„25 Prozent Einsparung sind möglich“
Interview Energieberater Frank Müller aus Unterweissach erklärt, wie man durch geändertes Verhalten den Verbrauch im Haushalt spürbar senken kann. Am Montag hält er dazu einen Vortrag an der Backnanger Volkshochschule.

© Alexander Becher
Frank Müller rät zur Anschaffung eines Strommessgeräts. Damit kann man herausfinden, wie viel Energie Geräte tatsächlich verbrauchen. Foto: Alexander Becher
Die Energiepreise gehen momentan durch die Decke. Was haben Sie persönlich in diesem Jahr geändert, um Ihren Energieverbrauch zu reduzieren?
Ich achte noch mehr darauf, heimliche Energieverbraucher im Haushalt zu reduzieren. Das sind zum Beispiel Geräte im Stand-by-Betrieb, die auch ich, obwohl ich es besser weiß, nicht immer ganz ausgeschaltet habe.
In Ihren Vorträgen sagen Sie, vielen von uns fehle das „Gefühl für Energie“. Was meinen Sie damit?
Aufgrund der Tatsache, dass Energie bisher immer billig verfügbar war, wissen wir oft gar nicht, wofür wie viel Energie benötigt wird. Wenn Sie etwa 50 Liter Benzin tanken, dann stecken Sie nur den Rüssel in den Tank und sehen die Uhr laufen. Wenn Sie die 50 Liter mit Eimern reinschütten müssten, würden sie erst einmal sehen, wie viel das eigentlich ist. Weil das Gefühl fehlt, wofür wie viel Energie verbraucht wird, können die Leute auch schwer einschätzen, welche Maßnahmen sinnvoll sind und wann man es mit dem Sparen vielleicht übertreibt.
Kann man dieses Gefühl erlernen?
Ich denke schon. Man sollte sich den Energieverbrauch eben manchmal veranschaulichen. Nehmen wir zum Beispiel alte, ungedämmte Häuser: Die haben einen Energieverbrauch von bis zu 250 Kilowattstunden je Quadratmeter und Jahr. Das ist zunächst mal eine abstrakte Zahl. Umgerechnet bedeutet das aber, dass man diese Häuser bis obenhin mit Öl füllen müsste, um ihren Heizbedarf für zehn Jahre zu decken. Wenn man sich das verdeutlicht, wird klar: Das kann die Welt auf Dauer nicht aushalten.
Die wenigsten Leute verschwenden absichtlich Energie. Woher weiß ich eigentlich, dass mein Energieverbrauch zu hoch ist?
Für sehr viele Bereiche gibt es Energiekennzahlen, die Sie auch im Internet finden. Daraus kann ich zum Beispiel ablesen, welcher Heizbedarf für ein Gebäude in einem bestimmten Alter üblich ist. Genauso gibt es auch Kennzahlen für den durchschnittlichen Stromverbrauch pro Person. Wenn Sie zum Beispiel sehen, dass der durchschnittliche Stromverbrauch für eine vierköpfige Familie bei 3000 Kilowattstunden pro Jahr liegt, Sie verbrauchen aber 5000 oder 6000 Kilowattstunden, dann wissen Sie, dass Sie etwas tun sollten.
Sprechen wir über das Thema Heizen. Wer die Heizung herunterdreht, spart zwar Energie, aber eine Raumtemperatur von 19 Grad ist vielen einfach zu kalt. Gibt es noch andere Möglichkeiten, um den Verbrauch zu senken?
Ja, durch konsequenteres Auswählen, welche Räume wann beheizt werden müssen. Ich bin selbst in einem Haus aufgewachsen, in dem es im Kinderzimmer keinen Ofen gab. Mein Zimmer wurde über den Nachbarraum mitgeheizt. Vielleicht genügt es ja, das Bad nur drei oder vier Stunden am Tag zu heizen. Anstelle des normalen Thermostatventils gibt es Uhrenregler für die Heizung. Wenn ich weiß, ich bin morgens von 6 bis 7 Uhr im Bad, kann ich die so einstellen, dass es genau dann warm ist und die Heizung danach wieder heruntergeschaltet wird. Auch durch Verhaltensänderungen lässt sich der Verbrauch reduzieren, etwa indem ich stoßlüfte, statt dauerhaft ein Fenster zu kippen.
In vielen Baumärkten sind momentan Holzöfen und elektrische Heizlüfter ausverkauft. Sind die eine sinnvolle Alternative zum Heizen mit Gas?
Ein klares Nein. Unser Stromnetz ist gar nicht darauf ausgelegt ist, dass plötzlich viele Haushalte elektrische Heizlüfter betreiben. So ein Gerät verbraucht etwa zwei Kilowatt, dafür brauchen Sie zehn Ampere. Die Sicherungen sind in vielen Häusern aber nur auf 16 Ampere ausgerichtet. Wenn also irgendwo im Haus noch ein zweites Gerät betrieben wird, fliegt Ihnen schon die Sicherung raus. Auch Holzöfen sind aus meiner Sicht keine sinnvolle Maßnahme wegen der Schadstoffe. Wenn das viele machen, ist die Luftqualität in städtischen Regionen nach kürzester Zeit miserabel.
Auch Warmwasser wird oft mit Gas erhitzt. Winfried Kretschmann rät dazu, sich öfter mit dem Waschlappen zu waschen. Haben Sie noch andere Tipps?
Ich denke, man kann die Häufigkeit beim Duschen durchaus reduzieren, ohne dass man anfängt zu riechen. Wenn ich an meine Kindheit denke: Da gab es auch nicht jeden Tag eine Dusche. Das wäre viel zu aufwendig gewesen, weil man das Wasser erst mit dem Holzofen anheizen musste. Erst die ständige Verfügbarkeit von warmem Wasser, das fast nichts kostet, hat zu dem heutigen Nutzerverhalten geführt. Auch durch den Austausch des Duschkopfs kann man den Wasserverbrauch deutlich reduzieren. Wobei man Duschköpfe, die das Wasser zerstäuben, regelmäßig reinigen sollte, damit sich darin keine Keime bilden können. Stichwort Legionellen.
Mancher, der mit Gas heizt, denkt in diesen Tagen auch darüber nach, in eine neue Heizung zu investieren, zum Beispiel mit einer Wärmepumpe. Für wen lohnt sich eine solche Investition und wie lange dauert es, bis die solche Anschaffung amortisiert?
Durch den Einbau einer Wärmepumpe kann man auf jeden Fall Energie einsparen; die Frage, ob sich das auch finanziell rechnet, kann ich aber nicht beantworten, weil die Preisentwicklung momentan derartig sprunghaft ist. Angenommen, ich empfehle Ihnen heute eine Wärmepumpe und der Strompreis verdoppelt sich bis nächstes Jahr, dann rufen Sie mich an und sagen: „Was haben Sie mir denn da empfohlen?“ Was man aber sagen kann, ist, dass jemand, der auf mehrere Energieträger setzt, auf die verschiedenen Entwicklungen der Energiepreise besser reagieren kann.
Auch Strom ist deutlich teurer geworden. Was sind denn die schlimmsten Stromfresser in privaten Haushalten?
Vor allem alte Kühlschränke und Kühltruhen, aber auch alte Waschmaschinen und Trockner. Da empfehle ich, mal mit einem Strommessgerät zu überprüfen, wie viel Energie zum Beispiel für einen Waschgang verbraucht wird. Und dann gibt es auch noch die stillen Stromfresser, von denen viele gar nichts wissen. Mein Rat ist deshalb, abends vor dem Schlafengehen mal auf den Stromzähler zu schauen und am nächsten Morgen gleich nach dem Aufstehen wieder. Dann sehen Sie, wie viel Strom durch Geräte verbraucht wird, die Sie nachts eigentlich gar nicht brauchen.
Welche Geräte sind das?
Das kann zum Beispiel die Telefonanlage oder der Router sein, aber auch die Waschmaschine. Vor einigen Jahren habe ich mal bei einem Elektrohändler den Test gemacht und mit einem Strommessgerät den Verbrauch der ausgeschalteten Waschmaschinen gemessen. Manche Geräte haben bis zu 20 Watt verbraucht, obwohl sie aus Sicht des Kunden aus waren. Wenn Sie das aufs Jahr hochrechnen, sind das 160 Kilowattstunden. Bei Preisen von 50 Cent pro Kilowattstunde, die wir demnächst bekommen, sind das 80 Euro im Jahr. Wenn Sie solche Geräte daheim haben, sollten Sie immer den Stecker ziehen oder eine abschaltbare Steckerleiste verwenden.
Manche Geräte sind ständig am Netz, zum Beispiel WLAN-Router, Ladestationen oder auch Festplattenrekorder. Gibt es hier auch Sparmöglichkeiten?
Man sollte sich erst einmal fragen, ob diese Geräte wirklich immer am Netz sein müssen. Ein Ladegerät kann ich ja aus der Steckdose ziehen, wenn mein Handy gerade nicht lädt. Auch bei einem Router kann man sich fragen, ob man ihn nicht nachts über eine abschaltbare Steckerleiste ausschaltet und am nächsten Morgen wieder hochfährt. Außerdem sollte man beim Kauf neuer Geräte auf niedrige Grundverbräuche achten. Ich würde den Verkäufer im Geschäft immer fragen, wie viel ein Gerät im Stand-by-Betrieb verbraucht. Wenn er diese Frage nicht beantworten kann, empfehle ich, den Laden zu wechseln.
Wie hoch ist das Sparpotenzial in einem durchschnittlichen Haushalt, ohne dass ich frieren oder meinen Komfort sehr stark einschränken müsste?
20 bis 25 Prozent Einsparung sind möglich, sowohl beim Stromverbrauch als auch bei der Heizwärme. Dafür ist aber ein geändertes Nutzerverhalten nötig. Man kann doch die Heizung mal eine halbe Stufe runterdrehen und schauen, was passiert. Ist es dann wirklich schon zu kalt? Oder bedeutet kürzeres Duschen tatsächlich einen Komfortverlust? Während meines Studiums haben wir einen Wettbewerb daraus gemacht, wer beim Duschen mit wie wenig Wasser auskommt und trotzdem sauber wird. Man kann aus dem Energiesparen also auch eine Art Sport machen, der sogar Spaß macht.
Das Interview führte Kornelius Fritz.
Vortrag Zum Thema „Durch Energiesparen Geld sparen“ hält Frank Müller am Montag, 17. Oktober, um 19 Uhr einen Vortrag bei der Volkshochschule Backnang, Bahnhofstraße 2. Die Teilnahme ist kostenlos. Um telefonische Anmeldung unter 07191/9667-0 wird gebeten.Ausbildung Frank Müller ist Maschinenbauingenieur, Technologien zur Energieeinsparung waren ein Schwerpunkt seines Studiums an der Universität Stuttgart.
Firma Seit 1992 ist Frank Müller selbstständig, in Unterweissach betreibt er das Büro Ratioplan. Zusammen mit drei Mitarbeitern unterstützt der 58-Jährige vorwiegend Kommunen bei der Planung von Projekten in den Bereichen Heizungsbau, Haustechnik, Sanitärwesen und Fotovoltaik. Für die Stadt Backnang übernimmt Müllers Firma auch das Energiemanagement in größeren Gebäuden wie Sporthallen und Schulen.