Arztpraxen im Raum Backnang: Ohne die Arzthelferinnen läuft nichts

Die Ärzte Ute Ulfert (Backnang) und Gerold Remlinger (Weissach im Tal) betonen die große Bedeutung der Medizinischen Fachangestellten (MFA) für sämtliche Arztpraxen. Gleichzeitig kritisieren die Mediziner die fehlende Wertschätzung seitens einiger Patienten und der Kostenträger.

Ute Ulfert weiß was sie an ihren Medizinischen Fachangestellten hat. Ohne solch kompetente Assistenten wie Stefanie Leibold (vorne) oder deren Kolleginnen könnte sie ihre Praxis schließen. Die MFAs müssen viel wissen und eine gute Einfühlungsgabe haben. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Ute Ulfert weiß was sie an ihren Medizinischen Fachangestellten hat. Ohne solch kompetente Assistenten wie Stefanie Leibold (vorne) oder deren Kolleginnen könnte sie ihre Praxis schließen. Die MFAs müssen viel wissen und eine gute Einfühlungsgabe haben. Foto: Alexander Becher

Von Matthias Nothstein

Backnang/Weissach im Tal. In der Coronapandemie gab es viel Anerkennung für Krankenschwestern, Ärzte oder Kliniken – wenn auch nicht unbedingt finanziell. Hingegen blieben die Leistungen der Medizinischen Fachangestellten (MFA), ohne die keine Praxis bestehen könnte, weitgehend unbeachtet. Zu Unrecht, wie jetzt die Ärzte Ute Ulfert und Gerold Remlinger eindeutig feststellen. Der Weissacher Kinderarzt Remlinger weiß davon, dass manch eine MFA „der Stern in der Praxis ist, der alles am Laufen und am Leben hält“. Und die Backnanger Allgemeinmedizinerin Ulfert verdeutlicht die Bedeutung dieser Helfer: „Ohne sie müsste ich die Praxis schließen. Ein Arzt alleine kann keine Praxis betreiben, der braucht seine Assistentinnen.“

In Ulferts Praxis halten drei Vollzeit- und zwei Teilzeitkräfte sowie zwei Auszubildende und eine Kollegin im Mutterschutz, die derzeit immer wieder einspringt, den Laden am Laufen. Eine dieser MFAs ist Stefanie Leibold. Sie berichtet davon, dass die Stressbelastung seit Corona sehr zugenommen hat. Die Gründe sind vielschichtig. Da ist zum einen das dauerhafte Arbeiten mit Maske, was die Kommunikation vor allem mit älteren Patienten sehr schwierig gestaltet, zumal die MFAs sehr viel koordinieren und besprechen müssen. Die Patienten wollen Rezepte und Überweisungen, sie fragen nach Impfungen und neuen Terminen oder wollen beraten werden. Und trotz aller Sorgfältigkeit darf keine Schlange am Tresen entstehen. All die Aufgaben managen zu können erfordert viel Wissen, eine gute Einfühlungsgabe, Durchsetzungskraft und eine hohe soziale Kompetenz in allen Lebenslagen.

Die Mitarbeiterinnen lösen sich öfter ab, damit die Freundlichkeit erhalten bleibt

Besonders messbar ist der Mehreinsatz wegen Corona an der Telefonzentrale, dort hat die Belastung laut Leibold um 100 Prozent zugenommen. Das Telefon mit vier Leitungen wurde in ein eigenes Zimmer ausgelagert. Früher hatten die Mitarbeiter noch Zeit, nebenher Bürokram zu erledigen oder verschiedene Dinge aufzuarbeiten, wenn es mal nicht klingelte, „das geht seit Corona nicht mehr“, so Leibold. Während früher eine Kollegin einen halben Tag lang den Telefondienst übernehmen konnte, wechseln sich derzeit die Kolleginnen alle ein bis zwei Stunden ab, „damit die Freundlichkeit erhalten bleibt“, so die 41-Jährige.

Die MFA am Telefon leistet einen sehr verantwortungsvollen Dienst, sie muss einschätzen, ob ein Notfall vorliegt oder ob ein Besuch auch in Ruhe geplant werden kann. Aber egal ob Telefon oder Empfangstresen, die Gespräche sind laut Leibold nicht immer nur angenehm. Im Gegenteil. Seit Beginn der Pandemie gibt es viel Ärger. Zu Anfang der Pandemie, als es noch nicht genügend Impfstoff gab und die Ärzte sich an die Reihenfolge der Impfberechtigten halten mussten, wollten sich viele vordrängen. Wiederum andere betraten laut Remlinger die Praxis ohne Maske und demonstrierten hiermit auch den fehlenden Respekt den MFAs und deren Gesundheit gegenüber. Der Arzt beobachtet seit Corona zunehmend aggressive Verhaltensweisen, manch ein Besucher wird ausfällig: „Patienten beziehungsweise deren Eltern zollen den MFAs keinen Respekt. Deshalb habe ich schon einen Aushang an der Anmeldung gemacht, in dem ich diesen einfordere.“ Vor wenigen Wochen musste Remlinger erstmals die Polizei rufen. Er versteht vor diesem Hintergrund, dass manch einer MFA die Lust zu arbeiten vergeht. Einige Patienten haben laut Remlinger Ansprüche, die sehr hochtrabend sind in einer Zeit, in der alle kürzertreten müssen.

„Für mich sind die MFAs mein Standbein, ohne sie könnte ich nichts machen.“

Der Arzt würdigt die Leistungen seiner Mitarbeiter, „für mich sind die MFAs mein Standbein, ohne sie könnte ich nichts machen.“ Am Empfang halten sie den Kopf hin und müssen die Maskenpflicht durchsetzen. Für Remlinger handelt es sich bei den MFAs um einen hoch qualifizierten Ausbildungsberuf. Dass dieser weder von den Patienten noch von den Kostenträgern gewürdigt wird, ärgert den Mediziner: „Sie machen am Telefon und am Empfang schon eine sehr gute Beratung, womit sie uns Ärzte entlasten. Ich wünsche mir von den Patienten mehr Respekt gegenüber meinen fleißigen Helfern und deren selbstständigem Schaffen und von den Kostenträgern mehr Anerkennung in finanzieller Natur.“

Nachdem Remlinger während der Pandemie aus verschiedenen Gründen Mitarbeiter verloren hat, „plötzlich stand ich mit drei Teilzeitkräften da, alle unter 50 Prozent“, konnte er zuletzt wieder zwei Vollzeitkräfte einstellen und so auch seiner künftigen Kollegin Silke Bundschuh, die im April mit einem halben Arztsitz einsteigt, eine Perspektive bieten: „Hätte ich keine MFA gefunden, hätte meine Kollegin nicht anfangen können. Mit den neuen Mitarbeitern bin ich glücklich.“ Remlinger erinnert daran, dass in Backnang zuletzt ein Arzt nicht wegen seines Alters in den Ruhestand ging, sondern weil er keine neuen Sprechstundenhilfen finden konnte.

Trotzdem bleibt viel Büroarbeit an den Ärzten hängen

Personell gibt es in der Praxis Ulfert keine Probleme, Ute und Günther Ulfert beschäftigen drei Vollzeit- und zwei Teilzeitkräfte, zwei Auszubildende und eine Kollegin im Mutterschutz, die derzeit öfter einspringt. Zur Hauptzeit am Vormittag ist die Praxis meist mit fünf MFAs besetzt, über den Mittag sind dann zwei oder drei im Einsatz und am Nachmittag nochmals drei oder vier, je nachdem, ob einer der drei Ärzte – Margit Beutelspacher komplettiert das Team – auf Hausbesuch ist. Trotzdem bleibt viel Büroarbeit an den Ärzten hängen. Ute Ulfert betont, dass sie selbst sehr viel nach Feierabend und am Wochenende erledigt: „Die MFAs hätten während der Arbeitszeit gar nicht die Kapazitäten dazu.“

Für Jens Steinat, Allgemeinmediziner aus Oppenweiler und Vorsitzender der Ärzteschaft Backnang, verschärfen die Einschränkungen in der stationären und ambulanten Medizin die Situation in den Praxen. Diese Einschränkungen würden bei den Patienten so langsam ankommen. Das mache verständlicherweise Sorgen, schaffe auch Unverständnis und führe dadurch zu manchen Diskussionen und Problemen in den Praxen. Steinat: „Ich kann nur um gegenseitige Rücksichtsnahme und einen freundlichen Umgang bitten. Unsere MFAs machen eine tolle Arbeit und verdienen Respekt und einen höflichen Umgang.“

Der Beruf MFA ist trotz allen Ärgers schön, vielseitig und abwechslungsreich

Trotz allen Ärgers, Stefanie Leibold liebt ihren Beruf: „Es ist eine schöne, vielseitige und abwechslungsreiche Tätigkeit, man hat jeden Tag mit Menschen zu tun. Wir unterstützen die Ärzte bei Notfällen, wir nehmen Blut ab, wir machen Labortätigkeiten und arbeiten den Ärzten zu und halten ihnen den Rücken frei. Mir gefällt diese Vielseitigkeit.“ Zuletzt hat sie eine Fortbildung zur Näpa gemacht, das steht für nichtärztliche Praxisassistentin. Zudem ist sie inzwischen Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis (Verah). Jetzt darf sie selbst Hausbesuche machen und in Heimen oder Privathaushalten Blut abnehmen oder impfen. „Das ist schön, dass wir selber raus dürfen. Die Aufgabe ist auch sehr verantwortungsvoll. Wir schauen, wie es den Patienten geht. Vom gesamten Spektrum her ist das ein toller Beruf.“ Und mit einem Lächeln schiebt sie nach: „Klar, es gibt gute und schlechte Tage. Aber nach einem schlechten motivieren wir uns wieder, um am nächsten Tag auch wieder freundlich sein zu können.“ Und das klappt immer.

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Erstellt:
10. November 2022, 06:00 Uhr

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