Nahtoderfahrungen
Was sind die letzten Gedanken eines Sterbenden?
Gibt es ein Leben nach dem Tod? Kann unser Geist diese letzte Schwelle unbeschadet überschreiten? Forscher haben Gehirnscans eines sterbenden Patienten ausgewertet. Diese geben Hinweise darauf, welche Gedanken der Mann kurz vor seinem Tod gehabt haben könnte.

© Imago/Panthermedia
Menschen mit Nahtoderfahrung berichten von einem Übergang, der am häufigsten als Durchgang durch einen Tunnel beschrieben wird, an dessen Ende helles Licht zu sehen ist.
Von Markus Brauer
Sie sehen ein helles Licht, schweben über ihrem Körper oder durchleben noch einmal Szenen aus ihrem Leben: Einige Menschen berichten nach einer Wiederbelebung von ihren Nahtoderfahrungen. Inzwischen mehren sich die Hinweise darauf, dass dies keine Fantastereien sind, sondern im sterbenden Gehirn tatsächlich noch "etwas" geschieht.
Bei Tieren und sterbenden Menschen konnte mithilfe von Hirnstrommessungen ein letzten Anstieg der Hirnaktivität festgestellt werden. Es handelt sich um Schübe von sogenannten Gammawellen, die bei Sauerstoffmangel durch das sterbende Gehirn strömen.
Laut einer neuen Studie sollen 15 Prozent der US-Bevölkerung eine Nahtoderfahrung gehabt haben. Auch aus Deutschland kommen entsprechende Berichte. Menschen, die dem Tod nahe waren, erzählen unabhängig voneinander von Erfahrungen, die sich sehr ähneln https://t.co/sXDo2TYm8O — Jüdische Allgemeine (@JuedischeOnline) March 29, 2024
Gibt es bei Nahtoderfahrungen messbare Hirnaktivitäten?
Wenn es für die meist visuellen Nahtoderfahrungen eine neuronale Basis gibt, dann müsste es im sterbenden Gehirn auch eine messbare Aktivität in den spezifischen Arealen im hinteren Hirnbereich geben. Dort liegen an der Schnittstelle von Schläfen- und Scheitellappen Zonen, die für die höhere Verarbeitung von visuellen Erfahrungen zuständig sind und die auch bei Träumen oder Halluzinationen aktiv sind.
Laut einer US-Studie berichten von den Überlebenden eines Herzstillstands rund 20 Prozent der Befragten über typische Nahtoderfahrungen. Nach einer Befragung von über 2000 Personen in Deutschland durch den Berliner Soziologen Hubert Knoblauch in den Jahren 1997/1998 hatten etwa vier Prozent eine Nahtoderfahrung gehabt.
Was berichten Menschen über ihre Nahtoderfahrungen?
Betroffene berichten häufig davon, dass ihr Leben noch einmal an ihnen vorbeizieht und sie außerkörperliche Erfahrungen machen. Sie haben oft das Gefühl, über ihrem Körper zu schweben und zu beobachten, was um sie herum geschieht.
Andere beschreiben einen Übergang, der am häufigsten als Durchgang durch einen Tunnel beschrieben wird, an dessen Ende helles Licht zu sehen ist. Manche Betroffene berichten von einem Jenseits, in dem sie verstorbenen Verwandten oder übernatürlichen Wesen begegnen.
Was geht im Gehirn von Sterbenden vor?
Doch was geht im Gehirn von Sterbenden tatsächlich vor? Ein internationales Forscherteam mehrerer Universitäten hat versucht, die womöglich letzten Gedanken eines sterbenden Menschen mithilfe von Gehirnscans nachzuzeichnen. Ihre Studie ist in der Fachzeitschrift „Frontiers in Aging Neuroscience“ veröffentlicht worden ist.
What happens in our brain when we die? Imagine reliving your entire life in the space of seconds. That is what our research shows that was published today. Take a look! Enhanced Interplay of Neuronal Coherence and Coupling in the Dying Human Brain https://t.co/ag31ookslH — Dr. Ajmal Zemmar (@DrAjmalZemmar) February 23, 2022
Was zeichnet das EEG bei einem Sterbenden auf?
Bei dem betreffenden Menschen handelte es sich um einen 87-jährigen Mann, der wegen eines Sturzes mit Blutungen zwischen Gehirn und Schädel in die Notaufnahme eines Krankenhauses eingeliefert worden war. Nach der Operation bekam er Krampfanfälle und wurde laut Studie mit einem Elektroenzephalographie-Gerät (EEG) untersucht, um seine Gehirnströme zu messen. Während der Untersuchung bekam er einen Herzinfarkt und verstarb.
Das EEG zeichnete die elektrische Aktivität des Gehirns in der Zeitspanne unmittelbar vor und nach dem Herzstillstand - insgesamt 900 Sekunden - auf. Als die Forscher die Daten auswerteten, stellten sie einen deutlichen Anstieg der Gamma-Hirnwellen – auch Oszillationen genannt – fest.
Diese Gehirnwellen folgen einem bestimmten Muster neuronaler Schwingungen. Sie stehen in enger Wechselbeziehung mit Gehirn-Netzwerkaktivitäten und kognitiven Phänomenen wie dem Träumen und Erinnern, der Konzentration und bewussten Wahrnehmung.
Gibt es einen letzten “Rückruf des Lebens“?
Die Gehirnwellen hörten bei dem Patienten mit dem Eintritt des Todes nicht direkt auf. „Angesichts der Tatsache, dass die Kreuzkopplung zwischen Alpha- und Gamma-Aktivität an kognitiven Prozessen und dem Gedächtnisabruf bei gesunden Probanden beteiligt ist, ist es faszinierend zu spekulieren, ob eine solche Aktivität einen letzten ‚Rückruf des Lebens‘ unterstützen könnte, der im Nahtod-Zustand stattfinden könnte“, schreiben die Forscher.
Problematisch ist, dass die Daten der Studie nur von einem einzigen Patienten stammen und deshalb die Ergebnisse und Deutungen nicht anhand nur einer "Testpersonen" verifiziert werden können. „Es kann letztlich schwierig sein, dies in einer physiologischen Umgebung zu beurteilen, da das Sammeln solcher Daten von ‚gesunden Probanden‘ per Definition unmöglich ist“, heißt es dementsprechend in der Studie.
Zudem gehen die Forscher nicht davon aus, dass gesunde Teilnehmer sterben. Ob der 87-jährige Verstorbene also tatsächlich eine Art Nahtoderfahrung durchlebte, bleibt daher bis auf Weiteres offen.