verbindung, sondern auch mit Bereichen des Gehirns, die emotionale und soziale Prozesse steuern sowie die Wahrnehmung des eigenen Körperzustands regulieren. (nay)

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Erstellt:
18. März 2025, 13:56 Uhr

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