Bewegtes Leben mit großer Familie

Wilhelm Dieterich feiert heute seinen 100. Geburtstag – Nach der Rückkehr aus dem Krieg wird Fornsbach Lebensmittelpunkt

Es ist eine unglaubliche Spanne: Wilhelm Dieterich, der heute seinen 100. Geburtstag feiert, wurde in eine Zeit hineingeboren, die noch nicht allzu weit vom Ende des Ersten Weltkriegs entfernt war, erlebte Weimarer Republik, Drittes Reich, Kriegsende, Wiederaufbau, Aufschwung und die Entwicklung bis heute.

Wilhelm Dieterich (rechts) mit seinem Sohn Werner. Heute kommt die Familie zusammen, um den Jubilar hochleben zu lassen. Foto: J. Fiedler

Wilhelm Dieterich (rechts) mit seinem Sohn Werner. Heute kommt die Familie zusammen, um den Jubilar hochleben zu lassen. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Aktuell ist es für den Jubilar nicht mehr so einfach, zu kommunizieren, insofern hat sich sein Sohn Werner Dieterich Zeit genommen, aus den Familienunterlagen einiges zusammengetragen und berichtet im Gespräch über das, was er aus Erzählungen weiß.

Wilhelm Dieterich ist auf dem Plapphof mit neun Geschwistern groß geworden. Die acht Jungs und zwei Mädchen mussten in der Landwirtschaft der Eltern mit anpacken, es war ein einfaches Leben jenseits unseres heutigen Luxus, nah an der Natur. Vier Geschwister teilten sich ein Bett, „zwei lagen oben und zwei unten“, erzählt Werner Dieterich.

Als Kind hütete Dieterich das Vieh, später machte er eine Schlosserlehre

Dass sich der Schnee im Winter durch die Dachritzen seinen Weg gesucht hat und auf die Bettdecke fiel, gehörte genauso dazu wie eine Sache, die man aus dem Film „Schwabenkinder“ kennt: Wilhelm Dieterich, der auch noch an kühlen Herbsttagen das Vieh auf den Weiden bei Fornsbach oder Spielhof hütete, wärmte sich die nackten Füße in frischen Kuhfladen. Als Jugendlicher konnte er eine Schlosserlehre machen. Weil der Fornsbacher Betrieb Noller Insolvenz anmelden musste, wechselte er zu Albert Weber nach Murrhardt. Im April 1939 meldete sich Dieterich dann freiwillig bei der Marine mit Ausbildung in Glückstadt. Vom Krieg habe er zwar nicht so viel erzählt, berichtet sein 73-jähriger Sohn, trotzdem schildert er einige eindrückliche Szenen. Beispielsweise, wie das Bergen einer Mine schiefging, die an der Bordwand des Suchbootes explodierte, den Einsatz in Norwegen mit Landgängen und schließlich das Anlanden an der Ostsee bei Memel, wo die Kanonen vom Schiff auf Lkw verfrachtet wurden und ihre Einheit ins Landesinnere zog. Zwei Jahre vor Kriegsende stand ein privates, wichtiges Ereignis an: Wilhelm Dieterich trat mit Anne Lang vor den Altar, die beiden heirateten in Fornsbach. Die Familie seiner Frau hatte dort eine Pension gegründet, war sozusagen im Tourismus tätig. Zum Kriegsende war der Weg dorthin unwägbar, weit und ungewiss. Als Wilhelm Dieterich, stationiert hinter Berlin in Richtung Oder, in einem Lager Verpflegung holen sollte und mit leeren Händen zurückkam, hatten seine Führungsleute sich schon abgesetzt. Er fand nur noch ein verbranntes Häufchen irgendwelcher Unterlagen vor. Dieterich floh vor den Russen, kam in englische Gefangenschaft auf die Insel Fehmarn, schlug sich nach der Entlassung zu Kriegsende bis Süddeutschland durch. Auf den letzten Kilometern und Metern bangte er, ob seine Frau, Familie und Verwandtschaft wohlauf sein würden und das Haus noch stand. Vor dem Hintergrund, dass der damalige Bürgermeister Fornsbach den Amerikanern nicht übergeben wollte und SS-Truppen auf dem Rückzug am Waldsee gelagert haben, erzählt sein Sohn Werner, wurde die Gemeinde stark bombardiert. Sie hatten die Pension nicht verloren, aber einer seiner Brüder kam nicht mehr aus dem Krieg zurück.

Die Nachkriegszeit war für Wilhelm Dieterich von Selbstversorgung und Wiederaufbau sowie Familiengründung – dem Ehepaar wurden drei Kinder geschenkt – geprägt. Das Fahrrad diente wie schon in jungen Jahren als Fahrzeug und Transportmittel, auf dem Dieterich auch mal 25 Kilogramm Hühnerfutter nach Hause brachte. Nach ersten Einsätzen in einem Schwäbisch Haller Gipswerk und bei Reparaturen an Fornsbacher Häusern arbeitete Wilhelm Dieterich bei der Murrhardter Firma Louis Schweizer als Betriebsschlosser, der er bis zur Rente treu blieb. Bereits im April 1945 hatte er sich bei der freiwilligen Feuerwehr eingereiht, wo er bis 1970 als Oberfeuerwehrmann engagiert war.

Engagement in der Feuerwehr und der Kirchengemeinde

Später schloss sich ein Ehrenamt im Kirchengemeinderat an, dort war er von 1978 bis 1989 als stellvertretender Vorsitzender aktiv, in Zeiten einer Pfarrstellenvakanz fiel ihm zwischenzeitlich die Verantwortung für die Gemeinde zu. Während seines Engagements waren zentrale Themen der Umbau des Pfarrhauses, da Fornsbach wieder zur ständigen Pfarrstelle wurde, sowie der Gemeindehausbau Mitte der 1980er-Jahre. Fornsbach verlor mit der Kreisgebietsreform 1973 seine Selbstständigkeit und wurde an Murrhardt angeschlossen, eine Sache, an der die Gemeinde lange litt, weil sie vieles nicht mehr in Eigenregie regeln und pflegen konnte, erzählt Werner Dieterich.

In den letzten Jahren musste Wilhelm Dieterich zunehmend Einschränkungen hinnehmen, die Familie hat sich dafür eingesetzt, dass er weiterhin zu Hause gepflegt werden kann – mit Unterstützung von ambulanten Diensten und Hilfen sowie sogenannten Betreuungsleistungen. Letztere ermöglichen ihm auch den einen oder anderen Ausflug mit dem Elektrorollstuhl in Begleitung durchs Dorf, bei dem er sich freut, Nachbarn und Bekannte zu sehen. Heute findet sich die Familie zusammen, um Wilhelm Dieterich gebührend zu feiern. Die Spanne der Generationen kann sich sehen lassen: Der Jubilar hat vier Enkel und sieben Urenkel.

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Erstellt:
27. Juli 2019, 06:00 Uhr

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