Ökologische Zeitbombe
Wie alte Munition aus den Weltkriegen die Ostsee gefährdet
Die nach dem Zweiten Weltkrieg in Nord- und Ostsee verklappte Munition rostet auf dem Meeresgrund. Das hat Folgen für die Meeresbewohner, aber auch für den Menschen. Wie soll mit den Kampfmitteln künftig umgegangen werden?
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© GEOMAR/ Christian Howe, www.h2owe.de
Ein Forschungstaucher untersucht eine Seemine aus dem Zweiten Weltkrieg im Munitionsversenkungsgebiet Kolberger Heide in der Kieler Außenförde.
Von Markus Brauer
Aus Altmunition in der südwestlichen Ostsee sind bereits rund 3000 Kilogramm gelöste giftige Chemikalien freigesetzt worden, wie eine neue Studie des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel zeigt.
In Wasserproben aus den Jahren 2017 und 2018 wurden die Substanzen in fast allen Fällen nachgewiesen, insbesondere in der Kieler und Lübecker Bucht. Noch liegen die Werte unterhalb der Schwelle für ein Gesundheitsrisiko. Die Ergebnisse unterstreichen jedoch den Handlungsbedarf bei der Munitionsräumung, um die langfristigen Risiken zu minimieren. Die Studie ist im Fachmagazin „Chemosphere“ erschienen.
Des munitions de guerre ont relâché 3 000 kg d'explosifs toxiques dans la mer Baltique ➡️ https://t.co/Olt4WJ4508pic.twitter.com/YkN2C8EJTL — GEO (@GEOfr) February 27, 2025
300.000 Tonnen Altmunition in der Ostsee
Allein in der deutschen Ostsee liegen Schätzungen zufolge rund 300.000 Tonnen Altmunition. Der Großteil stammt aus gezielten Versenkungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Diese Versenkungsgebiete sind bekannt. Die Munition liegt überwiegend deutlich sichtbar auf dem Meeresboden und kann mit Tauchrobotern dokumentiert und kartiert werden.
Doch sprengstofftypische Verbindungen breiten sich über die Versenkungsgebiete hinaus im Wasser aus. Diese Belastung wird mit fortschreitender Korrosion der Metallhüllen noch zunehmen und Risiken weiter steigen, wenn die Altlasten nicht geborgen werden. Steigende Temperaturen und stärkere Stürme im Zuge des Klimawandels beschleunigen den Zerfall der Munition zusätzlich.
Schadstoffe in fast jeder Probe nachgewiesen
Munitions-Chemikalien konnten in fast jeder Wasserprobe nachgewiesen werden. Die gemessenen Konzentrationen lagen meist weit unterhalb von Grenzwerten für Trinkwasser oder toxikologisch bedenklichen Schwellenwerten für Meeresorganismen. In einigen Fällen näherten sich die Werte allerdings kritischen Konzentrationen, heißt es in der Studie weiter.
„Die Altmunition enthält giftige Substanzen wie TNT (2,4,6-Trinitrotoluol), RDX (1,3,5-Trinitro-1,3,5-triazinan) und DNB (1,3-Dinitrobenzol), die ins Meerwasser freigesetzt werden, wenn die Metallhüllen durchrosten“, erklärt Aaron Beck, Geochemiker am GEOMAR. „Diese Stoffe können die marine Umwelt und die Gesundheit von Lebewesen gefährden, da sie toxisch und krebserregend sind.“
Regionale Unterschiede in der Kontamination
Vermutlich aufgrund unterschiedlicher Munitionstypen zeigten sich zudem regionale Unterschiede bei der Kontamination: Besonders hohe TNT-Konzentrationen wurden in der Kieler Bucht gemessen, während in der Lübecker Bucht vor allem RDX und DNB nachgewiesen wurden. Die Munitions-Chemikalien lagen überwiegend in gelöster Form vor und waren nur in geringem Maße an Schwebstoffe oder Sedimente gebunden.
Die Forscher stellten darüberhinaus fest, dass der aktuelle Bestand an gelösten Munitions-Chemikalien in der Region etwa 3000 Kilogramm beträgt. Ohne Maßnahmen zur Bergung ist mit einem Anstieg der Kontamination zu rechnen, da die Metallhüllen durch Korrosion zunehmend zerfallen und dadurch kontinuierlich mehr chemische Stoffe freigesetzt werden. Dieser Prozess würde noch mindestens 800 Jahre lang andauern.
Globales Umweltproblem
Die Studie unterstreicht, dass die chemische Belastung durch Munitions-Altlasten ein internationales Problem ist. Die Forscher empfehlen, versenkte Altlasten als „historische Kontaminanten mit wachsendem Besorgnispotenzial“ zu betrachten und gezielt zu sanieren.
Aaron Beck: „Im Gegensatz zu diffusen Verschmutzungen liegt die Altmunition in konzentrierter, bereits verpackter Form vor. Sie lässt sich also physisch aus der Umwelt entfernen.“ Die Munitionsräumungen in Deutschland könnten als Modell für die Beseitigung solcher Abfälle auf der ganzen Welt dienen. „Mit den Kriegsaltlasten kann zumindest eine Quelle für die Kontamination des Meeres dauerhaft beseitigt werden.“
Pilotprojekt zur Munitionsbergung
Die Bundesregierung hat ein Pilotprogramm zur Bergung und umweltgerechten Entsorgung von Munitionsaltlasten ins Leben gerufen. Mit einem Budget von 100 Millionen Euro wurden im Herbst 2024 erstmals gezielt Munitionsreste aus der Lübecker Bucht geborgen. In einem zweiten Schritt soll eine autonome Bergungsplattform entwickelt werden, die die Altmunition vor Ort birgt und unschädlich macht.